Braucht es das Langzeitgymnasium?

Den Grünen missfällt das sechsjährige Gymnasium im Kanton Zürich. Sie wollen es abschaffen und nur noch Kurzzeitgymnasien zulassen.

Noch geniesst das Langzeitgymnasium breite Unterstützung. Foto: Gaeten Bally (Keystone)

Noch geniesst das Langzeitgymnasium breite Unterstützung. Foto: Gaeten Bally (Keystone)

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Ja

Von Edgar Schuler

Wüsste man es nicht besser, man müsste bei den Grünen einen akuten Anfall von Lebensmüdigkeit vermuten. Nach einer nicht enden wollenden Folge niederschmetternder Wahlresultate denken sie laut über die Abschaffung des Langzeitgymnasiums nach. Abgesehen vielleicht von einem generellen Verbot des Fleischkonsums gibt es wenige politische Forderungen, mit denen man seine Wählerinnen und Wähler nachhaltiger vergraulen könnte wie mit einer solchen Attacke auf die höhere Bildung. Kommt dazu, dass die Grünen mit einer Abschaffung des Langzeitgymis die Hoffnung auf Kosteneinsparungen verbinden – nur Wochen nachdem sich Schüler und Lehrer am «Tag der Bildung» mit Unterstützung vieler Grüner lautstark für ein weiteres Wachstum der Bildungsausgaben eingesetzt haben. Kurz: Es grenzt an einen politischen Suizidversuch, überhaupt einen solchen Vorstoss zu erwägen.

Und das ist nur die politische Seite dieser Geschichte. Dass das Langzeitgymnasium in Zürich so breite Unterstützung geniesst, ist sachlich und inhaltlich einwandfrei begründbar. Denn entwicklungspsychologisch lässt sich kaum ein besseres System für den Zugang zur Hochschulreife denken als die über Jahre gestaffelte Zulassung an die Mittelschulen. Kinder, die schon in den sechs Jahren Primarschule genügend Neugier und Biss für die gymnasiale Bildung entwickelt haben, können nach der sechsten Klasse übertreten. Am Gymi profitieren sie früh von einer akademisch animierenden Lernumgebung. Andere, denen der Knopf erst später aufgeht, absolvieren eben noch zwei oder drei Jahre Sekundarschule, bevor sie an eine Mittelschule wechseln.

Das Langzeitgymi gehört gerade zu den Motoren der Chancengleichheit.

Das entspricht exakt dem Sinn und Ziel unseres Schulsystems. Es soll die Schülerinnen und Schüler gemäss ihren individuellen Begabungen und Potenzialen unterstützen und fördern. Die Wahlfreiheit zwischen Lang- und Kurzzeitgymnasium setzt auch genau das um, was die Grünen in ihren Grundsatzpapieren fordern: «Jeder junge Mensch soll die Chance erhalten, die eigenen Stärken zu entdecken und zu entwickeln.»

Mit der Aufwertung der Berufsmaturität, der Fachhochschulen und der Erwachsenenbildung wurden immer mehr Türen zu höheren akademischen Weihen aufgestossen, und zwar zu Recht. Jetzt wäre es ein Witz, ausgerechnet bei den Jüngsten wieder neue Barrikaden aufzutürmen. Jahre der Unterforderung in einer Sekundarschule für den frühbegabten Nachwuchs kann niemand im Ernst fordern. Es wäre mehr als ein bildungspolitischer Rückschritt: eine Dummheit. Dass man als Politiker eine Abschaffung des Langgymis trotzdem als Beitrag zu mehr Chancengleichheit im Bildungswesen anpreisen kann, ist ein unergründliches grünes Rätsel.

Immerhin: Für die Grüne Partei spricht, dass sie ihren Vorstoss zur Abschaffung des Langzeitgymis zwar diskutiert, aber noch nicht einmal eingereicht hat. Dafür ist er den Grünen offenbar doch nicht geheuer genug. Sie können ihn getrost in der Schublade liegen lassen.

Nein

Von Beat Metzler

Als ob man aus rauem Winterwetter in einen beheizten Raum tritt – so fühlte es sich an, als ich nach der zweiten Sek ins Gymnasium wechselte. Fast alle Mitschüler waren gut erzogen, fleissig. Ihre Eltern arbeiteten als Ärzte, Lehrer, Anwältinnen, bewohnten helle Einfamilienhäuser.

Vorher, in der Sek, kamen viele Kinder aus Arbeiterfamilien, die Mutter putzte Büros, der Vater stand am Fliessband einer lauten Fabrik. Ins Schulzimmer nahmen sie den Geruch von Zigarettenrauch und Fischgerichten mit, der sich in ihren Blockwohnungen festgesetzt hatte. Auch härtere Umgangsformen brachten sie auf den Pausenhof. Um sich gegen sie durchzusetzen, brauchte es Schlagfertigkeit und die ständige Bereitschaft zum Austeilen, besonders wenn die eigenen Eltern Ärztinnen waren oder Lehrer. So wohlig sich das gymnasiale Klima anfühlte, eine Herausforderung fehlte, die Konfrontation mit Kindern aus anderen Verhältnissen. Man war in eine Blase geschlüpft, entschwebte der Welt der Knochenjobs. Oder wie es einer meiner Sek-Kollegen formulierte, als ich mich Richtung Gymnasium verabschiedete: «Geniess es mit deinen langweiligen Strebern.»

Soziale Trennwände entstehen sowieso, durch das Langzeitgymnasium tun sie es zwei Jahre früher – entscheidende Jahre, in denen bei Kindern viel passiert. Von einem längeren Zusammenbleiben profitieren beide Seiten, weil sie sich gegenseitig weiterbilden. Einfamilienhauskinder flüstern den Blockkindern im Unterricht Antworten zu, umgekehrt bekommen sie Nachhilfestunden darin, wie man sich in der Pausenhofhierarchie schlau nach oben bewegt. Und manchmal entwickeln sich Freundschaften, welche die spätere Trennung überstehen.

Das Langzeitgymnasium trennt die Streber von den Arbeitern. Das ist nicht gut.

Das klingt nach Hollywood-Highschool-Drama mit einem Happy End, das alle Gegensätze überkitscht. Doch selbst wenn der Kontakt zwischen Gymnasiasten und Sekschülern rasch abbricht; die Erinnerung aneinander bleibt. Selten kommen einem Mitmenschen so nahe wie in einem präpubertären Klassenlager.

Das Langzeitgymnasium beschleunigt die soziale Abschottung nicht nur, es verfestigt sie zusätzlich. Der Übertritt nach der sechsten Klasse entzieht der Sek die besten Schüler, dadurch wird diese abgewertet, ihr Ruf leidet. Das verleitet viele Einfamilienhauseltern dazu, ihre Kinder noch früher für den Weg ins Gymnasium zu trimmen. Blockeltern können in diesem Wettbewerb nicht mithalten; und nur wenige Elfjährige beginnen von sich aus, auf eine Aufnahmeprüfung zu lernen. Die Geförderten ziehen davon, der Rest bleibt zurück.

Da eine Unterstufen-Kantischülerin mehr kostet als ein Sekschüler, würde das Schliessen der Langzeitgymnasien Millionen einsparen – Geld, das die Gymnasien in Zeiten der permanenten Budgetkürzungen dringend benötigen. Es passiert selten, dass man die Welt mit einer Sparmassnahme ein wenig fairer machen kann. Diese Chance nicht zu nutzen, wäre, na ja, ziemlich streberhaft.

Erstellt: 30.01.2016, 07:16 Uhr

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