Bitte mehr Backstein

Davon könnte Zürich-West etwas lernen: In Winterthur hat ein privater Bauherr einen Neubau freiwillig stark ans alte Industriequartier angepasst.

Die dezent modernisierte Version eines Backsteinhauses in Winterthur. Foto: Dominique Meienberg

Die dezent modernisierte Version eines Backsteinhauses in Winterthur. Foto: Dominique Meienberg

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Wenn 33 Architekten zusammen eine Musterstadt bauen, ist das ein wenig wie an der Fussball-WM. Man betont das Kollektiv, aber insgeheim will jeder herausragen. Insofern ist bemerkenswert, was derzeit auf dem Gelände eines ehemaligen Tanklagers in Berlin passiert: Die Architekten, die dort für den deutschen Werkbund besagte Musterstadt planen, üben sich in Selbstbeschränkung. Sie haben sich darauf verständigt, alle dasselbe Fassadenmaterial zu verwenden: Backstein.

Diese Verneigung vor der Industriebautradition Berlins kommt als Signal für Zürich leider etwas spät. Hier ist das Industriequartier im Westen in den letzten Jahrzehnten mit beschränkter Sensibilität transformiert worden. Die Backsteinbauten, die einst den rauen Charakter des Ortes ausmachten, werden weniger. Jüngstes Exempel: Allreal liess eine Industriehalle neben dem Schiffbau abreissen und ersetzte sie durch ein Geschäftshaus des Architekturbüros um den ehemaligen ETH-Städtebauprofessor Vittorio Magnago Lampugnani.

«Es sollte etwas Schönes entstehen»

In Winterthur, der Industriestadt par excellence, zeigt sich, dass es auch anders geht – mit weniger Kapital und ohne grosse Namen. Renato Giovanelli, früher Gemüsehändler, hat dort sein Elternhaus abreissen lassen, in einem Quartier voller Backsteinwohnbauten. Ersetzt hat er es durch den Entwurf eines befreundeten Architekten. Die Formen dezent modernisiert, aber konstruiert auf herkömmliche Art aus zweischaligem Sichtbackstein. Giovanelli tat dies freiwillig, wie der «Landbote» berichtete, obwohl diese Lösung teurer war als andere. Er begründet dies mit seinem Qualitätsempfinden: «Es sollte da etwas Schönes entstehen. Etwas, was ins Quartier passt.»

Dass man in Zürich-West die Bedeutung des Backsteins vernachlässigt, ist schwer nachvollziehbar. Denn wer heute mit diesem Material baut, muss nicht zwingend so traditionell mauern wie in Winterthur. Das Extrembeispiel für die erweiterten Möglichkeiten liefert seit ein paar Jahren das ETH-Spin-off Rob Technologies. Es hat eine Software entwickelt, die es erlaubt, per Roboter Backsteine zu kompliziertesten Mustern zu verkleben. Die Konstruktionen sind derart präzis, dass man mit ihnen die beträchtlichen Kräfte, die auf sie wirken, in den Griff bekommt.

Mit Roboterhilfe zusammengeleimte Backsteinmauer in Locarno. Bild: PD

Ein anderes innovatives Beispiel findet man bei Boltshauser Architekten, die in Adliswil für ein Schulhaus Backsteine mit Beton verbunden und senkrecht verlegt haben – ein Muster, das sich in Zürich-West wiederholt im Wohnkomplex Maaghof von Diener & Diener, der mit Klinkersteinen verkleidet ist. Das Büro E2A schliesslich hat bei den Escher-Terrassen vorgemacht, dass man mit Klinker auch in die Höhe bauen kann, und diesen Turm mit einem ausgekernten Backsteinbau verschmolzen. E2A sind auch an der Werkbundstadt in Berlin beteiligt. Es besteht also Hoffnung, dass von dort ein paar Ideen den Weg nach Zürich-West finden, bevor hier die letzte Parzelle überbaut ist.


Der Kanton Zürich ist voll von Häusern, die es nie in den Kanon der Architekturkritik schaffen werden. Trotzdem hätten sie es verdient, dass man sich ein paar Minuten Zeit nimmt für sie. Sie fallen auf ihre besondere Art auf. Sei es, weil sie auffallend hässlich oder schräg sind. Sei es, weil sie eine spannende Geschichte zu erzählen haben. Oder sei es, weil sie versteckte Qualitäten haben. Tagesanzeiger.ch/Newsnet widmet sich alle zwei Wochen in der Kolumne «Bauzone» einem solchen Gebäude.

Erstellt: 20.07.2018, 14:58 Uhr

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