Brustuntersuchung ohne Schmerzen

Ein neues Gerät am Unispital soll genauere Diagnosen liefern. Doch die flächendeckende Brustkrebsprävention ist umstritten.

Bei der neuartigen Untersuchungsmethode werden die Brüste nicht mehr zusammengedrückt. Foto: Sabina Bobst

Bei der neuartigen Untersuchungsmethode werden die Brüste nicht mehr zusammengedrückt. Foto: Sabina Bobst

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Spätestens ab dem 50. Altersjahr sollte sich jede Frau mit dem Thema Brustkrebs auseinandersetzen. Jedes Jahr erkranken in der Schweiz rund 6000 Frauen an der perfiden Krankheit, und etwa 1300 sterben sogar daran. Je früher man Tumore erkennt, desto besser sind die Überlebenschancen und desto erträglicher die nötigen Therapien.Viele Frauen unterziehen sich deshalb regelmässig einer Mammografie. Bei dieser Röntgenuntersuchung werden die Brüste stark zusammengepresst, was meist als unangenehm bis schmerzhaft empfunden wird.

Deshalb bietet das Universitätsspital Zürich (USZ) seitdiesem September eine neue Methode an: Mit einem sogenannten Spiral-Computertomografen wird die Brust dreidimensional dargestellt, ohne dass sie dabei komprimiert werden muss. Und so funktioniert die Untersuchung: Die Frau legt sich bäuchlings auf das Gerät und platziert ihre Brust in einer Vertiefung, worauf die Röntgenröhre rundherum zu rotieren beginnt. Die Strahlendosis ist ungefähr gleich hoch wie bei einer herkömmlichen Mammografie.

Weniger Fehldiagnosen

«Mit dieser Innovation wollen wir Frauen für regelmässige Kontrollen gewinnen», sagt Andreas Boss, Radiologe am USZ. «Diese verlängern Leben», ist der Professor überzeugt. Zudem geht er davon aus, «dass sich die Präzision der Diagnose mit dem neuen Gerät verbessern wird».

Die beträchtliche Anzahl Fehlbefunde ist nämlich ein Schwachpunkt bei der Früherkennung von Brustkrebs. Viele auffällige Stellen, die bei den Untersuchungen entdeckt werden, erweisen sich schliesslich als harmlos. Die weiteren Abklärungen – häufig eine Biopsie – sind aber mit Ängsten und Unannehmlichkeiten verbunden. Die Mammografie macht zudem auch Tumore sichtbar, die vielleicht gar nie Probleme verursachen würden. Im Gegenzug werden manchmal Krebsherde nicht entdeckt; und gelegentlich entwickeln sich besonders aggressive Tumorarten so schnell, dass sie zwischen den alle zwei Jahre stattfindenden Untersuchungen durch die Latten fallen.

Screenings: Geteilte Schweiz

Viele Frauen entscheiden sich deshalb gegen eine regelmässige Mammografie. Und auch nicht alle Fachleute sind überzeugt von den flächendeckenden Untersuchungen, sogenannten Screenings. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Bund und die Krebsliga empfehlen aber solche Programme, wie sie viele andere Länder durchführen. Dabei werden sämtliche Frauen ab einem gewissen Alter alle zwei Jahre per Post zu einer Untersuchung eingeladen. So erreicht man auch schlechter informierte Gruppen. Zwei Radiologen begutachten die Röntgenbilder unabhängig voneinander und benachrichtigen die betroffene Frau, wenn sie Auffälligkeiten feststellen.

In der Schweiz sind die Kantone für solche Screenings zuständig. Aktuell gibt es in gut der Hälfte der Kantone entsprechende Programme, insbesondere in der Ost-, der West- und der Südschweiz. Kein solches Angebot gibt es dagegen in den Regionen Schaffhausen, Zürich, Uri und Luzern sowie in den beiden Appenzell. Der Kanton Bern hat sein Programm Ende 2017 wegen Qualitätsmängeln beendet, nun aber im September mit einem anderen Organisator bereits wieder aufgenommen. In Zürich dagegen hat man sich aus Überlegungen zum Kosten-Nutzen-Verhältnis gegen ein Programm entschieden.

«Wir gehen davon aus, dass sich die Diagnosepräzision mit dem neuen Gerät verbessert.»Andreas Boss, Radiologe

Vor vier Jahren hatte das Swiss Medical Board mit einem Bericht für Aufsehen gesorgt, der die gross angelegten Untersuchungen infrage stellte. Im gleichen Jahr zog eine kanadische Studie eine ebenfalls sehr kritische Bilanz. Der Zürcher Kantonsrat hatte bereits 2003 die Überweisung eines Postulats abgelehnt, das die Einführung eines Programms forderte. Dennoch wollte sich die Gesundheitsdirektion sechs Jahre später nochmals mit der Thematik befassen. Doch der Rat bekräftigte seinen Beschluss, indem er die Mittel für Grundlagenarbeiten aus dem Budget strich. Seither sind keine entsprechenden politischen Vorstösse mehr erfolgt. «Sollten sich in Zukunft neue fachlich abgestützte Erkenntnisse zum Thema ergeben, müsste man eine neue Beurteilung vornehmen», teilt Daniel Winter von der Medienstelle der Gesundheitsdirektion mit.

Kantone mit Screening-Programmen kommen für die Organisation der Untersuchungen auf. Die Kosten der Mammografie übernimmt die Krankenkasse. Für die Frauen fällt höchstens ein kleiner Selbstbehalt an. In den Kantonen ohne Programme bezahlt die Krankenkasse die Untersuchung nur, falls eine ärztliche Verordnung aufgrund eines Befunds vorliegt. In der Praxis sind viele Ärzte aber grosszügig. Sie überweisen auch Frauen, denen streng genommen keine Untersuchung zustünde, die sich aber eine wünschen. Eine Mammografie kostet in der Regel rund 200 Franken. 

Für ängstliche Frauen

Ungefähr gleich viel verlangen die Radiologen des Zürcher Unispitals mit ihrem neuen Hightechgerät: 190 Franken. «Wir wollen, dass alle Frauen von dieser Methode profitieren können», sagt Andreas Boss. Zudem möchte das USZ die Innovation bekannter machen. So weisen Plakate im Tram auf die kompressionsfreie Untersuchungsmethode hin. Es sei aber wohl unrealistisch, dass jedes Röntgeninstitut oder jedes Spital das bedeutend teurere Gerät anschaffe, räumt Andreas Boss ein. «Doch Frauen, die Angst vor herkömmlichen Mammografien haben, sollten es nutzen können.»

Erstellt: 11.11.2018, 21:24 Uhr

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