Carlos-Prozess: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Brian alias Carlos steht ab heute erneut vor Gericht. Was bisher geschah – und wie es weitergehen könnte.

Immer wieder gewalttätig, immer wieder in den Schlagzeilen: Der mittlerweile 24-jährige Brian alias Carlos. Illustration: Robert Honegger

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Wer ist Brian alias Carlos?

Der junge Mann wurde im August 2013 wegen eines Dok-Films unter dem Pseudonym Carlos landesweit bekannt. Der Film zeigte, wie Jugendanwalt Hansueli Gürber versuchte, den jungen Straftäter zu behandeln, der schon unzählige Heimaufenthalte hinter sich hatte und in keiner Institution mehr tragbar war.

Der 17-Jährige wohnte zusammen mit einer Sozialarbeiterin in einer Wohnung, er hatte einen Privatlehrer und besuchte ein Thaibox-Training. Kosten: bis zu 29’000 Franken pro Monat. In dieser Sonderbehandlung machte er erstmals Fortschritte. Dennoch schlugen die Wellen in der Öffentlichkeit hoch, unter anderem wegen der Kosten, die im Vergleich zu traditionellen Institutionen allerdings im Mittelfeld liegen.

Der Kanton Zürich zog darauf abrupt die Reissleine: Carlos wurde verhaftet, ohne eine Straftat begangen zu haben, angeblich zu seiner eigenen Sicherheit. Fünf Monate später, im Februar 2014, erklärte das Bundesgericht die Verhaftung für nicht rechtmässig; eine erneute Sonderbehandlung brachte aber nicht mehr viel. Im Juni 2014 entliessen die Behörden den nun 19-Jährigen als austherapiert. Carlos heisst mit richtigem Namen Brian, wie er letzte Woche in einem Rundschau-Beitrag öffentlich machte. Er ist Schweizer.

Wie ging es mit Brian nach dem Ende der zweiten Sonderbehandlung weiter?

Der junge Mann kam nicht aus dem Schlagzeilen. Im August 2015 stand Brian erstmals als Erwachsener vor Gericht. Der Vorwurf: Er habe einen Kontrahenten mit einem Messer bedroht. Bilder einer Überwachungskamera zeigten aber, dass an der Anklage nichts daran war. Der Kanton musste Brian für sechs Monate zu Unrecht erlittene Untersuchungshaft entschädigen. Brians Anwalt sagte damals, sein Mandant mache Fortschritte und sei daran, seine Schulbildung nachzuholen.

Im März 2017 folgte der nächste Gerichtstermin. Dieses Mal wurde Brian zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte einem Kontrahenten in einem Streit einen heftigen Kinnhaken verpasst. Seither war Brian nicht mehr in Freiheit.

Warum steht Brian morgen wieder vor Gericht?

Es geht um Delikte, die 2017 und 2018 im Gefängnis passiert sein sollen. Die Anklageschrift listet eine ganze Reihe von teils äusserst unflätigen Beleidigungen und Drohungen auf, die Brian gegenüber Sicherheitsleuten und Polizisten geäussert haben soll, angefangen von «Hurensohn» und «ihr habt keine Eier» bis zu «ich erkläre euch den Krieg» und «ich mach dich kaputt».

Dazu kommen massive Sachbeschädigungen in den Zellen, so soll Brian einmal ein Fenster eingeschlagen und mit den Scherben überall seinen Namen eingeritzt haben, mehr als einmal soll er die Essensklappe demoliert haben. Das schwerwiegendste Delikt ist ein Angriff auf einen Gefängnismitarbeiter. Ihm soll Brian unvermittelt mehrere heftige Faustschläge gegen den Kopf verpasst haben, selbst als der Mann schon am Boden lag.

Welche Strafe droht Brian?

Der Staatsanwalt beschuldigt Brian unter anderem der versuchten schweren Körperverletzung, der Gewalt und Drohung gegen Beamte und der Sachbeschädigung. Die Strafanträge will er aber erst an der Gerichtsverhandlung stellen. Im Raum steht eine lebenslange Verwahrung.

Dafür bräuchte es zum einen eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung (die übrigen Delikte reichen für eine Verwahrung nicht aus). Zum anderen müssten zwei Gutachten bestätigen, dass Brian nicht therapierbar ist. Das Problem: Brian verweigert die Zusammenarbeit mit Gutachtern, und er verweigert jede Therapie. Ob das für eine Verwahrung reicht, wird sich zeigen. Brians Vater fordert die Freilassung; die Behörden hätten wo viele Fehler im Umgang mit seinem Sohn gemacht, jetzt reiche es.

Welche Fehler machten die Behörden im Umgang mit Brian?

Da ist nicht nur der Zickzackkurs zu nennen, den die Behörden unter der Federführung des damaligen Justizdirektors Martin Graf (Grüne) einschlugen, nachdem die Sonderbehandlung bekannt geworden war. Im Sommer 2017 musste Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) einräumen, dass die Behörden Brian menschenunwürdig und diskriminierend behandelt hatten.

Das Bezirksgefängnis Pfäffikon hatte ihn unter anderem fast zwei Wochen lang auf dem Boden schlafen lassen, nachdem er mehrfach randaliert hatte. Duschen durfte Brian nicht, er war lediglich mit einem langen Hemd bekleidet und bekam keine Unterwäsche. Sein Essen bekam er ohne Geschirr und Besteck zwischen zwei Brotscheiben gereicht. Fehr sagte, die Gefängnisleitung sei mit Brian überfordert gewesen. Aber schon vorher zeigten sich Behörden und Institutionen immer wieder hilflos. Besonders krass: In der psychiatrischen Uniklinik fesselte man den damals 16-Jährigen zwei Wochen lang ans Bett. Eine Untersuchung dieses Vorfalls liess die Staatsanwaltschaft fallen.

Warum ist Brian derart gewalttätig?

Diese Frage ist nur schwer zu beantworten. Ein Gutachten attestiert ihm eine schwere dissoziale Persönlichkeitsstörung. Aber das erklärt nicht alles. Sicher ist, dass Brian schon als Kleinkind fordernd und schwierig war. Die Eltern schwankten zwischen Vernachlässigung und Verhätschelung. In der Schule fiel er bald negativ auf. Anfangs vermutete die Schule, der Junge sei hochbegabt, später diagnostizierte man ein ADHS. Die Eltern wollten ihrem Kind aber kein Ritalin geben.

Erstellt: 29.10.2019, 16:36 Uhr

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