Carlos: «Jetzt erkläre ich euch den Krieg»

Die 26-seitige Anklageschrift gibt einen Einblick in den von Gewalt und Drohungen geprägten Gefängnisalltag des mittlerweile 24-jährigen Mannes.

Carlos vor Gericht im März 2017. Illustration: Linda Gaedel/Keystone

Carlos vor Gericht im März 2017. Illustration: Linda Gaedel/Keystone

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Am 27. September 2017 hatte der als Carlos bekannt gewordene Schweizer die letzte Strafe verbüsst. Seither sitzt er in Sicherheitshaft für Delikte, die er laut der heute Morgen veröffentlichten Anklageschrift während jenes Strafvollzugs, aber auch später begangen hat.

Welche Gefahr von dem laut Anklage «ausgebildeten und extrem kräftigen Kampfsportler» ausgeht, zeigt allein der Umstand, dass bis zu acht Personen, teilweise in Schutzkleidung, aufgeboten werden mussten, ehe seine Zellentür geöffnet wurde.

Spucken, Schlagen, Drohen, Zerstören

Die mutmasslich als Versuch einer deeskalierenden Massnahme geplanten Gefängnisverlegungen mussten teilweise von Polizeigrenadieren begleitet werden. Die dem jungen Mann vorgeworfenen Delikte ereigneten sich in den Gefängnissen Pöschwies, Pfäffikon, Winterthur, Limmattal und Burgdorf. Zweimal wurde er auch in die psychiatrische Klinik Rheinau eingewiesen. Die neuen Carlos vorgeworfenen Delikte lassen sich unter den Schlagworten Spucken, Schlagen, Drohen, Zerstören zusammenfassen.

Das schwerwiegendste Delikt in der Anklageschrift ist die versuchte schwere Körperverletzung. Als ihm in der Pöschwies eröffnet wurde, er werde wieder in die Sicherheitsabteilung verlegt, kündigte Carlos an, er akzeptiere den Entscheid nicht und werde Gewalt ausüben. Als ihm gesagt wurde, der Entscheid sei nicht verhandelbar, soll Carlos gesagt haben: «Jetzt haben sie es also geschafft. Jetzt erkläre ich euch den Krieg.»

Zuerst warf er einen Stuhl durchs Büro. Als er bemerkte, dass ein zweiter Gefängnismitarbeiter den Alarmknopf drückte, schlug er diesen zu Boden und traktierte den am Boden liegenden Mann mit weiteren Faustschlägen gegen den Kopf. Die sechs Personen, die für den Fall einer Eskalation als Interventionseinheit im Nebenraum bereitstanden, kamen zu spät.

Delikt erlaubt eine Verwahrung

Die Staatsanwaltschaft hat diese Attacke als versuchte schwere Körperverletzung angeklagt. Dieses Delikt ist Teil des Katalogs von Straftaten, für welche das Strafgesetzbuch eine Verwahrung grundsätzlich vorsieht. Ob Staatsanwalt Ulrich Krättli eine Verwahrung beantragen wird, geht aus der Anklageschrift nicht hervor.

Eine Verwahrung kommt allerdings nur in Betracht, wenn ein psychiatrischer Gutachter bei Carlos eine psychische Störung von erheblicher Schwere festgestellt hat, eine hohe Rückfallgefahr für ähnliche Delikte besteht und eine stationäre Massnahme keinen Erfolg verspricht.

Das Strafgesetzbuch erlaubt eine Verwahrung aber auch dann, wenn aufgrund der Persönlichkeitsmerkmale des Täters, der Tatumstände und seiner gesamten Lebensumstände ernsthaft zu erwarten ist, dass der Täter weitere Taten schwerwiegender Art begeht.

Kissenüberzug über den Kopf gestülpt

Dass Carlos kaum im Zaum zu halten ist, illustrieren die insgesamt 30 Delikte, die ihm vorgeworfen werden. So drohte er dem Gefängnispersonal, das er als «Hurensöhne», «Schwuchteln», «Schlappschwänze» tituliert und sie und deren Familien beleidigt, mehrfach mit dem Tod. «Du bist der erste Gefängnisleiter, den ich kaputtmache», soll er dem Chef des Gefängnisses Winterthur gesagt haben.

Mehrfach zerstörte er Zellen, indem er Einrichtungen zerkratzte, Gegenstände unbrauchbar machte oder die Zelle sogar unter Wasser setzte. Dabei entstand ein Sachschaden in fünfstelliger Höhe. Wiederholt bespuckte er Mitarbeiter oder Polizisten, die sich ihm näherten, sodass ihm in einem Fall bei einer Zellenverlegung sogar ein Kissenüberzug über den Kopf gestülpt wurde.

Seine Wut oder seinen Frust liess er auch an Gefängnisinsassen aus. Einem Mitgefangenen schlug er im Speisesaal zweimal mit der Faust gegen den Kopf, sodass der 150 Kilogramm schwere Mann wegkippte, mit dem Kopf gegen eine Tischkante prallte und auf den Boden stürzte. Einen anderen Insassen, der ihm sagte, dass er im Werkraum nichts verloren habe, drohte er: «Halt d Schnurre, ich bin dä Chef, ich mach di fertig.»

«Sozial-Wahn!»

Ab kommendem Mittwoch wird sich Carlos vor dem Bezirksgericht Dielsdorf verantworten müssen. Die Verhandlung wurde aber aus Platzgründen ans Bezirksgericht Zürich verlegt. Carlos ist angeklagt der versuchten schweren Körperverletzung, der mehrfachen einfachen Körperverletzung, der mehrfachen Sachbeschädigung, der mehrfachen Drohung, der mehrfachen Beschimpfung und der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Das Strafmass wird erst im Rahmen der Hauptverhandlung bekannt.

Erstmals landesweit in die Schlagzeilen geraten war Carlos am 27. August 2013. Damals berichtete der «Blick» unter dem Titel «Sozial-Wahn!» über eine «Reporter»-Sendung auf SRF 1, die eigentlich dem Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber gewidmet war. Zu reden gaben aber anschliessend einzig die Interventionen Gürbers zugunsten eines 17-jährigen Intensivtäters, der in der Sendung Carlos genannt wurde.

Der Jugendanwalt zahle dem «Messerstecher» einen Privatlehrer, eine 4½-Zimmer-Wohnung und Thaibox-Kurse bei einem mehrfachen Weltmeister. Zudem werde er von einem zehnköpfigen Team betreut. Das Ganze koste jeden Monat 22'000 Franken. Im folgenden Aufschrei über die Kosten der Betreuung ging Gürbers Satz unter: «Wir hatten schon Unterbringungen mit Carlos, die das Doppelte gekostet haben.» Wochenlang und in der Folge immer wieder beherrschte die «Killermaschine» («Blick») die Schlagzeilen.

Erstellt: 23.10.2019, 12:14 Uhr

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