Grossumbau der KV-Lehre

Bisherige Pflichtfächer sollen zur Option, eine Fremdsprache abgestuft werden. Lehrpersonen sehen schwarz für ihre Zukunft.

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Vor den Weihnachtsferien verpassten mehrere Zürcher KV-Schulen ihren Lehrpersonen einen Maulkorb. Sie möchten so verhindern, dass sich ihre Angestellten kritisch zu «Kaufleute 2022» äussern – jener Reform, welche die KV-Lehre von Grund auf verändern wird. Eine Lehrerin schreibt: «Ich bitte Sie, unter keinen Umständen meinen ­Namen oder meine Schule zu nennen, dies könnte zu meiner Kündigung führen.» Die Angst ist gross, Probleme mit dem Arbeitgeber zu bekommen.

Äussern wollten sich einige Lehrpersonen trotzdem – unter Gewährleistung von Anonymität. Der TA kontaktierte ein Dutzend Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Zürcher KV-Schulen. Mehr als die Hälfte äusserte sich kritisch zur Reform, die anderen liessen die Anfrage unkommentiert. Eine häufig genannte Kritik: Die Intransparenz, mit der die Reform vorangetrieben werde. «Es wird nur selten Informiert, und wir haben kein Mitspracherecht», sagt eine Lehrerin. Eine andere meint, die Folgen der Reform seien ungewiss – «einige fürchten um ihren Job».

Innovatives Bildungskonzept

Warum die Nervosität? Es geht um viel. Das Image der KV-Ausbildung hat in den letzten Jahren gelitten. Die Lehrpläne gelten als veraltet, starr und ungenügend, um später im beruflichen Umfeld zu bestehen.

Die Ausarbeitung von «Kaufleute 2022» läuft seit 2018 – unter Geheimhaltung. Die Verantwortung für Qualität und Entwicklung der KV-Lehre liegt bei der Schweizerischen Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen, kurz SKKAB. Co-Präsidentin Martina Oertli spricht von einer dringenden Neuausrichtung der Grundausbildung, «um die Arbeitsmarktfähigkeiten von jungen Kaufleuten künftig zu ­gewährleisten».

Mit der Ausarbeitung der Reform beauftragt ist die Ectaveo AG. Die Zürcher Firma ist gemäss Eigenbeschrieb auf «innovative Bildungskonzeptionen» spezialisiert. Sie erarbeitet die Reform gemeinsam mit Wissenschafts- und Wirtschaftsexperten – etwa von der UBS, der ETH oder dem Industrieverband Swissmem.

Profile verschwinden

Was bisher bekannt ist: Die KV-Ausbildung soll sich grundlegend verändern. Heute ist sie unterteilt in drei Profile: die ­Basisausbildung (B), die erweiterte Grundausbildung (E) und die Berufsmatura (M). Die ersten zwei Profile werden abgeschafft respektive zusammengeführt, während das M-Profil bestehen bleibt.

Interne Dokumente, die dem TA vorliegen, zeigen: Der Fokus soll verlagert werden, weg von den klassischen Fächern, hin zum Erwerb von «Handlungskompetenzen». Etwa: «Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen» oder «interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld». Eine KV-Lehrerin bezeichnet die Kompetenzen als «diffus» und befürchtet deswegen einen Abbau von Grundlagenwissen.

Andererseits soll die Wirtschaft mehr Mitspracherecht erhalten. So wird erwogen, dass Lehrbetriebe die Wahlpflichtfächer ihrer Lehrlinge bestimmen können. Einige Lehrpersonen sehen deshalb schwarz für ihre Zukunft, da Pflichtfächer wie Finanz- und Rechnungswesen zur «Option» werden sollen. Auch bei den Fremdsprachen wird es eine grundlegende Änderung geben: Französisch und Englisch, bis anhin gleichberechtigte Pflichtfächer, sollen zu Wahlpflicht­fächern abgestuft werden.

«Wenn Französisch nicht mehr Pflicht ist, wird die Sprache kaum jemand mehr wählen.»

«Französisch ist eine unbeliebte Sprache», sagt eine Lehrerin. «Wenn die Sprache nicht mehr Pflicht ist, wird sie kaum jemand mehr wählen.» Eine andere Lehrperson gibt zu bedenken: Als Italienisch einst zum Wahlpflichtfach abgestuft wurde, sei die Sprache an der betreffenden Schule verschwunden. «Es kam keine Klasse mehr zustande.»

KV-Lernende bei der Zusammenarbeit. Bild: Keystone.

Die Reform hat auch Einfluss auf die Unterrichtsform. Ein Muster liefert ein Pilotversuch an der Wirtschafts- und Kaderschule in Bern (WKS). Seit 2018 läuft das Projekt unter dem Namen «begleitetes selbst organisiertes Lernen». Statt 45 Minuten Frontalunterricht im Repetitionsmodus liefern die Lehrpersonen verteilt über den Tag kurze 20-Minuten-Inputs. Davor und danach büffeln die Lernenden selbstständig und in Lerngruppen. Die Lehrpersonen treten in den Hintergrund, stehen den Lernenden aber beratend zur Seite.

Ungewohnt ist auch die Räumlichkeit, wie ein Video des Westschweizer Fernsehens RTS zeigt. Das Klassenzimmer weicht dem Co-Working-Space: loungeartige Sitzecken, gemusterte Teppiche, extravagante Lampenschirme und exotischer Pflanzenschmuck. Die Teenager sitzen an Laptops – wie junge Unternehmer im Hipster-Café. «Nebst den Arbeitskompetenzen nehmen wir Selbstmanagement und kritisches Denken in den Fokus», sagt Peter Kaeser, Vizedirektor der WKS.

Ist der Meinung, dass man nicht früh genug mit der Förderung von Selbstständigkeit anfangen kann: Peter Kaeser, Vizedirektor der WKS. Foto: PD

Ein Zürcher KV-Lehrer ist skeptisch. Er befürchtet, dass Schülerinnen und Schüler mit der Selbstständigkeit überfordert sein könnten. In diesem Alter seien die meisten noch nicht genug reflektiert und organisiert. «Sie müssen regelrecht zum selbstständigen Arbeiten gepusht werden», sagt der Lehrer.

Der Pilotversuch in Bern lieferte dazu erste Anhaltspunkte: 37 KV-Lernende meldeten sich freiwillig für das Projekt. Zehn beantragten den Wechsel zurück in die alte Struktur, etwa, weil ihnen die Selbstverantwortung zu viel wurde. Das seien leicht mehr ­Verschiebungen als in anderen Klassen, sagt Kaeser. Zugleich verweist er auf einen Vorteil: «Die Lehrbetriebe schätzen die Lernenden der Pilotklassen als ­markant selbstständiger ein.»

Laut Kaeser haben die Lernenden bei der Abschlussprüfung einen überdurchschnittlich hohen Notenschnitt. Er ist der Meinung, dass man nicht früh genug mit der Förderung von Selbstständigkeit anfangen kann. Das Projekt zog allerdings auch einzelne Kritikpunkte nach sich: etwa Koordinationsprobleme unter den Lehrkräften und teilweise hoher Geräuschpegel im Gruppenraum.

Kosten: Noch unbekannt

Wie viel die Reform kostet, kann zurzeit noch niemand sagen. Manche Lehrkräfte befürchten eine Sparübung: Gehe es künftig darum, Handlungskompetenzen statt vertiefte Fachkenntnisse zu vermitteln, drohe eine tiefere Lohnklasse, meint ein Lehrer: «Für dieses Anforderungsprofil braucht es keine Lehrkräfte mit fachlicher Zusatzausbildung.»

Esther Schönberger, Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Kaufmännischen ­Berufsfachschulen, widerspricht: «Die Reform ist keinesfalls eine Sparübung.» Im Gegenteil: Die Anforderungen an die Lehr­personen würden vielfältiger. Gleichzeitig seien ihre fachlichen Kompetenzen weiterhin gefragt.

Treibt die Reform voran: Esther Schönberger. Foto: SSBL

Dennoch gingen einige KV-Lehrkräfte mit einem unguten Gefühl in die Weihnachtspause. Eine Lehrerin sagt, sie würde sich gerne für die Reform engagieren, leider gebe es keine Möglichkeit – «statt Mitspracherechten erhalten wir Maulkörbe».

Christian Wölfle, Rektor der KV Zürich Business School, sagt dazu: «Im Namen der Schule dürfen bloss die Rektoren und die Schulkommission mit der Presse kommunizieren.»

Erstellt: 06.01.2020, 06:04 Uhr

Bedrohte Bürolisten: Bis zu 100'000 Jobs gefährdet

Bei aller Kritik – die meisten Lehrkräfte sind sich einig, dass es eine Reform der KV-Lehre braucht. Noch immer ist sie die mit Abstand beliebteste Berufslehre der Schweiz. Über 13'000 Jugendliche starteten letztes Jahr eine Ausbildung in einer der 21 KV-Branchen. Das entspricht rund einem Fünftel der Oberstufenabgänger. Doch mindestens so viele Kaufleute, wie auf den Markt drängen, werden jährlich weggespült. Eine Studie des Kaufmännischen Verbands Schweiz prophezeite 2016, dass in den nächsten zehn Jahren in der Schweiz bis 100'000 Stellen verloren gingen. Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) äusserte letztes Jahr die Befürchtung, dass das Berufsbild KV in zehn Jahren nicht mehr existieren werde.

Die düstere Prognose könnte sich bewahrheiten: Gemäss dem Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich betrugen die Quartalsverluste für offene Bürojobs in den letzten Jahren bis zu 16 Prozent. Als Haupttreiber gelten Jobverlagerungen ins Ausland und die Folgen der Digitalisierung: Einfache Büroabläufe werden automatisiert, Algorithmen arbeiten verlässlicher und günstiger als der Mensch. Das Jobprofil des Bürolisten verschiebt sich – hin zum Vermittler zwischen Maschine und Unternehmen. Die Reform 2022 soll KV-Abgänger nun fit für die Zukunft machen. Gefragt ist nicht mehr in erster Linie die Fachkompetenz. Vielmehr schlüpft der KV-Lehrling in die Rolle des agilen Vermittlers. Wichtige Skills: selbstständiges Arbeiten, Sozialkompetenz oder die Fähigkeit, sich zu vernetzen und vernetzt zu denken. (mrs)

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