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Millionenbetrüger Vossen kassiert Freiheitsstrafe von sechs Jahren

Mit angeblich lukrativen Investitionen brachte Felix Vossen Dutzende Menschen um Millionen. Das Bezirksgericht Zürich hat ihn nun zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren verurteilt.

Im Sommer 2016 an die Schweiz ausgeliefert: Felix Vossen an der Berlinale im Februar 2012.
Im Sommer 2016 an die Schweiz ausgeliefert: Felix Vossen an der Berlinale im Februar 2012.
Gerard Julien, AFP
Vor Gericht: Die Kantonspolizei bringt Felix Vossen per Kastenwagen zur Verhandlung.
Vor Gericht: Die Kantonspolizei bringt Felix Vossen per Kastenwagen zur Verhandlung.
Walter Bieri
Vossen was extradited by Spanish authorities to Zurich after friends alleged that he had run off with millions of pounds they had invested in his films
Vossen was extradited by Spanish authorities to Zurich after friends alleged that he had run off with millions of pounds they had invested in his films
Privatarchiv
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Innerhalb von fünf Jahren, zwischen 2009 und 2014, haben die Eltern von Felix Vossen 4,8 Millionen Euro und 500 000 britische Pfund ihrem Sohn zukommen lassen. Der Vater sprang noch zusätzlich mit einem Darlehen von 750 000 Euro bei, als eine laufende Filmproduktion offenbar in einen finanziellen Engpass geriet.

Gibt es einen stärkeren Beweis, wie Eltern an die beruflichen Fähigkeiten ihres Sohnes glauben und seinen Angaben vertrauen?

Im April 2015, sieben Monate, nachdem sie die letzte Tranche überwiesen hatten, reichten die Eltern Strafanzeige gegen ihren Sohn ein. Ihnen muss bewusst geworden sein, dass er sie in all den Jahren angelogen und schlicht übers Ohr gehauen hat. Seit Mai 2016 sitzt Felix Vossen im Gefängnis im vorzeitigen Strafvollzug. Seine Eltern haben ihn kein einziges Mal besucht.

Gibt es einen stärkeren Beweis, wie Eltern ihre abgrundtiefe Enttäuschung über ihren Sohn zum Ausdruck bringen können?

Wie konnte das geschehen?

Die Eltern erschienen auch nicht, als der mittlerweile 43-jährige, aus einer ostwestfälischen Industriellenfamilie stammende Mann gestern Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich erscheinen musste. Je länger die Verhandlung dauerte, desto deutlicher wurde, dass hier bestenfalls noch ein Schatten jenes erfolgsverwöhnten Mannes stand, der zu sein, er jahrelang vorgegeben hatte (siehe Box): Auf einer Jacht in der Karibik ebenso zuhause wie an einem eleganten Fest auf einem englischen Landsitz oder beim Jagdausflug.

Felix Vossen (stehend) will für die von ihm geschädigten Freunde und Bekannten einen Wiedergutmachungsfonds einrichten. Illustration: Julia Kuster
Felix Vossen (stehend) will für die von ihm geschädigten Freunde und Bekannten einen Wiedergutmachungsfonds einrichten. Illustration: Julia Kuster

In Freizeitkleidung steht der bleichgesichtige Deutsche vor Gericht, reibt sich immer wieder die Stirne, verhakt die Finger ineinander, macht die Faust, schaut auf den Boden. Er redet und redet, oft an der Sache vorbei, obwohl er die Worte immer wieder suchen muss und manchmal auch nicht findet. Vom blendenden Manipulator und Charmeur, als der er in der Vergangenheit beschrieben wurde, scheint nichts mehr übrig zu sein. Bloss ein Täuschungsmanöver?

Hier versucht einer – buchstäblich händeringend – zu erklären, wie es geschehen konnte, dass er heute wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Geldwäscherei zur Rechenschaft gezogen wird. Die Akten des Falles füllen fast drei Dutzend Bundesordner.

Das habe er keinesfalls gewollt

Dass er das, was geschehen ist, so keinesfalls gewollt hat, betont er ohne Ende. Die Millionenverluste erscheinen irgendwie das Ergebnis widriger Umstände zu sein. Eine Rechtfertigung für das Debakel ist das nicht. Zwar mag, mindestens noch zu Beginn der Katastrophe, im Satz «Ich war schon immer ein unglaublicher Optimist» das Vertrauen gesteckt haben, dass es schon gut kommt. Vossens andere Erklärung («Das Universum wird nicht zulassen, dass die Leute ruiniert werden») zeigt hingegen, wie sich dieses Vertrauen in eine vage, eigentlich durch nichts gerechtfertigte Hoffnung verwandelt hat. Statt die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, begegnete er dem steigenden Druck und Stress – mit anderen Worten: den immer massiver anfallenden Verlusten – mit Kokain und Medikamenten.

Und die Leute, vor allem aus England und Deutschland, wurden teilweise in arge finanzielle Bedrängnis gebracht. Da ist die Frau, die für Vossen ihre Liegenschaft versilberte. Heute fehlt ihr das Geld, um ihren Lebensstil aufrecht zu erhalten. Da ist der Mann, der sein Unternehmen verkaufte und hoffte, mit dem von Vossen versprochenen Gewinn alle drei Monate 10 000 Pfund beziehen zu können. Der Mann musste wieder ins Erwerbsleben einsteigen. Da ist der Sohn, der Teile des mütterlichen Vermögens investierte in der Hoffnung, aus den daraus resultierenden Zinsen die Gesundheitskosten seiner an Demenz erkrankten Mutter bezahlen zu können. Das Geld ist grösstenteils futsch, die Mutter tot.

Die Anklageschrift listet 33 Geschädigte auf, die laut Gerichtspräsident Sebastian Aeppli je nach Umrechnungskurs 50 bis 60 Millionen Franken in das System Vossen investiert haben. Wobei der Begriff Geschädigte oder Privatkläger nur die juristische Kategorie wiedergibt. Es waren neben den eigenen Eltern in erster Linie seine Freunde und Bekannten und Freunde und Bekannte von seinen Freunden und Bekannten.

Das bekannte Schneeballsystem

Ihnen hatte Vossen zugesagt, ihr Geld gewinnbringend und risikoarm anzulegen mit jährlichen Renditen von etwa zwanzig Prozent. Er gaukelte ihnen vor, er verwalte Vermögen von einer Viertelmilliarde US-Dollars, stehe unter der Kontrolle der Finanzmarktaufsicht. Er täuschte seine Kunden mit gefälschten Konto- und Depotauszügen. Statt die Gelder anzulegen, benutzte er es für sich und seine Firmen und dafür, bestehenden Kunden angebliche Gewinne auszuzahlen. Ein klassisches Schneeballsystem, bei dem es nur eine Frage der Zeit, bis es zusammenkracht.

Dass er die Reissleine nicht zog, versuchte sein Verteidiger zu erklären. Das Schamgefühl und das schlechte Gewissen habe bei Vossen zugenommen und ihn belastet. Er habe sich «seinen Freunden und Bekannten gegenüber verpflichtet gefühlt, diese Verluste wieder gutzumachen. Ein Aufgeben gab es für ihn nicht». Diese «hehre Absicht» sei fatal gewesen.

Teilweise unter Tränen entschuldigte sich Vossen. «Die Vorhaben, die ich gefasst habe, schienen mir realistisch.» Es sei «ganz schlimm», dass einige jetzt Schwierigkeiten hätten. Einer dieser Geschädigten, den einst eine enge Freundschaft mit Vossen verband, hielt im Gerichtssaal dagegen. «Hoffentlich lässt sich niemand von Vossens Krokodilstränen beeindrucken», rief er in den Saal. Vossen sei «sehr manipulativ». Er habe «vierzehn Jahre lang gelogen, betrogen, getäuscht und viele Personen ruiniert».

Vertrauen ausgenutzt

Das Bezirksgericht verurteilte Felix Vossen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Es folgte damit dem Antrag des Verteidigers. Der Staatsanwalt hatte eine Strafe von sechs Jahren und zehn Monaten gefordert. Das Verschulden wiege schwer. Stark ins Gewicht falle, dass es sich teilweise um enge Freunde gehandelt habe, deren Vertrauen er ausgenutzt habe. Neben dem Geständnis wurde dem Mann auch zugute gehalten, dass er das Betrugssystem nicht von Anfang an geplant hatte, sondern nach und nach, mit den steigenden Verlusten, hineingeraten sei.

Da Vossen schon seit längerem im Gefängnis sitzt, kann er mit seiner Entlassung im Frühjahr 2020 rechnen. Dann erwarten ihn Millionenforderungen seiner ehemaligen Freunde. Und mutmasslich manch unangenehmes Wiedersehen. Es ist wohl nicht ganz falsch, auch dies als Teil der Strafe zu sehen.

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