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Carlos als Spielball der Politik

Weshalb der 18-jährige Messerstecher ins Jugendgefängnis verlegt wurde und keine Einzeltherapie erhält – obwohl sie erfolgversprechender wäre.

Carlos auf seinem Bett in der betreuten Wohnung in Reinach. (Screenshot SRF)
Carlos auf seinem Bett in der betreuten Wohnung in Reinach. (Screenshot SRF)
Keystone
Justizdirektor Martin Graf (Grüne) nimmt zum zweiten Mal vor den Medien Stellung zum Fall Carlos. Erstmal äusserte er sich am 6. September (Bild), nachdem er bei der Oberjugendanwaltschaft einen Bericht zum Fall angefordert hatte.
Justizdirektor Martin Graf (Grüne) nimmt zum zweiten Mal vor den Medien Stellung zum Fall Carlos. Erstmal äusserte er sich am 6. September (Bild), nachdem er bei der Oberjugendanwaltschaft einen Bericht zum Fall angefordert hatte.
Sophie Stieger
Boxer mit «All for Brian»-T-Shirt setzt ein Zeichen
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Kostas Maros
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Carlos wird nach Uitikon verlegt: Damit hat Justizdirektor Martin Graf jenen Entscheid gefällt, der am einfachsten zu kommunizieren ist. Und sich gleichzeitig vor der Verantwortung gedrückt. Wohl ist ihm damit offenkundig nicht: Gestern verweigerte er jede weitere Auskunft an die Medien.

Am Dienstag hatte Benjamin Tommer, der Sprecher der Justizdirektion, erklärt, Carlos sei eine öffentliche Person geworden und er komme zu seinem eigenen Schutz nach Uitikon. Doch das ist ein schwaches Argument. Wäre der Staat tatsächlich nicht in der Lage, Carlos vor ein paar Journalisten zu schützen, so wäre das ein Armutszeugnis. Zumal der Staat selbst mitschuldig ist, dass es mit diesem Fall so weit gekommen ist. Vor allem aber: Welchen Sinn macht eine Massnahme «zum Schutz» eines schwierigen jungen Mannes, wenn diese Massnahme bisherige Erfolge gefährdet?

Keine Kostenwahrheit

Aus pädagogischer Sicht spricht alles gegen Carlos Verlegung nach Uitikon. Es gibt einen guten Grund, weshalb Fachleute auf eine Einzeltherapie pochen: Carlos kann nicht mit Gleichaltrigen umgehen. Ihnen gegenüber fehlt ihm jede Empathie, hier kann er sogar gefährlich werden. Das hat er bei seiner letzten Straftat, aber auch in etlichen Institutionen bewiesen. Auf der anderen Seite haben jene 13 Monate vor dem verhängnisvollen Dokfilm gezeigt, dass Carlos in der richtigen Umgebung lernfähig ist und keine Probleme macht. Dennoch soll er nun zurück in ein Umfeld, das als ungünstig zu erachten ist.

Auch die Kosten sind kein Argument. Zwar beträgt der Tagessatz für das Massnahmenzentrum Uitikon mit 500 Franken vordergründig viel weniger als die bisherige Betreuung. Nur sind diese 500 Franken nicht die Vollkosten, wie ein Insider dem TA sagte, denn das Zentrum ist subventioniert. Mit wie viel, wollte die Justizdirektion gestern nicht bekannt geben. Der Betrag lässt sich aber erahnen. Denn ab 2015 werden neu 800 Franken pro Tag verrechnet, ohne dass die Leistung gross ausgebaut würde.

Graf handelt fahrlässig

Der Schluss liegt nahe, dass Justizdirektor Martin Graf am Fall Carlos ganz einfach Härte markieren wollte. Das kann man natürlich nachvollziehen, bloss widerspricht es sämtlichen Grundsätzen des – sehr erfolgreichen – Schweizer Jugendstrafrechts, das die Resozialisierung als höchstes Gut gewichtet. Wer dieses Ziel nur gefährdet, um dem Volk das sagen zu können, was es mutmasslich hören will, handelt fahrlässig. Wohlverstanden: Härte gegenüber jungen Straftätern ist nicht falsch, aber sie muss richtig eingesetzt werden und nicht nur um ihrer selbst willen.

Die Tragik ist letztlich die: Wie immer die Geschichte auch ausgeht, jene, die selbstgerecht nach mehr Härte gegenüber den ganz wenigen Jugendlichen rufen, denen mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen ist, werden das Wasser auf ihre Mühlen zu leiten wissen. Wird Carlos rückfällig, so wird das als Beweis gelten, dass eine Einzeltherapie nichts bringt. Hält er in Uitikon durch, was ihm zu wünschen ist, so wird daraus der Schluss gezogen, dass Härte mehr bringt als vermeintliche Kuscheljustiz.

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