Bienen im Luxushotel

Das urbane Zürich ist eine Hochburg der Imkerei, denn auf dem Land ist es den Bienen zu monoton geworden. Trotzdem schwärmen sie manchmal aus.

Auf dem Dach eines Zwischengeschosses des Hotels Marriott in der Nähe des Hauptbahnhofs Zürich leben Bienen. (Video: Sarah Fluck)

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Die Honigbienen sind urban geworden. Sie fühlen sich wohler in städtischen Umgebungen mit Pärken und Vorgärten als auf dem Land, wo ihnen Monokulturen und Pestizide das Leben schwer machen. Davon berichtete diese Zeitung gestern. Das trifft ganz besonders auf den Kanton Zürich zu. Landesweit gibt es nur in Bern mehr gemeldete Bienenvölker als in Zürich. Allerdings ziemlich viel mehr: Dort sind es 32'000, in Zürich 16'000. Bedenkt man aber, dass Bern flächenmässig mehr als dreimal grösser und viel weniger stark besiedelt ist, ist die Bienendichte in Zürich bemerkenswert.

Der urbane Imker

Das hat mit einem Trend zu tun: Auf das Urban Gardening folgt das Urban Beekeeping. Peter Schneider ist einer dieser urbanen Imker der ersten Stunde. Nur hat er im Moment gar keine Zeit, davon zu erzählen. Ihm ist nämlich ein Bienenvolk ausgeschwärmt. «Das kalte Wetter ist schuld, das setzt den Völkern zu», sagt er und marschiert in Imker-Vollmontur und mit einem Wassersprayer bewaffnet in Richtung einer klein gewachsenen Föhre, an der eine grosse Traube Bienen hängt.

Dort drohen nicht nur Bienenstiche, sondern auch der Abgrund. Denn Schneiders Bienenstöcke stehen auf einer Terrasse des Zürich Marriott Hotel, unweit des Hauptbahnhofs Zürich. Städtischer gehts kaum. Und der Schwarm hat sich ausgerechnet in einem Geäst ganz am Rand versammelt.

Peter Schneider findet die Bienen im Geäst. Bild: Andrea Zahler

Es ist ein unwirklicher Anblick: Da stehen 24 Holzkisten mit hübschen roten, gelben und blauen Einlassen, um die unzählige Bienen summen. Auf einem dieser Häuschen steht, wie ein Kamin, ein kleiner Apparat, aus dem Rauch aufsteigt, um die Bienen zu beruhigen. Dahinter ragt die Fensterfront des Hotels in die Höhe. All das ist begleitet von einer seltsamen Geräuschkulisse: Tramquietschen und Bienensummen.

Imkerei ist mehr als ein Hobby, es ist eine Berufung.Peter Schneider

«Ich muss nur die Königin erwischen», sagt Schneider beim Vorbeigehen. «Dann folgt das Volk von allein.» Leichter gesagt als getan, denn die Königin sitzt mittendrin. Erst beruhigt er die Bienen mit einem Wassernebel, dann pflückt er eine Gruppe ab, schubst sie in einen Plastikkessel und eilt damit schnell zu einem Bienenkasten. Die Königin hat er noch nicht. Sein Rücken ist schwarz von Bienen, er ist vollkommen in seine Arbeit vertieft. Später wird Schneider sagen: «Imkerei ist mehr als ein Hobby, es ist eine Berufung.»

Matthias Schmid ist Präsident des Kantonalverbands der Zürcher Imkervereine. Dass die Imkerei mittlerweile zu einer städtischen Tätigkeit geworden ist, hat seiner Meinung nach vor allem damit zu tun, dass dies ein aufwendiges Unterfangen ist. «Früher gehörte zu jedem Bauernhof ein Bienenhaus, heute hat kaum mehr ein Bauer Zeit für die Imkerei», sagt er. Der pensionierte Landwirt und Imker weiss, wovon er spricht.

Bienen als Sympathieträger

Dafür springen Stadt-Imker wie Peter Schneider ein. Der Architekt hatte auf seine Pensionierung hin eine zweijährige Ausbildung zum Imker absolviert. Als er 2011 von einem Bekannten hörte, dass das Hotel Marriott einen Imker sucht, meldete sich sofort. Das war der Anfang einer «rundum befriedigenden Zusammenarbeit», wie Michael Böhler, Marketingleiter des Hotels, sagt. «Die Bienen sind wichtig für die Natur und Sympathieträger. Sowohl unsere Mitarbeitenden wie auch unsere Gäste reagieren sehr positiv darauf.» Auf dem Morgenbuffet steht hauseigener Honig, in der Bar wird hauseigener Gin mit dem Honig angereichert serviert. Wurde noch nie ein Gast gestochen? «Wir achten schon darauf, dass die Terrassentür stets abgeschlossen ist», sagt Böhler. Reklamationen habe es noch nie gegeben.

Im Marriott sind die Bienen beliebt: Reklamationen gab es bisher keine. Bild: Andrea Zahler

Die Zahlen zeige, dass gerade in städtisch geprägten Gemeinden besonders viele Bienenstände unterhalten werden. In der Stadt Zürich sind 169 Standorte, in Winterthur 91 gemeldet, auffällig viele gibt es aber auch in Illnau-Effretikon, Dietikon, Horgen und Wädenswil. Dazu kommen all die Bienenhotels für Wildbienen in Vorgärten und auf Dachterrassen.

Etwas anders sieht es aus, wenn man die Anzahl Bienenvölker pro Stand berücksichtigt: Dann rückt die Stadt Zürich etwas zurück, die Agglomeration aber bleibt stark vertreten. Kantonalpräsident Schmid sagt: «Es gibt nicht nur den klaren Trend vom Land auf die Stadt, die Imker haben heute im Schnitt auch deutlich weniger Völker, was auf viele Hobbyimker hinweist.» Betrachte man die Bienendichte pro Quadratkilometer, liege der Kanton Zürich etwa im Schnitt.

Ausgelernt hat man in der Sache aber nie.Peter Schneider, Imker

Peter Schneider hat es geschafft: Die Königin sitzt im Kasten. Mit einer Bienenbürste bugsiert er eine Schar Bienen, die auf dem Deckel krabbeln, ins Innere. Dann sagt er: «Nach einiger Zeit wird sich das Volk hier versammelt haben.» Heisst etwas warten. Zeit zum Plaudern. Mit einer weit ausholenden Bewegung weist er in die Runde. «Dort vorn blühen gerade die Rosskastanien für meine Bienen, danach kommen die Akazien, danach die Lindenblüten.» Und das Marriott habe vor einigen Jahren zudem auf dieser Terrasse eine üppige Blumenwiese angelegt. «Meinen Bienen geht es richtig gut.»

Diesen urbanen Honigbienen geht es gut. Bild: Andrea Zahler

Auch Matthias Schmid bezweifelt nicht, dass es den Stadtbienen gut geht, vielerorts besser als auf dem Land, wo Monokulturen und Pestizide den Bienen zusetzen. Eine Einschränkung hat er: «Die Leute sollten ihr Handwerk verstehen.» Tatsächlich kann derzeit jede und jeder Honigbienen halten. Der Kantonalverband bietet zwar Kurse für Imkerei an, die gut besetzt sind. Aber obligatorisch sind diese nicht. In Deutschland wird derzeit aber diskutiert, für die Imkerei einen Fachausweis vorzuschreiben. In der Schweiz ist es noch nicht so weit, da kann Bienen halten, wer will, wo er will. Der Kantonalverband rät aber davon ab, Bienenstände in unmittelbarer Nähe zu Fussgängerzonen oder Schrebergartenarealen zu wählen. An solchen Orten werde es früher oder später zu Konflikten kommen.

Peter Schneider hat eine zweijährige Ausbildung zum Imker absolviert, sagt aber: «Ausgelernt hat man in der Sache nie.» Besonders fordernd sei der Umgang mit den verschiedenen Bienenkrankheiten, wie etwa der von einer Milbe verursachten Varrose. «Man muss seine Völker sehr gut beobachten, um rechtzeitig reagieren zu können, wenn eine Massnahme nötig ist.»

Mit den Bienen nach Höngg

Milben bedrohen die Honigbienen. Doch heisst es auch gelegentlich, dass die Honigbienen die Wildbienen bedrohen. Tatsächlich zeigen einige Studien, dass dort, wo viele Honigbienen leben, die Zahl und Vielfalt der Wildbienen und anderer Bestäuber zurückgehen. Diese Beobachtung führt dazu, dass sich Imker und Naturschützer gelegentlich in die Haare kriegen. Allerdings konnte auch aufgezeigt werden, dass sich die Wildbienen an solchen Orten dafür stärker vermehren. Schmid sagt: «Es ist unsinnig, Wildbienen und Honigbienen gegeneinander auszuspielen. Man würde sich besser zusammentun, um für mehr Blumenwiesen und weniger Pestizideinsatz zu kämpfen. Das nützt allen Arten.»

Peter Schneiders ausgebüxter Bienenschwarm hat sich unterdessen folgsam um den bereitgestellten Kasten versammelt. Die Tiere lassen sich problemlos darin verstauen. Und was geschieht nun mit ihnen? «Würde ich sie in den alten Stock zurücktun, wären sie bald wieder weg», sagt Schneider. «Die brauchen offenbar eine Luftveränderung.» Er packt die summende Kiste, geht durch einen Hinterausgang des Hotels in die Garage, steigt ins Auto und fährt das Bienenvolk nach Höngg, wo er ebenfalls einen Bienenstand hat. Dafür zügeln demnächst Höngger Bienen ins Marriott, wenn ihnen der Sinn nach etwas mehr Stadtluft steht.

Erstellt: 01.06.2019, 13:51 Uhr

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