Betragen: Schlecht

Beim Übertritt von der Sekundarschule ins Gymnasium soll in Zukunft eine Verhaltensnote zählen. Ist das der richtige Entscheid?

Wie diszipliniert sollen die Schülerinnen und Schüler sein? Szene aus einem Obwaldner Klassenzimmer im Jahr 1962. Foto: Getty Images

Wie diszipliniert sollen die Schülerinnen und Schüler sein? Szene aus einem Obwaldner Klassenzimmer im Jahr 1962. Foto: Getty Images

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Ja

Künftig benoten die Sekundarschulen neben den klassischen Schulfächern auch das Arbeits- und Lernverhalten der Jugendlichen. Diese Note wird als Vornote für die Aufnahmeprüfung an die Mittelschulen angerechnet. Kaum gab der Bildungsrat die Neuerung bekannt, ging das Geheul los: die armen Kinder! Werden der Macht der Lehrer schonungslos ausgesetzt und schon sooo früh auf Mainstream getrimmt! Gedrillt!

Am liebsten würde man den Kritikern zurufen: natürlich! Genau darum geht es in der Erziehung. Um Macht. Um Drill. Um Anpassung. Doch das wäre ein wenig zu drastisch formuliert.

Aber machen wir uns nichts vor: Erziehung bedeutet, Kinder zu formen, ihnen die gröbsten Ecken und Kanten zu nehmen, damit sie in der Gesellschaft bestehen können. Dazu gehört eine gewisse Macht. Man nennt das auch Autorität.

Und das ist richtig so. Eine Gesellschaft funktioniert nun einmal nur, wenn sich die Menschen an Konventionen halten. Wer es versäumt, das den Kindern beizubringen, der tut ihnen keinen Gefallen.

Das heisst noch lange nicht, dass man die Kinder verbiegt, ihnen Kreativität und Spontaneität abgewöhnt. Kind zu sein, verträgt sich durchaus mit Höflichkeit, Zuverlässigkeit und Fleiss. Wie fast überall geht es auch hier um die Dosis. Wer als Lehrperson dieses Mass nicht hat, der kann auch jede andere Note als Machtmittel missbrauchen. Den allermeisten Lehrpersonen ist es aber ohne weiteres zuzutrauen, die Verhaltensnote verantwortungsvoll zu setzen. Und das heisst: Kinder und Jugendliche sollen an dem gemessen werden, was ihrem Alter entspricht. Und sie sollen ihre Ziele darauf abstimmen.

Das gilt umso mehr für das Ziel Mittelschule. Eine Mittelschule ist eine Schule für jene, die etwas weiter sind. Man kann das ruhig Elite nennen. Dazu gehört auch die Arbeitshaltung. Wer sich nicht organisieren kann, wer unpünktlich ist und ständig die Hausaufgaben vergisst, der ist dort schlicht am falschen Ort. Das ist nicht wertend gemeint.

Dass eine solche Schule die Buben leicht benachteiligt, ist kein Geheimnis. Aber ist das ein Drama? Ist es nicht vielmehr alters- und bedürfnisgerecht, wenn Jungs nicht in eine Ausbildung gepresst werden, die ihnen nicht entspricht? Wenn schon, dann verbiegt der Gymi-Zwang die Kinder, nicht die Rückmeldung zu ihrer Arbeitshaltung in Form einer Note. Zumal die Kinder ja in der Regel ziemlich genau wissen, wo sie stehen und ob sie gern Ufzgi machen.

Anders ist es vielfach bei den Eltern. Gerade jene, deren Kinder, sagen wir, nicht gerade wohlerzogen sind, haben oft Mühe, deren Verhalten einzuschätzen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass dies ein Grund für die Kritik ist: Sie haben Angst davor, zu erfahren, wo der Nachwuchs steht. Und daraus die Konsequenzen ziehen zu müssen.

Nein

Wenn Leute über ihre Schulzeit sprechen, dann kaum je über ihre Strebsamkeit. Sondern über ihre Streiche. Über die Spickzettel, den Schwamm auf dem Stuhl des Rektors – und über Dialoge wie: Der Lehrer: «Viele südfranzösische Namen enden auf -ac. Beispiele?» Der Schüler: «Fettsack.»

Es ist der Job von Lehrern und Eltern, Regeln vorzuleben. Das ist ihre Verantwortung. Sie spielen die Rolle des geradlinigen Typen in der Komödie des Lebens. Also die Rolle, die nie im Gedächtnis bleibt. Dafür bleiben die Komiker, die Leidenschaftlichen, die Wahnsinnigen. Zu Recht. Denn Regeln zu vermitteln, ist das erste Ziel der Erziehung. Das zweite Ziel aber ist der Streich. Keine grosse Leistung wurde je ohne Bruch der Regeln erzielt. Wenn jemand sagte: «Alle machen das so», dann musste jemand sagen: «Wie wäre es, wenn wir exakt das Gegenteil täten?»

Brillanz ist die Ehe von Fleiss und Unverschämtheit. Und wie Fleiss muss auch Unverschämtheit trainiert werden. Gute Pädagogen haben stets ihr Auge auf die Unruhigen, Unfertigen geworfen, denn hier brennt Feuer: das der Zerstörung, aber auch das der Erleuchtung. Profis wie Jesus wussten, was sie taten, als sie das schwarze Schaf mehr liebten als die weissen.

Wenn bald die Verhaltensnoten beim Übertritt ins Gymnasium zählen, ist das Signal klar, was man an der Universität will: fleissiges Mittelmass.

Das ist erstens die bürokratische Korrektur eines Verantwortungsproblems. In einer fragmentierten Gesellschaft sind die Kinder immer schlampiger erzogen, teils aus Vernachlässigung, teils aus Überbeschützung. Zweitens dient es auch der Abwehr von zwei Gruppen: den Buben, die einseitiger, unfleissiger, unreifer sind als die Mädchen – und den Secondo-Kindern, die mit weniger Aufsicht und Nachhilfe grossgezogen werden als ihre Schweizer Schulfreunde.

Das Schweizer Bildungssystem ist ohnehin eine gigantische Verteidigungsanlage des Mittelstands. Rekordspäte Einschulung, sanfte erste drei Schuljahre – und dann ein enorm schnelles Anziehen der Schraube. Das kann man als Schutz der Kinderwelt begreifen, aber auch als perfektes System, das alle, die nicht von zu Haus gepusht werden, schon als Kind durchs Raster fallen lässt.

Kein Wunder, produziert das System 15 Prozent funktionale Analphabeten – ein lebenslängliches Proletariat. Und später gelangen disziplinierte Fleissige ins Gymnasium, ideale mittlere Kader.

Nur: Beide Gruppen sind schlecht gerüstet. Die Nachfrage nach Arbeitern sinkt, aber auch die nach berechenbaren Angestellten. Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts braucht Spezialisten. Und Leute mit Bereitschaft zu Bruch, Kühnheit.

Ja, mehr Disziplin ist notwendig. Nur müsste man unten ansetzen: bei früherer Einschulung, einer fordernden Volksschule. Und später sollte man die Unruhigen, einseitig Begabten fördern. Denn es ist nicht der Fleiss, der im Gedächtnis bleibt. Es ist die Frechheit. Sie Fettsack.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2016, 23:36 Uhr

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