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Patient erzählte von Mord-Träumen – Therapeut ging zur Polizei

Seine Ex-Frau töten, davon träume er. Das sagte ein Mann dem Psychologen und landete vor Gericht.

Der Psychotherapeut befürchtete, dass nicht mehr viel fehlen könnte, bis jener zur Tat schreite. Foto: rawpixel.com
Der Psychotherapeut befürchtete, dass nicht mehr viel fehlen könnte, bis jener zur Tat schreite. Foto: rawpixel.com

Es ist ein hässlicher Scheidungskampf, in dem der Mittfünfziger steckt, der gestern vor Bezirksgericht Winterthur stand. Es geht um Alimente und Unterhaltszahlungen. Um ein Haus, aus dem die Ex-Frau nicht ausziehen will, obwohl es ihm gehört. Um Kinder, die sich vom Vater abgewendet haben.

Fünf Jahre geht das nun schon so, ein Ende ist nicht abzusehen. Der Mann leidet. Und fängt irgendwann an, davon zu träumen, seine Frau zu töten. Er spricht auch davon – und das endet mit einer Anklage wegen Drohung. So weit, so unspektakulär: So was kommt öfter vor, als man glauben würde.

Speziell an der Geschichte ist aber, wer den Mann anzeigte. Nicht die Ex-Frau war es, ihr hatte der Mann nichts von den schrecklichen Bildern gesagt, die ihn heimsuchten. Vielmehr hatte der Mann seinem Psychotherapeuten, den er seit acht Jahren konsultiert, davon erzählt. «Die Träume haben mich erschreckt», sagt der Mann, «und ich habe mir vom Therapeuten Hilfe erhofft.» Stattdessen informierte der Therapeut sowohl die Ex-Frau als auch die Polizei über die Schilderungen.

Gestern stand der Mann vor dem Bezirksgericht Winterthur und wusste offenkundig nicht, wie ihm geschah. Nie habe er seine Frau bedrohen wollen, und schon gar nicht habe er eine Tat geplant. Dass der Therapeut zur Polizei ging, hat ihn völlig überrascht: «Ich dachte, er steht unter dem Arztgeheimnis.»

Das Dilemma der Ärzte

Der Fall ist exemplarisch für ein Dilemma, in dem Ärzte, aber auch andere Berufsleute, die unter Geheimnispflicht stehen, immer wieder stecken. Was tun, wenn sie von geplanten oder begangenen Straftaten erfahren – was nur deshalb der Fall ist, weil ihr Patient, ihre Klientin ihnen vertraut? Wie steht es dann um die Schweigepflicht? Was ist anderseits, wenn der Arzt, der Anwalt oder der Pfarrer schweigt – und dann passiert wirklich ein Verbrechen?

Heikle Fragen, die auch politisch immer wieder diskutiert werden. Etwa nach dem Absturz einer Germanwings-Maschine, den der Pilot absichtlich herbeigeführt hatte. Der Mann hatte zuvor unter anderem wegen schwerer Depressionen mehrere Ärzte aufgesucht. Hätten diese, so fragten sich viele nach dem Unglück, den Arbeitgeber nicht informieren müssen? Ärzte hielten dem entgegen, eine Meldepflicht schade dem Vertrauen, das in einer Therapie nötig sei, um Fortschritte erzielen zu können. Ausserdem sei die Grenze zur Denunziation beim Arbeitgeber schmal.

In der Schweiz besprach das Bundesparlament ähnliche Fragen im letzten Jahr im Zusammenhang mit dem Kindesschutz. Oft sind es Ärzte, die als Erste bemerken, wenn ein Kind daheim misshandelt wird. Dennoch sah das Parlament von einer Meldepflicht ab. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder aus Furcht vor einer Anzeige nicht mehr behandeln liessen.

Dennoch: Absolut ist die Schweigepflicht nicht, weder jene von Ärzten noch jene anderer Berufsleute. Erfahren sie von einer schweren Straftat, etwa einer Vergewaltigung oder einer Körperverletzung, dürfen sie sich darüber hinwegsetzen. Ebenso, wenn ein Vergehen oder ein Verbrechen gegen Leib und Leben droht.

Nicht das erste Mal

Und genau das befürchtete der Psychotherapeut des Mannes, der gestern vor dem Bezirksgericht stand: dass nicht mehr viel fehlen könnte, bis jener zur Tat schreite. Zwar hatte der Mann schon Monate zuvor von ähnlichen Albträumen berichtet. Aber jetzt stand Weihnachten vor der Tür, und die Festtage sind in solchen Situationen erfahrungsgemäss eine schwierige Zeit. Ausserdem fürchtete der Mann um seine Stelle, und er war offensichtlich gestresst.

Beim Staatsanwalt musste der Therapeut dann allerdings eingestehen, dass er mit der Sache selbst überfordert gewesen sei. Und dass es wohl bessere Optionen gegeben hätte, als die Polizei einzuschalten, etwa eine weitere Therapiesitzung noch vor den Festtagen.

Bleibt die Frage, ob der Mann den Tatbestand der Drohung erfüllt hat, indem er dem Therapeuten von seinen Träumen berichtete. Das verneinte das Gericht klar. Der Mann habe seinem Therapeuten vertraut und nicht damit rechnen können oder müssen, dass dieser die Ex-Frau und die Polizei informiere. Damit aber falle eine entscheidende Voraussetzung für eine Verurteilung weg: der Wille, die Ex-Frau in Angst und Schrecken zu versetzen.

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