Biber sorgen für Entsetzen – oder für Entzücken

In Andelfingen und Humlikon erregen Biber die Gemüter. Sie lassen Bäche austrocknen und setzen Wiesen und Wälder unter Wasser.

300 Biber gibt es im Kanton Zürich. Die meisten leben im Weinland.

300 Biber gibt es im Kanton Zürich. Die meisten leben im Weinland. Bild: Keystone

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Das offizielle Organ des Zürcher Bauernverbands beklagt sich über die Biber. Am meisten ärgert den «Zürcher Bauer», dass niemand eingreift, obwohl «wegen des Bibers ganze Fischbestände verschwinden». Der Mündungsbereich des Seltenbaches in die Thur führe kein Wasser mehr. Fische könnten darum nicht mehr von der Thur in den Bach und umgekehrt. Schuld daran sei der Biber, der im Bach bei Andelfingen einen Staudamm gebaut habe. Doch das scheine niemanden zu stören.

In der Nachbargemeinde Humlikon ärgert sich Gemeindepräsident Marcel Meisterhans laut dem «Blick» über überschwemmte Wiesen und Wälder. Auch hier haben Biberfamilien den Seltenbach gestaut. Der Veloweg der Gemeinde werde durch die Überflutungen gefährdet, sagt Meisterhans. Zudem drohten angenagte Bäume auf den Weg zu stürzen. Der Präsident der Flurgenossenschaft von Andelfingen, Werner Jucker, fürchtet, dass die Bäume absterben, nachdem ein Biber mit seinem Damm den Wald geflutet hat.

Biber bei Dübendorf

Seit Biber den Rhein zurückerobert haben, breiten sie sich auch an seinen Nebenflüssen und entlang von Bächen aus. Über die Glatt kamen sie sogar bis nach Dübendorf. Im November erreichte zum ersten Mal ein Biber das obere Tösstal und machte in Kollbrunn auf sich aufmerksam. Dieser Biber hat es offenbar geschafft, in der Töss durch Winterthur zu schwimmen. Weil es dort Hindernisse wie grosse Betonschwellen hat, müsse das Tier in der Stadt auch an Land gegangen sein, ist sich Urs Wegmann von der Biberfachstelle des Kantons Zürich sicher.

Die Biberfachstelle wird immer dann eingeschaltet, wenn es Konflikte wie in Andelfingen oder Humlikon gibt. Dass der Seltenbach wegen des Biberdamms ausgetrocknet sei, kann sich Biberexpertin Laura Walther nicht vorstellen. Vielmehr seien die Bäche an vielen Orten ausgetrocknet, weil es im Sommer und im Herbst kaum geregnet habe.

Die Co-Leiterin der Biberfachstelle räumt ein, dass die Trockenheit die Biber zum vermehrten Bau von Dämmen motiviert hat. «Wenn der Wasserspiegel sinkt, kann es passieren, dass der Baueingang über dem Wasser liegt. Dann bauen die Biber Dämme, um den Eingang wieder unter Wasser zu setzen», erklärt sie. Für die Tierwelt im Bach sei das jedoch eher von Vorteil, weil so wenigstens oberhalb des Damms genug Wasser zur Verfügung stehe, um zu überleben.

Drainagen und Absenkungen

Bei Überschwemmungen wie in Humlikon erarbeitet die Biberfachstelle zusammen mit den betroffenen Gemeinden Massnahmen. «In Humlikon haben wir in den Damm ein Drainagerohr gesetzt, damit der Weg nicht mehr überschwemmt wird», erklärt Laura Walther. Ob der Gemeindepräsident damit zufrieden ist, liess sich am Freitag nicht in Erfahrung bringen.

Laut Walther ist es auch möglich, einen Damm abzusenken, um Schäden zu vermeiden. Weil der Biber geschützt ist, muss jedoch jede Massnahme von der Jagd- und Fischereiverwaltung gutgeheissen werden. Entfernt werde ein Biberdamm nur in den seltensten Fällen, sagt Walther. «Ohne Genehmigung der Behörden einen Damm zu zerstören, ist verboten», stellt der Biberexperte Philip Toxböck klar. Für den Leiter des Biberprojekts von Pro Natura bringt das Entfernen eines Biberdamms auf lange Sicht ohnehin nichts. «In ein oder zwei Jahren kommt ein anderes Tier und baut einen neuen Damm.»

Platz für Gewässer

Für den Naturschützer ist das grösste Problem, dass die Gewässer in der Schweiz zu wenig Platz haben. «Sie sind in ein Korsett gezwängt, in Rohren unter der Erde oder in einem Graben. Feuchtgebiete wurden entwässert und trockengelegt.» Die zurückgekehrten Biber träfen hier auf eine vom Menschen umgestaltete Landschaft. «Das Gewässerschutzgesetz verlangt, dass den Bächen und Flüssen wieder mehr Platz gegeben wird», sagt Toxböck. «Der Biber ist dabei der beste Partner. Er bringt Dynamik in die Gewässer und schafft neue Lebensräume, die sich in kurzer Zeit mit Insekten, Amphibien, Fischen und Vögeln bevölkern.»

Den grössten Erfolg konnte der Pro-Natura-Mitarbeiter in Marthalen erwirken, wo Biber mit einem Dammsystem mehrere Hektar Wald überschwemmt haben. Nach jahrelangen Verhandlungen ist es dort gelungen, mit der Gemeinde und dem Kanton ein Waldreservat zu schaffen, das für die nächsten 50 Jahre geschützt bleibt.

In der Kernzone des Reservats haben die Biber freie Hand und es werden keine Bäume mehr gefällt. Für Toxböck ist dank des Bibers ein «Superrevier» entstanden. «Im Wasser stehen tote Bäume, die von Spechten bearbeitet werden, es gibt Prachtlibellen, Frösche und Silberreiher», freut er sich.

Erstellt: 15.12.2015, 11:12 Uhr

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