Bildungsdirektorin Silvia Steiner brüskiert Mittelschulrektoren

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) wirft den Mittelschulen vor, sie würden zu viele Schüler aufnehmen, um Pauschalen zu kassieren. Die Rektoren reagieren empört.

Ihr Vorwurf sorgt für Unruhe: Regierungsrätin Silvia Steiner, hier bei einer Medienkonferenz zum neuen Zürcher Lehrplan 21 (Mitte April 2016). Foto: Walter Bieri (Keystone)

Ihr Vorwurf sorgt für Unruhe: Regierungsrätin Silvia Steiner, hier bei einer Medienkonferenz zum neuen Zürcher Lehrplan 21 (Mitte April 2016). Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Der Winter ist mit voller Wucht hereingebrochen. Es ist bitterkalt, und fürs Wochenende ist wieder Schnee angesagt. Ebenso eisig ist zurzeit das Klima zwischen der Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) und den Mittelschulen. Zumindest seit Steiner plant, bei den Gymnasien zu sparen, und in Interviews betont, das könne man durchaus auch ohne Qualitätsverlust.

Ihre jüngsten Aussagen greifen die Schulen direkt an: Sie wirft den Zürcher Kurzgymnasien vor, absichtlich viele Schülerinnen und Schüler aufzunehmen, um die Jahrespauschale zu kassieren. Im Wissen darum, dass ein bedeutender Teil die Probezeit nicht bestehen wird. Das Geld können die Schulen heute auch behalten, wenn die Jugendlichen das Gymnasium nach der Probezeit wieder verlassen. Laut Steiner nutzten das etliche Kurzgymnasien aus, wie sie am Dienstag an einer Medienkonferenz ihrer Partei sagte. Kurzgymis dauern drei bis vier Jahre. An die Aufnahme­prüfung gehen in der Regel Sekundarschüler.

«Der Vorwurf schmerzt»

Steiners Aussage stösst Martin Zimmermann vor den Kopf. Er ist Rektor der Kantonsschule Zürcher Oberland und zuständig für die Aufnahmeprüfungen. Früher machte jede Schule ihre eigene Prüfung, heute werden diese zentral geregelt. Steiners Vorwurf sei ihm neu, sagt Zimmermann – und: «Er schmerzt.» Es sei schwierig, wenn die Bildungs­direktorin so viele Zweifel säe. Er kontert die Kritik: Wegen der zentralen Aufnahmeprüfung sei es gar nicht möglich, dass einzelne Gymnasien absichtlich mehr Schülerinnen und Schüler aufnähmen. Die Prüfungen werden an jedem Gymnasium von dessen Lehrerinnen und Lehrern einzeln korrigiert und mit Experten aus der Volksschule besprochen. «Das tun sie sehr gewissenhaft», sagt Zimmermann. Er kann sich nicht vorstellen, dass zum Beispiel Rektoren einzelner Gymnasien ihre Lehrer so instruieren, dass diese mehr Schüler durch die Prüfung lassen. «Ich würde mich davor hüten», sagt er. Bei den mündlichen Prüfungen gibt es allerdings einen gewissen Spielraum. An diesen können ­Jugendliche teilnehmen, welche die schriftliche Aufnahmeprüfung knapp nicht geschafft haben. Sie unterscheiden sich ein wenig von Schule zu Schule.

Trotz seiner Überraschung über Steiners Aussagen verhehlt Zimmermann nicht, dass die Probezeit in den einzelnen Gymnasien ein grosses Thema ist. Eine Auswertung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigte im letzten Frühling, dass rund ein Fünftel der neuen Langgymi- und Kurzgymischüler die Probezeit nicht besteht. Besonders häufig müssen die ehemaligen Sekschülerinnen und Sekschüler die Kantonsschulen nach wenigen Wochen wieder verlassen. Laut Steiner liegt die Misserfolgsquote an einzelnen Gymnasien bei 30 Prozent. Dieses Problem gehe man an, sagt Zimmermann. In einem ersten Schritt tauschen sich Sekundarlehrerinnen und Gymilehrer intensiver über die Anforderungen in den einzelnen Schulen aus – zum Beispiel darüber, wie viel französische Grammatik die Schüler beherrschen müssen.

Auch Christoph Wittmer ist von Steiners Vorwurf überrascht. Er ist Rektor der Kantonsschule Enge und Präsident der Schulleiterkonferenz Zürich. Genauso wie Zimmermann weist er diesen von sich. Er betont, dass die Schülerzahlen keinen finanziellen Anreiz bieten würden. «Wenn drei Jugendliche nach der Probezeit eine Klasse verlassen, bleibt diese dennoch bestehen.» Sparen könne eine Schule nur, indem sie Klassen zusammenlege. Das sei am Ende der Probezeit nicht möglich.

Wirbel um den Stichtag

Nebst dem Vorwurf äusserte Bildungs­direktorin Steiner am Dienstag eine Idee, wie sie die fehlbaren Gymnasien zügeln könnte. Sie schlug vor, nur für jene Schülerinnen und Schüler zu zahlen, die nach der Probezeit noch an der Kantonsschule sind; damit will sie im Rahmen des kantonalen Sparpakets gleich vier Millionen Franken sparen. Sie kündigte die Einführung eines «zweiten Stichtags» an. Auch diese Aussage hat für Wirbel gesorgt. Vor allem, da es später aus ihrem Departement hiess, der zweite Stichtag werde vorerst doch nicht eingeführt. Begründung der Kehrtwende: Allein dessen Ankündigung habe eine erste Wirkung gezeigt, denn im letzten Jahr nahmen die Kantonsschulen rund 250 Schülerinnen und Schüler weniger auf als noch im Jahr zuvor. Die beiden Rektoren Zimmermann und Wittmer sehen diesen Zusammenhang so nicht. Selbst für Marc Kummer, Steiners Chefbeamter im Mittelschulamt, liegt er nicht auf der Hand. Er sagt: «Es ist möglich. Wir prüfen das vertieft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2017, 23:32 Uhr

Sparen in den Mittelschulen

15,6 Millionen Franken pro Jahr

Im Rahmen einer Leistungsüberprüfung (Lü16) hat der Regierungsrat Sparmassnahmen im Umfang von 1,8 Milliarden Franken vorgeschlagen, um den Staatshaushalt in den nächsten vier Jahren ins Gleichgewicht zu bringen. Die Mittelschulen müssen ans Sparziel jährlich zwischen 12,4 und 15,6 Millionen Franken beitragen. Gut 4 Millionen Franken sollen pro Jahr mit der Senkung der Ausfallquote erreicht werden. Das heisst konkret, dass die Gymis weniger Schülerinnen und Schüler aufnehmen und somit weniger Schülerpauschalen bekommen. Daneben sind bei den Mittelschulen weitere sechs Massnahmen vorgesehen. So sollen die Pensen der Sprachlehrer von 22 auf 23 Lektionen pro Woche erhöht werden. Weiter müssen Mittelschullehrerinnen und -lehrer auf eine Entlöhnung verzichten, wenn ihre Schüler in der «Husi» sind. Gespart wird auch in den Mediotheken und beim Gebäudeunterhalt. Mehreinnahmen sind geplant durch die Erhöhung von Gebühren, etwa wenn Turnhallen und Schulräume vermietet werden. (sch)

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