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Beim letzten Besuch gab es einen Anschlag – auf Thomas Manns Grab

Der Besuch von Frank-Walter Steinmeier in Kilchberg ist nicht der erste eines deutschen Bundespräsidenten in der Zürcher Gemeinde. Vor 36 Jahren trug sich Schreckliches zu.

Das Grab von Thomas Mann und seiner Frau Katia in Kilchberg. Es wurde vor 36 Jahren verschmiert, das Friedhofsgebäude ebenfalls.
Das Grab von Thomas Mann und seiner Frau Katia in Kilchberg. Es wurde vor 36 Jahren verschmiert, das Friedhofsgebäude ebenfalls.
TA

Im August 1982 besuchte der damalige deutsche Bundespräsident Karl Carstens im Rahmen seines Schweizer Staatsbesuchs die Gemeinde Kilchberg am linken Zürichseeufer. Der Staatsbesuch, so schrieb er in seinen 898 Seiten dicken Memoiren auf bescheidenen 40 Zeilen, «ist mir als ein besonders angenehmes Ereignis in Erinnerung». Kein Wunder, denn der hohe Gast hatte keine Ahnung, was sich in der Nacht vor seinem Kilchberger Besuch zugetragen hatte.

Mehr als eine Ahnung davon hatte aber der langjährige Kilchberger Gemeindeschreiber Bernhard Bürgisser, die er aus Anlass seiner Pensionierung vor acht Jahren mit dem «Tages-Anzeiger» teilte. Der Staatsbesuch Carstens beinhaltete einen Besuch des Familiengrabes von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Als der Gärtner Stunden vor Carstens Ankunft das Grab inspizierte, traf ihn fast der Schlag.

Grabstein und Friedhofsgebäude verunstaltet

Aktivisten hatten in der Nacht den Grabstein der Familie sowie das Friedhofshäuschen über und über mit Farbe verschmiert. Bürgisser: «Um 6 Uhr früh klingelte mich der Gärtner aus dem Bett, ich wiederum rief gleich danach den Gemeindepräsidenten an. Sofort boten wir sämtliche ortsansässigen Maler auf, die unverzüglich auf den Friedhof eilten und in Windeseile den Grabstein sauber schrubbten und das Friedhofshäuschen übermalten.»

Als Carstens unter anderem in Begleitung des Schweizer Bundespräsidenten Fritz Honegger in Kilchberg eingetroffen sei, habe nichts mehr auf den nächtlichen Farbanschlag hingedeutet. Nur der Geruch frischer Farbe habe noch schwer in der Luft gehangen.

Nicht die NS-Vergangenheit gab den Ausschlag

Der CDU-Politiker war nicht nur wegen seiner Vergangenheit während der NS-Zeit umstritten, sondern insbesondere auch wegen seiner Haltung gegenüber der Friedensbewegung in Deutschland, die damals zu Beginn der 80er-Jahre in Hochblüte stand. Carstens lehnte insbesondere die einseitige Abrüstung des Westens ab.

Carstens hat in seinen Memoiren erwähnt, dass er Kilchberg im August 1982 besucht hat. Den Grund verschwieg er. Was ihn mit Thomas Mann verband, ist nicht näher bekannt. Überliefert ist, dass er die Verfilmung von Manns Nobelpreis-Buch «Buddenbrooks» als «Hochgenuss» lobte.

Eher bekannt ist, was ihn mit dem anderen grossen deutschen Schriftsteller, Heinrich Böll, verband. Wahrscheinlich nichts Positives. Dessen 1974 veröffentlichtes Buch «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», dem Sympathien für den RAF-Terrorismus unterstellt wurden, veranlasste Carstens, der das Buch mutmasslich gar nicht gelesen hatte, zu einem flammenden Appell.

«Rechtfertigung von Gewalt»

Der damalige Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag: «Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.»

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist in Zürich gelandet. Video: SDA

Dies sei, schrieb der bekannte Grafiker Klaus Staeck viele Jahre später in der Berliner Zeitung, «einer jener unvergessenen, vor Unkenntnis, gar Dummheit strotzenden Sätze aus der Zeit des Deutschen Herbstes». In Kilchberg vermutete man damals, dass der Farbanschlag der politischen Haltung Carstens galt.

Vielleicht wird man sich heute in Kilchberg dieser Anekdote erinnern, wenn der SP-Politiker Frank-Walter Steinmeier Manns Familiengrab besucht. Und sollte es angezeigt sein, könnte man den hohen Gast gleichenorts noch ans Grab von Conrad Ferdinand Meyer führen. Ihm waren Politiker ja auch nicht ganz unbekannt: Der grosse Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts war der Sohn von Regierungsrat Ferdinand Meyer.

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