Blutrache – Gier nach Exotik

Es gibt albanische Banden, die sich blutige Revierkämpfe liefern. Es geht um Drogen, Prostitution oder Kredite zu Wucherzinsen. Mit der sogenannten Blutrache hat dies meistens nichts zu tun.

«Albanese auf der Lauer» von Frank Buchser (1884) ist auf Korfu entstanden. Foto: SIK-ISEA Zürich

«Albanese auf der Lauer» von Frank Buchser (1884) ist auf Korfu entstanden. Foto: SIK-ISEA Zürich

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Mordfälle in der albanischen Gemeinschaft in der Schweiz und anderswo in Westeuropa werden oft reflexartig mit der Blutrache in Verbindung gebracht. Auch nach dem Tötungsdelikt im Zürcher Rüti war schnell die Rede von Blutrache. Das tönt sehr exotisch. Wer das Wort Blutrache liest oder hört, der rutscht unvermittelt direkt ins finstere balkanische Mittelalter des 15. Jahrhunderts, wo es von Feen, Hexen und bewaffneten Männern in Lauerstellung wimmelt. Ein Bild des Schweizer Malers Frank Buchser aus dem Jahr 1884 trägt den Titel «Albanese auf der Lauer». Der Albaner mit der von der Sonne gelblich verfärbten qeleshe, wie die traditionelle Kopfbedeckung heisst, sitzt auf einer Blumenwiese, und das glänzende Schwert liegt in den Falten des fustanella genannten Männerrocks. Der Mann ist ganz Ohr. Wird er bald Rache nehmen? Eine Karawane ausplündern? Reisende angreifen? Die Fantasie ist grenzenlos.

Die Blutrache (gjakmarrja) wird vom albanischen Kanun, dem Gewohnheitsrecht, geregelt. Wer jemanden vorsätzlich oder fahrlässig tötet, muss damit rechnen, dass er von der Familie des Opfers getötet wird. Die Schande wird laut dem Kanun durch die Rache gesühnt. Es gibt aber strenge Normen. Kinder, Frauen, religiöse Würdenträger, Geisteskranke, ältere Menschen sind von der Rache ausgeschlossen. Blutrache ist eine Sache der Männer. Nach einem Mord dreht sich die Spirale von Rache und Gegenrache – bis Pfarrer oder angesehene Personen zwischen den Familien oder Stämmen vermitteln und eine Versöhnung erreichen. Diese kann auch erfolgen, wenn die Konflikt-parteien den gleichen Blutzoll entrichtet haben. Man kann es auch eine Balance des Blutes nennen.

Merksprüche aus dem Volksmund

Der Kanun wird oft das Gesetz der Berge genannt. Das Osmanische Reich war im albanischen Hochland kaum präsent. In Abwesenheit des Staates entwickelten die Menschen dort ein ungeschriebenes Rechtssystem. In einer geschriebenen Form erschien der Kanun erst 1933, nachdem der in Kosovo geborene Franziskanerpater Shtjefën Gjeçovi jahrelang die Merksprüche aus dem Volksmund gesammelt hatte. In den Ebenen des albanischsprachigen Raumes auf dem Balkan, wo der Sultan mit seinen Beamten, Kavalleristen und Statthaltern für Recht und Ordnung sorgte, galt der 1263 Paragrafen umfassende Kanun kaum oder allenfalls nur zeitweise.

Ausgerottet ist die albanische Selbstjustiz bis heute nicht. Aber es handelt sich keineswegs um ein Massenphänomen, wie in den hiesigen Medien manchmal schlagzeilenträchtig behauptet wird. Fälle von Blutrache gibt es immer noch vor allem im katholisch geprägten Norden Albaniens. Lokale Medien berichten oft von erschütternden Schicksalen: Männer, die seit Jahren in ihre Häuser eingesperrt sind, Knaben, die nur gelegentlich zu Hause unterrichtet werden, Frauen, die die gesamte Arbeit ausser Haus erledigen müssen.

Nichts zu verlieren

Laut einem BBC-Bericht vom November 2017 können in der Stadt Shkodra und Umgebung 68 Familien ihre Häuser nicht verlassen, weil sie mit anderen Familien «im Blut stehen». Der als Betrüger entlarvte «Spiegel»-Reporter Claas Relotius hatte in einer angeblichen Reportage geschrieben: «Allein in Shkoder (Shkodra) sollen mittlerweile über 3000 Familien in Blutfehden verstrickt sein.» Belege dafür lieferte er nicht.

Tatsche ist aber, dass in Albanien, im mehrheitlich albanisch besiedelten Kosovo und in Westmazedonien kriminelle Gruppen aktiv sind. Oft haben sie beste Verbindungen zu Verbrecherbanden in der Schweiz, in Deutschland und in Italien, wo schätzungsweise eine Million Albaner und albanischstämmige Bürger leben. Viele dieser Banden werden von jungen, alleinstehenden Männern dominiert, die nichts zu verlieren haben. Sie sind im Drogenhandel und in der Prostitution tätig. Wer sich in der albanischen Gemeinschaft in der Umgebung von Zürich umhört, erfährt auch von Geldverleihern, die horrende Wucherzinsen verlangen – und die Schulden oft mit Drohungen oder Gewalt eintreiben.

In Struga haben viele Menschen Angst, der Mord in Rüti könnte dem Tourismus schaden.

Mit der sogenannten Blutrache haben die blutigen Konflikte in diesem Milieu meistens nichts zu tun. Es sind Abrechnungen im Untergrund, Familien-fehden oder Ehrenmorde, wie es sie auch zwischen arabischen Clans in westeuropäischen Metropolen gibt. Albanien ist Europas führender Cannabis-Produzent. In diesem lukrativen Geschäft mischt die italienische Mafia kräftig mit. Ein Polizeichef, der in Südalbanien wirkte, erhielt im Frühling 2017 Asyl in der Schweiz: Er hatte die Verstrickungen der Drogenbosse mit albanischen Politikern angeprangert.

Der getötete Wirt aus Rüti stammt aus der mazedonischen Stadt Struga am Ohridsee, wo der Kanun keine nennenswerte Tradition hat. Inajet I. gehört der albanischen Minderheit des Landes an – und er ist das dritte Opfer einer Fehde zwischen zwei Familien. Es geht hier auch um Einfluss in der Unterwelt, die auf dem Balkan fast immer halbstaatlich und multiethnisch war. In Struga haben nun viele Menschen Angst, der Mord in Rüti könnte dem Tourismus schaden. Lonely Planet hat 2017 die Stadt Ohrid zum fünftschönsten Reiseziel der Welt gekürt. Struga ist das Tor zum mazedonischen Paradies.


Todesschütze von Rüti ist weiterhin auf der Flucht

Auch drei Tage nach den tödlichen Schüssen in Rüti ist der Täter immer noch auf der Flucht. Die Kantonspolizei sucht weiterhin den Mann, der am Weihnachtstag den Besitzer des Restaurants Bären, einen 51-jährigen Mazedonier, erschossen hat.

Inzwischen haben sich die Angehörigen an die Medien gewandt. Sie schreiben, dass sich die Ursache der Tat auf ein Ereignis im Jahr 2013 zurückführen lässt. Damals habe sich der Bürgermeister von Struga, einer mazedonischen Kleinstadt nahe an der albanischen Grenze, entschieden, illegale Bauten abzureissen. Daraufhin habe ein örtlicher Mafiaboss den Gemeindesekretär von Struga bedroht. Dieser ist ein Neffe der Opfer- familie von Rüti.

Im Schreiben werden die Verbrechen des vorbestraften Mafiabosses aufgezählt: Dazu gehören Frauen- und Drogenhandel. Der Mann sei von den amerikanischen Behörden gesucht worden. Die Opferfamilie sei auch vom Sohn des Mafiabosses und von dessen Bruder angegriffen worden. Polizei und Staatsanwaltschaft seien zwar über die Fälle informiert worden, hätten aber nichts unternommen.

Video – Erschossener wurde wohl Opfer einer Blutrache

Im Sommer 2015 sei der Gemeindesekretär vom Mafiaboss erneut körperlich angegriffen worden. Dabei waren auch die beiden Söhne des späteren Opfers. Im Brief wird gesagt, die Behörden Albaniens hätten die mazedonische Polizei alarmiert, dass ein Auftragsmord an dem Gemeindesekretär geplant werde. Die Polizei habe wiederum nichts unternommen.

Vorwürfe an die Polizei

Am 13. Dezember 2015 sei das Schlimmste geschehen: Bei einem Hinterhalt in Struga wurde der 22-jährige Sohn des späteren Opfers von Rüti erschossen. Der zweite, fünf Jahre jüngere Sohn erlitt dabei schwere Verletzungen. Fünf Personen sollen die Tat verübt haben. Zwei seien identifiziert worden, darunter der Mafiaboss. Die beiden Männer wurden zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Die drei weiteren Komplizen seien nicht identifiziert worden.

Der neben dem Mafiaboss verurteilte Mittäter laufe aber frei in der Stadt Struga herum, obwohl er zu 20 Jahren verurteilt worden sei. Das sei möglich, weil er gute Verbindungen zur Polizei und Justiz habe.

Zusammenhang dementiert

Gemäss der Gratiszeitung «20 Minuten» wurde der Mafiaboss letztes Jahr in Mazedonien erschossen. Der Täter soll in die Schweiz geflüchtet sein. Laut mazedonischen Medien soll damals die Familie des Opfers von Rüti die Tat in die Wege geleitet haben. Angehörige vermuten, dass die Tat von Rüti mit dem Mord am Mafiaboss zusammenhänge. Das dementiert hingegen die Familie. (enr/hoh)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2018, 22:06 Uhr

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