Was beim Car-Crash ohne Sicherheitsgurt passiert

Nach dem Unfall auf der Zürcher Sihlhochstrasse wird das Gurtenobligatorium in Reisecars zum Thema. Warum, zeigt ein Video des TCS.

Heftiger Aufprall: Die Bilder zeigen, welche Kräfte bei einem Busunfall wirken. Video: zvg/TCS

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Am frühen Sonntagmorgen krachte ein Reisecar in eine Betonmauer auf der Sihlhochstrasse in Zürich – genau dort, wo diese in luftiger Höhe in eine Sackgasse mündet, weil die Autobahn nie wie geplant fertiggebaut wurde. Eine 37-jährige Frau starb, weil sie beim Aufprall aus dem Bus geschleudert wurde und 15 Meter tief in die Sihl stürzte. Es wird vermutet, dass die Frau nicht angegurtet war, bestätigt ist das allerdings noch nicht.

Trotzdem hat die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) reagiert mit einer Forderung: Künftig müssten Chauffeure in Reisecars vor der Abreise konsequent überprüfen, ob alle Passagiere die Sicherheitsgurte tragen – genau so, wie man das aus Flugzeugen kennt. «Wir werden demnächst das Gespräch mit dem Branchenverband suchen und diese Forderung platzieren», sagt Nicolas Kessler, Sprecher der Beratungsstelle, zu «20 Minuten». Chauffeure hätten genügend Zeit für einen Gurtencheck, wenn sie längere Routen fahren.

Obligatorium, aber keine Kontrollen

Bereits heute gilt hierzulande ein Sicherheitsgurt-Obligatorium für nationale und internationale Fernbusse. Dieses ist 2006 eingeführt worden, als Reaktion auf den Carunfall am Grossen St. Bernhard, der zwölf Menschen das Leben kostete. Die Reiseveranstalter sind allerdings nur dazu verpflichtet, die Passagiere auf die Tragepflicht hinzuweisen, kontrollieren müssen sie diese nicht. Ist ein Passagier nicht angeschnallt, muss er die Busse übernehmen: 60 Franken.

Wie hoch die Anschnallquote in Cars ist, weiss die Beratungsstelle nicht. Man geht aber davon aus, dass sich Personen in Bussen seltener an die Gurtenpflicht halten als im privaten Auto. Dort liegt die Anschnallquote in der Schweiz gemäss einer BfU-Studie aus dem Jahr 2017 bei rund 95 Prozent für Fahrer und bei 84 Prozent für Beifahrer. In den vergangenen Jahren hat sich die Quote stetig erhöht.

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Dass der lockere Umgang mit der Anschnallpflicht in Bussen ein Problem ist, erkannte der TCS bereits 2011, fünf Jahre nachdem das Obligatorium eingeführt worden war. Deshalb lancierte der Verband einen Präventionsfilm. Dazu führte er einen Crashtest durch und verbreitete die Bilder im Netz. 13 Puppen, sogenannte Testdummies, wurden in einem Bus platziert, der mit 63 km/h mit einem Lastwagen zusammenstösst. Es knallt, Scheiben zersplittern, Puppen wirbeln durch die Luft.

Das Ergebnis des Tests war so deutlich wie vorhersehbar. Jene Testdummies, die angeschnallt waren, überstanden den Unfall deutlich besser. «Die Sicherheitsgurte vermochten die bei der Kollision auftretenden Kräfte weitgehend aufzufangen», heisst es in einer Mitteilung. Der Test zeigte weiter, dass unabhängig von der Sitzposition der Insassen die Kräfte auf den Körper gleich gross waren, Gefahr herrsche demnach hinten wie vorne im Bus. «Mit dem durchgeführten Test will der TCS aufrütteln und alle Busreisenden ermahnen, sich während der Fahrt anzuschnallen», hiess es damals. Ob die Aktion etwas bewirkte, ist nicht bekannt.

Bund lässt Unfallstelle besser sichern

Auf den Unfall auf der Sihlhochstrasse hat heute Dienstag auch das Bundesamt für Strassen (Astra) reagiert. Dieses belässt es nicht dabei, die beschädigte Abschlussmauer beim Autobahnstummel zu reparieren, sondern wird während der Instandsetzung «temporär zusätzliche Signalisationselemente» montieren. Parallel zur bestehenden durchgezogenen Fahrbahn-Markierungslinie werde eine Reihe von Betonblöcken aufgestellt, sogenannten «Triblock-Elemente». Diese hätten einen Abstand von rund drei Metern, sodass neben den beiden Fahrspuren ein zusätzlicher Pannenstreifen bestehen bleibt. Am linken Ende dieser Abgrenzung wird zusätzlich ein mobiler Aufprallschutz platziert. Die entsprechenden Arbeiten haben bereits begonnen.

Trotz der Betonblöcke sollen die Blaulichtorganisationen weiterhin beim «Stummel» auf der Sihlhochstrasse wenden können. Das Astra lässt dort, wo die Abfahrt von der Hochstrasse hinunterführt, eine Lücke offen, damit die Fahrzeuge von Polizei, Rettungsdiensten und Strassenunterhalt passieren können. Hinter dieser Lücke würden Arbeiter zur Sicherung dieses Bereiches eine zweite, kürzere Reihe aus Triblock-Elementen aufstellen. Ergänzt werden diese mit nach rechts weisenden Kurvenpfeilen.

Vom Provisorium zur definitiven Lösung?

«Die baulichen Veränderungen bleiben vorerst bis zum Abschluss der Instandsetzungsarbeiten an der Abschlussmauer des ‹Autobahn-Stummels› vor Ort», teilt das Astra mit. Sollte die detaillierte Unfallanalyse zeigen, dass solche Massnahmen notwendig sind und sich die temporären Massnahmen bewähren, würde aus dieser provisorischen eine definitive Lösung.

Bereits gestern Montag hat die Kantonspolizei Zürich das Astra in einem Brief aufgefordert, die Situation auf der Sihlhochstrasse so rasch wie möglich zu prüfen, wie Urs Grob von der Sicherheitsdirektion bestätigte. Ein versehentliches Abbiegen in die Sackgasse soll verunmöglicht werden.

Die Analyse des Unfallhergangs vom Sonntagmorgen beschäftigt mittlerweile die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft. Diese hat den Fall übernommen. (sip)

Erstellt: 18.12.2018, 12:18 Uhr

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