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«Bereits mit neun Jahren legten sie ihn in Handschellen – zu Unrecht»

Wie Carlos wollen auch seine Eltern in einen Hungerstreik treten und damit gegen die Verlegung ins Massnahmenzentrum Uitikon protestieren. Erstmals äussern sie sich zu den Vorfällen.

Die Eltern von Carlos bei einem Spaziergang in Zürich: Sie wollen anonym bleiben.
Die Eltern von Carlos bei einem Spaziergang in Zürich: Sie wollen anonym bleiben.
Doris Fanconi

Ihr Sohn wird in diesen Tagen vom Gefängnis Limmattal ins Massnahmezentrum in Uitikon verlegt werden. Was sagen Sie dazu?

Vater: Das finde ich krass. Nicht nur wir, sondern auch Fachleute haben immer davor gewarnt, ihn erneut einzusperren. Unser Sohn leidet extrem unter diesem Zustand, weil er seit früher Kindheit immer wieder in Gewahrsam genommen wurde. Bereits im Alter von neun Jahren legte ihn die Polizei in Handschellen, weil er verdächtigt wurde, einen Schopf in Wollishofen in Brand gesteckt zu haben. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Bis zu seinem 18. Geburtstag, den er kürzlich im Gefängnis Limmattal feierte, verbrachte er rund 5 Jahre in geschlossenen Einrichtungen. Davon sind nur 9 Monate eigentliche Haftzeit, die er für eine Messerattacke in Zürich-Schwamendingen verbüsste.

Wie hat sich dieses Ereignis im Alter von neun Jahren auf Ihren Sohn ausgewirkt?

Vater: Katastrophal. Seine Psyche hat dadurch bleibende Schäden genommen. Vier Tage hielt die Polizei den neunjährigen Buben fest.

Wie erklären Sie sich, dass Ihr Sohn erneut eingesperrt wird?

Vater: Dieses Vorgehen zeigt, wie hilflos die Behörden sind. Justizdirektor Martin Graf und Oberjugendanwalt Marcel Riesen haben Angst davor, ihre Jobs zu verlieren. Mein Sohn hat sich während 13 Monaten im Sondersetting vorbildlich verhalten und sich nichts zuschulden kommen lassen. Ende August hat ihn die Polizei verhaftet und grundlos ins Gefängnis Limmattal gesperrt. Just in dieses Gefängnis, in dem er bereits zwei Suizidversuche unternommen hatte.

Ende August war das Sondersetting zu Ende, weil Ihr Sohn verhaftet wurde. Wie hat sich die Festnahme abgespielt?

Vater: Ich habe ihn überzeugt, wegen des Medienrummels eine kleine Auszeit zu nehmen und auf seinen geplanten Thaiboxkampf zu verzichten. Es war eine Reise geplant und bereits alles organisiert. Ich wartete nahe dem Stauffacher auf ihn. Die Polizisten haben ihn quasi vor meiner Nase verhaftet. Er hatte gar keine Zeit mehr, mich anzurufen. Von der Verhaftung berichtete mir der Gefängnisseelsorger Markus Giger, mit dem mein Sohn unterwegs war.

Sie lehnen das Zentrum Uitikon ab. Welche Lösung schlagen Sie vor?

Vater: Mein Sohn soll wieder zurück in das bisher positiv verlaufene Sondersetting. Die neue Sondersetting-Variante von RiesenOggenfuss würde pro Monat 19'600 Franken statt wie bisher rund 29'000 Franken kosten. Das Lerndefizit könnte mein Sohn mit Einzelunterricht wettmachen. Schulisch steht er auf dem Niveau eines Viertklässlers.

Sieht die neue Variante auch das umstrittene Thaiboxtraining vor?

Vater: Das Thaiboxtraining würde mein Sohn in seiner Freizeit absolvieren. Die Kosten dafür würde ich übernehmen.

Ihr Sohn tötete beinahe einen jungen Mann mit dem Messer. Ist ein solches Boxtraining sinnvoll?

Vater: Auf jeden Fall. Durch das Training hat er sich enorm stabilisiert. Er ist viel kontrollierter und ruhiger. Er raucht nicht und trinkt keinen Alkohol, früher kiffte er wie verrückt.

Sie haben soeben Ihren Sohn besucht. Wie geht es ihm?

Vater: Den Umständen entsprechend gut. Er will sich auch weiter gut benehmen, aber auf die Verlegung ins Massnahmezentrum Uitikon reagieren.

Wie?

Vater: Er tritt in den Hungerstreik. Diese Verlegung akzeptiert er nicht, weil er sich während des Sondersettings nichts zuschulden kommen liess und sich auch im Gefängnis Limmattal gut aufführte. Mein Sohn ist enttäuscht und hat das Vertrauen in die Justizbehörden verloren, weil die Behörden immer vor einer Fortsetzung des Sondersettings sprachen. Wir schliessen uns dem Hungerstreik an. Er ist allerdings nicht damit einverstanden, weil er um die Gesundheit meiner Frau fürchtet, die wegen der Probleme in den vergangenen zwei Monaten bereits 16 Kilo verlor.

Glauben Sie, dass Sie mit dem Hungerstreik Erfolg haben werden?

Vater: Davon bin ich überzeugt.

Warum sind die Behörden davon abgerückt, das Sondersetting wie geplant fortzusetzen?

Vater: Ich weiss nicht. Ursprünglich sah alles gut aus, der zuständige Jugendanwalt sendete positive Signale aus.

Steckt politischer Druck dahinter?

Vater: Irgendjemand hat den Mumm verloren.

Ist Ihr Sohn ein Justizopfer?

Vater: Betrachtet man die jüngsten Ereignisse, kann ich die Frage klar mit Ja beantworten.

Das Schweizer Fernsehen löste mit einem Dokfilm den Wirbel um Ihren Sohn und das teure Sondersetting aus. Wie beurteilen Sie diesen Film?

Vater: Eine problematische journalistische Arbeit. Diese assoziativen Schwenker auf Schwerter ohne Begründung. Dann das Pseudonym. Der Name Carlos löst viele negative Bilder aus. Das klingt nach Drogenhändler und Superterrorist. Wenn ich überall von Carlos lese, erkenne ich darin nicht meinen Sohn.

Aber Sie haben dem Film wohl zugestimmt.

Vater: Ich habe mündlich eingewilligt, eine Gesprächssituation zu filmen, bei der ich nur von hinten zu sehen bin. Mein Sohn willigte ebenfalls ein, im Dokfilm mitzuwirken. Er wollte damit zeigen, dass eine solche Massnahme eine gute Sache ist, und versuchte dadurch andere Jugendliche in ähnlichen Situationen zu motivieren. Für spätere Aufnahmen im Zimmer fehlte allerdings das OK. Den fertigen Film habe ich vor der Ausstrahlung nicht gesehen.

Wie wäre das Sondersetting Ihres Sohnes ohne den Dokfilm verlaufen?

Vater: Reibungslos wie in den ersten 13 Monaten. Geplant war, dass meine Frau und ich mit der Zeit die Miete seiner Wohnung in Basel übernehmen und wir auch zu ihm ziehen. Damit wären die Kosten heruntergefahren worden, und die Situation hätte sich normalisiert.

Wann fingen die Probleme mit Ihrem Sohn an?

Vater: Die Behörden haben ihn aus dem ersten Kindergarten geworfen. Die Kindergärtnerin konnte ihn nicht disziplinieren, weil er herumtobte. Sie liess darauf die Kinder in Anwesenheit meines Sohnes darüber abstimmen, ob er noch weiter im Kindergarten verbleiben soll.Mutter: Mein Sohn hatte keine Kindheit.Vater: In der ersten Klasse sagte die Lehrerin, man müsse unserem Sohn sehr viel Aufmerksamkeit schenken, er sei sehr fordernd. Der Psychiater diagnostizierte AHDS, eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung.Mutter: In der zweiten Klasse sorgte er für viel Unruhe in der Schule. Die Lehrerin wollten ihm Ritalin geben. Dagegen wehrte ich mich. Mein Sohn ist normal. Nur vielleicht ein wenig anders wegen seiner schwarzen Wurzeln.

Angesichts dieser Vorfälle müssten bei Ihnen die Alarmglocken geläutet haben.

Vater: Wir hatten Gespräche mit dem Psychiater und haben die Lehrerin darüber instruiert, wie man unseren Sohn führen sollte. Ich habe versucht, mein Möglichstes zu geben.

Wo haben Sie als Eltern im Umgang mit Ihrem Sohn Fehler begangen?

Vater: Die Probleme mit unserem Sohn belasteten unsere Beziehung, worauf meine Frau wieder mehrheitlich in Paris lebte. Darauf war ich an unserem Wohnort Wollishofen öfter auf mich gestellt. Weil ich als selbstständiger Architekt arbeiten musste, war er öfters auf sich allein gestellt und damit ohne Kontrolle. Mutter: Ich habe auch Fehler gemacht. Mein grösster war sicher, dass ich meinen Sohn bei meinem Mann zurückliess. Es war töricht von mir, dass ich auf die Ratschläge meines Mannes hörte. Diesen Entscheid bereue ich mein ganzes Leben. (weint)

Können Sie die Kritik an den hohen Betreuungskosten nachvollziehen?

Vater: Ich verstehe die ablehnende Reaktion von jemandem, der die Hintergründe nicht kennt und nur den tendenziösen Dokfilm des Schweizer Fernsehens sieht. Dadurch habe ich auch ein paar Kollegen weniger und als Architekt ein paar Aufträge verloren. Ein Burn-out habe ich auch hinter mir, habe aber wieder Kraft, um zu kämpfen.

Wie charakterisieren Sie die Beziehung zu Ihrem Sohn?

Mutter: Die Beziehung ist sehr gut. Es gibt keine Probleme zwischen uns, auch wenn ich Fehler gemacht habe. Auch wenn ich nicht bei ihm war, war ich immer für ihn da.Vater:(überlegt lange). Sie ist stabil. Er ist mir gegenüber wegen meiner Fehler kritisch eingestellt. Jetzt bin ich aber voll auf seiner Seite.

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