Zum Hauptinhalt springen

Blätter, die Geschichte schreiben

Verschiedene Gesellschaften und Gemeinden geben Neujahrsblätter heraus, eine seit 1645 bestehende Tradition. Die aktuellen erzählen von Adel, Aufstieg und einem Olympioniken.

Grüsse aus der «Psychi» (vor 1904): Das Neujahrsblatt Kilchberg berichtet über 150 Jahre «Sani». Bild: Archiv Sanatorium Kilchberg
Grüsse aus der «Psychi» (vor 1904): Das Neujahrsblatt Kilchberg berichtet über 150 Jahre «Sani». Bild: Archiv Sanatorium Kilchberg

Die ersten Zürcher Neujahrsblätter waren zuweilen zum Fürchten – obwohl sie speziell an Kinder und Jugendliche abgegeben wurden. So ist auf dem Neujahrsblatt 1655 ein schauerlich geflügelter Tod abgebildet, der einen Dicksack packt und in die Hölle stösst. Die Burgerbibliothek als Herausgeberin wollte damit die Jugend von der Völlerei abhalten. In dieser Zeit waren Neujahrsblätter wirklich Blätter, meist einfache und belehrende Kupferstiche, ein Bild, ein kurzer Text dazu, das wars – und machte offenbar den damaligen Kindern Freude.

In dieser Zeit waren Neujahrsblätter wirklich Blätter, meist einfache und belehrende Kupferstiche, ein Bild, ein kurzer Text dazu.

Die 1629 gegründete Stadtbibliothek (heute Zentralbibliothek) verteilte 1645 erstmals ein solches «Neujahrsstück», einen Kupferstich von Hans Conrad Meyer. Entstanden ist der Brauch aus dem «Stubenhitzen». Seit dem Mittel­alter war es üblich, dass die Gesellschafter einer Trinkstube bei Jahresanfang Holz- und Reisigbündel mitbrachten, damit das Lokal geheizt werden konnte. Oft brachten die Kinder diese Gaben, die später durch einen Geldbetrag ersetzt wurden, und wurden dafür mit heisser Schokolade und Tirggel bewirtet – und eben ab 1645 mit einem Neujahrsblatt beschenkt.

Mittlerweile geben in der Stadt Zürich zehn verschiedene Gesellschaften «Neujahrsstücke» heraus, viele Gemeinden haben nachgezogen. Wir stellen eine Auswahl der aktuellen Blätter vor.

Der neue Zürcher Adel

Das Neujahrsblatt der Antiquarischen Gesellschaft hat sich eines wenig bearbeiteten, weiten Felds angenommen. Der Historiker Stefan Frey hat sich in einer breit angelegten Studie mit jener Führungsgruppe beschäftigt, die sich im Spätmittelalter zu einem neuen Stadtadel zu bilden begann. Es waren oft Aufsteiger mit Wurzeln im Handel oder Gewerbe, welche neben die altehrwürdigen Zürcher Aristokratenfamilien traten. Das Buch trägt viel zum Verständnis des alten Zürich bei und weist weit über die Lokalgeschichte hinaus.

Stefan Frey: Fromme feste Junker. Chronos-Verlag. 48 Franken.

Bilderbuch des Wissens

Die Naturforschende Gesellschaft beschäftigt sich in ihrem Neujahrsblatt vorab mit dem Bestand ihrer eigenen Bibliothek und zeigt wunderschöne Bildtafeln von Pflanzen und Tieren. In einem Beitrag wird zudem der einstige Abwart der Bibliothek, Hans Heinrich Koch, geehrt, welcher der Gesellschaft ein treuer und eifriger Diener war. Eine weitere Abhandlung beschäftigt sich mit Adolf Tobler, einem der wichtigsten Förderer der Zentralbibliothek.

Heinzpeter Stucki, Martin Schwyzer: Brennglas des Wissens, Hundert Jahre Partnerschaft NGZH und ZB. Bezug: NGZH. 25 Franken.

Wie Zürich klingt

Die Zentralbibliothek bewahrt über 200 Musikernachlässe auf und ist eine der wichtigsten Dokumentationsstellen für Schweizer Musik. Aus ihrem Fundus hat die Pianistin und Musikwissenschaftlerin Andrea Wiesli eine Doppel-CD von Liedern und Kammermusik zusammengestellt, die zeigt, wie Zürich klingt.

Zürich klingt, Neujahrsstück der Zentralbibliothek Zürich. Bezug: ZB oder im Fachhandel. 21 Franken.

Mutige und kluge Frauen

Die Gesellschaft zu Fraumünster stellt zwei Frauen in den Mittelpunkt ihres Neujahrsblattes: die letzte Äbtissin des Fraumünsters Katharina von Zimmern (1478 bis 1547) und Maria Fierz (1878 bis 1956), die unermüdlich für soziale Gerechtigkeit und Frauenrechte kämpfte. Sie gründete die Soziale Frauenschule, die Vorläuferin des Departements für Soziale Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Maria Fierz und Katharina Zimmern. Edition Gilde Gutenberg. Bezug: regula.bauer@hispeed.ch. 35 Franken.

Von der Heilanstalt zum Sani

1867 gründete das Ehepaar Johannes und Maria Hedinger-Spreuermann an der Alten Landstrasse in Kilchberg eine christliche «Heilstätte für Geisteskranke». Wie daraus eine der renommiertesten psychiatrischen Privatkliniken des Landes wurde, das Sanatorium Kilchberg, im Volksmund das «Sani» genannt», beschreibt das Neujahrsblatt der Gemeinde Kilchberg. Es leistet einen spannenden Beitrag zur Psychiatrie­geschichte der letzten 150 Jahre.

Diverse Autoren: 150 Jahre Sanatorium Kilchberg. Bezug: Gemeindeverwaltung.

Krieg im Säuliamt

Aktivdienst, hilflose Hausmittelchen gegen die spanische Grippe, Lebensmittelknappheit und Torf statt Kohle zum Heizen. Das Neujahrsblatt der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Affoltern beschreibt anhand von Zeitzeugnissen, wie der 1. Weltkrieg das Leben im Knonauer Amt veränderte. Vernissage ist am 2. Januar um 16 Uhr im Mehrzweckraum des Spitals Affoltern.

Das Knonauer Amt im 1. Weltkrieg. Bezug: Buchhandlung Scheidegger, Affoltern a. A., info@ggaffoltern.ch oder Banken vor Ort. Preis: ca. 10 Franken.

Musik und Schrebergärten

Das Neujahrsblatt der Stadt Dietikon beschäftigt sich in Bild und Text farbenfroh und fröhlich mit den Schrebergärten und ihren Gärtnerinnen und Gärtnern. Zudem gibts gleich zweimal Musik: Ein Beitrag widmet sich der Stadtmusik Dietikon, die ihr 125-jähriges Bestehen feiert, ein anderer der Musikschule, die vor 40 Jahren ins Leben gerufen wurde.

Neujahrsblatt Dietikon 2017. Herausgeber: Stadtverein. Bezug: U. a. im Ortsmuseum.

Es sind halt Wyber

Die aktuelle Ausgabe des Heimatbuches Dübendorf räumt mit verschiedenen Vorurteilen auf, so zeigt es die schönen und spannenden Ecken der Agglomerationsgemeinde. Ein Vorurteil aber bekräftigt es – augenzwinkernd: Unter dem Titel: «Es sind halt Wyber». Lesenswert sind auch die Gedanken verschiedener Autoren zum 70-Jahr-Jubiläum des Heimatbuches.

Heimatbuch Dübendorf 2016. Bezug: T. Trachsler, Alte Gfennstrasse 34, 8600 Dübendorf. Preis: nach Belieben.

Heimarbeit und Chlöpferei

Einst war das Arbeitsleben in der Gegend von Illnau-Effretikon von Bauernbetrieben und textiler Heimindustrie geprägt. Heute arbeiten nicht einmal mehr 5 Prozent im Primärsektor. Dafür gibt es in Effretikon die «Chlöpferei», die Firma Sius, die elektronische Trefferanzeigen für Schiessanlagen auf der ganzen Welt produziert. Doch auch einen Polsterer und eine Schlossgärtnerin gibt es noch. Das Jahrheft der Stadt Illnau-Effretikon ist dem Thema Arbeit gewidmet.

Jahrheft Illnau-Effretikon. Bezug: Stadthaus, Bibliothek und Bäckerei Nüssli. Preis: 10 Franken.

Im Untergrund

Die aktuellen Neujahrsblätter Badens, die von der literarischen Gesellschaft Baden und der Vereinigung für Heimatkunde des Bezirks Baden herausgegeben werden, tauchen unter: In die Baugrube beim Schulhausplatz, in die Tunnelgarage, in einen einst geplanten Tiefbahnhof unter dem Schlossberg, in einen Bunker, in den Friedhof oder in die ­«Badener Bewegig» 1981/82. Überraschende Orte, überraschende Texte, überraschende Ansichten.

Badener Neujahrsblätter 2017. Untergrund, Verlag: Hier und Jetzt. Bezug: Buchhandel. Preis: 25 Franken.

Plakativ attraktiv

Ein eigentliches Neujahrsblatt ist das Buch «Das offene Gesicht einer Gemeinde» nicht, doch hat es am 2. Januar um 1.30 Uhr im Gemeindehaus anlässlich des Neujahrsapéros Vernissage. Dem Grafiker René Gauch gelingt anhand seiner für die Gemeinde Rümlang gestalteten Plakate ein lebendiges und originelles Dorfporträt.

René Gauch: Das offene Gesicht einer Gemeinde. Herausgeber: Gemeinde Rümlang. Bezug: Buchhandel.

Vorfahren und Olympionike

Es war der 9. September 1960, als der 23-jährige Küsnachter Ruedi Günthardt wusste, dass es nun an ihm hing, ob sein Team an den Olympischen Spielen in Rom im Militaryreiten eine Medaille gewinnen wird. Er flüsterte seinem Pferd Atbara leise zu: «Wir zwei zusammen schaffen das – gäll.» Sie schafften es. Im Küsnachter Jahrheft beschreibt der Olympionike den Weg zur Olympiasilbermedaille. Schwerpunkt der Ausgabe sind aber Porträts von Vorfahren – vielfach berührend. So etwa die Tellerwäschergeschichte eines in tiefer Armut aufgewachsenen Jungen, der zum ungeliebten Geografielehrer des späteren Nobelpreisträgers Elias Canetti aufstieg.

Küsnachter Jahrheft 2016. Herausgegeben vom Verein für Ortsgeschichte Küsnacht. Buchhandlung Wolf und Papeterie Köhler. Preis: 28 Franken.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch