Blochers Geschichten über die anderen (und sich selber)

Christoph Blocher sprach in Winterthur über die Gebrüder Sulzer, Oskar Reinhart und Jonas Furrer. Wir analysieren zusammen mit Stadtarchivarin Marlis Betschart.

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Stühle tänzeln über den Köpfen der Zuschauer hinweg, hektisch versuchen sich die Letzten einen Platz zu ergattern. Stehen muss am Ende niemand, als SVP-Nationalrätin Natalie Rickli das Rednerpult in der Eulachhalle Winterthur zur Begrüssung betritt: «Dieses Fest verdanken wir Ihnen, lieber Herr Alt-Bundesrat Christoph Blocher.» Der wählte für seine Berchtoldstagsrede diesmal den Kanton Zürich, vermutlich um den Wahlkampf der für den Regierungsrat kandidierenden Rickli anzukurbeln. Die Blocher-Fan-Gemeinde reiste mit, geschätzt zwischen 700 und 800 Personen, mit vorwiegend grauen bis weissen Haaren.

Trotz Wintiwurst und Jodelchor kommt keine Volksfeststimmung auf. Die Dekoration ist auffällig dezent, grüne Papiertischtücher, gelbe Servietten und Blumen neben dem Rednerpult.

Geistiges nach der Völlerei

Mit seiner Berchtoldstagsrede will Blocher seinen Fans jeweils «nach den völlerischen Festtagen etwas Geistiges bieten», wie er dem «Landboten» erklärte. Der SVP-Übervater ist Jurist, wagt sich aber in seinen Reden immer wieder auf historisches Terrain. In seinem letzten Vortrag zum Landesstreik in Uster dankte er den Soldaten für ihren Dienst und löste damit heftige Kritik aus. Bei den Arbeiterprotesten wurden drei Uhrenarbeiter von Ordnungshütern getötet.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sich Blochers erste Rede im neuen Jahr zusammen mit Historikerin Marlis Betschart angehört. Sie leitet das Winterthurer Stadtarchiv und ist mit den Persönlichkeiten, die Blocher in seiner Rede würdigte, vertraut: die Gebrüder Sulzer, Kunstsammler Oskar Reinhart und Bundesrat Jonas Furrer. Zu allen von ihnen habe er eine innere Beziehung, kündigte Blocher im Vorfeld an.

«Christoph Blocher 
sucht in der Geschichte 
Bezüge zu sich selber 
und seinen Werten»
Marlis Betschart

Die Ankündigung findet Marlis Betschart bezeichnend für Blochers Umgang mit Geschichte: «Er sucht in der Geschichte Bezüge zu sich selber und seinen Werten», sagt sie. Und tatsächlich verknüpft Blocher die historischen Winterthurer Persönlichkeiten immer wieder geschickt mit sich. Die Gebrüder Sulzer, die am Ursprung eines multinationalen Unternehmens standen, hätten global gedacht und lokal gehandelt – das sei auch immer sein Motto gewesen. Jonas Furrer, der 13 Jahre lang im Bundesrat war, ging erst nur widerwillig nach Bern – genau wie Blocher. Kunstsammler Oskar Reinhardt liebte die Künstler Anker und Hodler – wie Blocher.

Blochers Vortrag erinnert an Heldengeschichten. «Überall, wo Grosses geschieht, sind grosse Persönlichkeiten am Werk», erklärt er, nennt die Gebrüder Sulzer «glorreich» und Jonas Furrer einen grossen Einiger und doch immer bescheiden. Auch die Frauen erwähnt Blocher – als Mütter und Versorgerinnen, die die Talente ihrer Söhne früh förderten oder als gute Seelen, die ihren übermütigen Männern Mass beibrachten. Mit Sprüchen wie «So erlebe ich das auch in meinem Haushalt», holt sich Blocher Publikumslacher ab.

Geschichten statt Geschichte

«Doch von der Betrachtung der Geschichte mit der Perspektive auf grosse Männer sind die Historiker schon lange abgekommen», sagt Marlis Betschart. «Mit dem Fokus auf Glorreiches blendet man sehr vieles aus.» Viel spannender, als was er sagt, findet Betschart, was Blocher nicht sagt: Dinge über die Lebenswelt der Arbeiter während der Industrialisierung oder warum Oskar Reinhart bereits im Alter von 39 Jahren finanziell so gut gestellt war, dass er nur noch Kunst sammeln konnte, oder was Furrer für ein schlechter Rhetoriker war.

Als Blocher die SVP im 19. Jahrhundert wiederfindet, muss Betschart lachen. «Wir waren da ja auch dabei», sagte Blocher, damals, als der Freisinnige Jonas Furrer 1848 an der ersten Bundesverfassung der Schweiz arbeitete. Die SVP wurde jedoch erst 1971 gegründet, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei aus der sie entstand, um 1917. Doch Furrer passt Blocher in den Kram. Er pochte auf die Neutralität der Schweiz: «Die unabhängige Schweiz wird sich weiterhin selber regieren», zitiert er ihn und verweist damit auf heutige Politiker, die für den Rahmenvertrag mit der EU eintreten.

Solche Analogien sind für Betschart nicht legitim: «Ereignisse müssen immer im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden.» Zitate von damals könnten nicht unbesehen auf heute übertragen werden. Ähnliches beobachtet sie, wenn Blocher von der Digitalisierung spricht und in einem Zug mit den Porträtierten aus dem 19. Jahrhundert wiederum die Rolle von Persönlichkeiten hervorhebt. «Damit holt er die Menschen ab, vergleichen lassen sich die Zeiten aber nicht so einfach», sagt sie. Blochers Reden seien mehr Geschichten als Geschichte. «Und als das müssen sie auch gelten.»

Erstellt: 03.01.2019, 11:51 Uhr

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