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«Dabei hätte man jetzt so schön Zeit, schwanger zu sein»

Mit ihrem Theaterstück haben sie so sehr begeistert, dass die «Klus-Park-Senioren» heute Mittwochabend womöglich eine Ehrung erhalten.

Salome Müller und Thomas Wyss
Manchmal machen sie dann doch no de Lööli: Die Klus-Park-Senioren (v.l.) Hedy Klug, Viktor Maier, Elvira Sartori, Pamela Fritz, Ruth Müller und Ljudmila Schmid. Foto: Fabienne Andreoli
Manchmal machen sie dann doch no de Lööli: Die Klus-Park-Senioren (v.l.) Hedy Klug, Viktor Maier, Elvira Sartori, Pamela Fritz, Ruth Müller und Ljudmila Schmid. Foto: Fabienne Andreoli

Viele Wochen lang haben neun Seniorinnen und Senioren des Alterszentrums Klus-Park in Hirslanden gemeinsam mit Regisseur Laurent Schönherr das Theaterstück «Abenteuer eines langen Lebens» entwickelt. Die sechs Vorstellungen im Mai 2017 waren nicht bloss ausverkauft, sie haben Besucher und Kritiker derart inspiriert, dass das Ensemble für die Limmex-Medaille nominiert ist.

Wir haben diese Ehrung zum Anlass genommen, um mit sechs der Laiendarsteller – die jüngste ist 79, die älteste 91 – über schöne und weniger angenehme Seiten des Altwerdens zu reden.

In Ihrem Stück «Abenteuer eines langen Lebens» erzählen Sie teils wilde Geschichten. Sind die allesamt tatsächlich geschehen?

Viktor Maier (89 Jahre): Die Geschichten sind alle wahr. Bei meiner habe ich aber ein bisschen improvisiert.

Elvira Sartori (86): Wir hatten kein Script und erzählten aus dem Stegreif. Meine Geschichte ist die mit den Hüten: Als ich ins Altersheim wechselte, dachte ich, dass alle meine Hüte hier gar keinen Platz hätten. Aber dann sagte meine Familie: «Die Hüte gehören doch zu dir! Nimm sie einfach mit.»

Maier: Einen Text auswendig zu lernen, wäre sehr schwierig gewesen. Aber die eigene Geschichte hat man ja im Kopf. Sartori: Aber so einfach, wie du es darstellst, war es auch wieder nicht. Wir haben schon Leistung gezeigt!

Haben Sie das geübt?

Sartori: Oft! Ljudmila Schmid (79): Regisseur Laurent hat ein Rechaudkerzli angezündet, das wurde zum Ritual. Wenn es niedergebrannt war, war unsere Probenzeit mit ihm vorbei. Doch jede Probe war wieder anders. Es kam immer etwas Neues dazu.

Ruth Müller (90): Manchmal musste man jemandem sagen, dass es auch kürzer ginge.

Hedy Klug (91): Ja, bei den Proben ist es oft überbordet.

Es gab wohl einfach viele Erlebnisse zu verarbeiten. Macht es traurig zu wissen, dass der Grossteil des Lebens vorüber ist?Pamela Fritz (89): Ich bin nur traurig, weil das Theater jetzt vorüber ist.

Sartori: Unser Leben ist ja noch nicht vorbei. Ich denke sehr fest zurück. Besonders an jene Menschen, die ich verloren habe. Ans Familienleben, wem ich wehgetan habe. Ich habe mich bei der Person entschuldigt, weil ich sie nicht verlieren wollte. Aber die Zeit, bis ich mich dazu durchgerungen habe, ist verlorene Zeit.

Maier: Vor sechs Jahren stand ich noch auf den Ski, ich bin über vierzig Jahre geritten. Am liebsten würde ich das heute noch machen, aber es geht halt einfach nicht mehr. Traurig macht es mich aber nicht.

Müller: Ich bin einfach froh, muss ich keine kleinen Kinder mehr hüten.

Klug: Dabei hätte man jetzt so schön Zeit, schwanger zu sein!

Müller:Wenn Hedy über die Quaibrücke fährt, sagt sie: Am liebsten würde ich jetzt den Köpfler machen!

Klug:Ja, dazu hätte ich grosse Lust. Aber ich mache es dann doch nicht.

Maier:Hat jetzt auch zu wenig Wasser.

Bewahren Sie sich also auch im hohen Alter die Lust, Streiche zu spielen?

Klug: Klar. Mit meiner Enkelin machte ich kürzlich ein Rennen, wer schneller die Treppe runter ist. Dann hats mich gruusig geschletzt. Das gab ein Donnerwetter von meiner Tochter! Ich musste lachen. Den blauen Flecken zeigte ich ihr natürlich nicht.

Maier:Vieles geht halt wegen des gesundheitlichen Zustands nicht mehr …

Fritz:(unterbricht) … Viktor, das wollen wir gar nicht hören!

Apropos Donnerwetter: Als Eltern sagt man den Kindern, wie das Leben funktioniert, plötzlich ist es umgekehrt. Nervt das?

Müller: Hie und da schon, ja.

Klug: Du kannst es ja ignorieren. Müller: Kürzlich hat mir meine Enkelin alle Himmelherrgottschande gesagt. Ich antwortete: Also äxgüsi, jetzt bin ich 90!

Warum schimpfte sie?

Müller:Wegen der Medikamente. Ich schmeisse die am liebsten in den Abfall.

Fritz:Aber sie meint es doch nur gut.

Müller: Sie wollte mir einen Vortrag halten! Ich weiss es doch selber, und wenn es falsch ist, bin ich es ja, die leidet. Meine Jungen wollen das Beste, aber dann kommen sie ins Zimmer und fragen: Ist alles in Ordnung? Warst du beim Zahnarzt? Solltest du nicht mal zum Coiffeur? Sind deine Augen noch gut? Und wenn wir in die Stadt gehen, reklamieren sie, wenn ich schwarzfahre.

Die Busse kostet 100 Franken!

Müller:Meine Familie schenkte mir dann ein Abo und stritt sich, wer mit mir in die Stadt darf. Klar: Ich bezahle ja alles.

Sartori: Mein Sohn sagt gar nichts. Er würde sich schon trauen, aber er findet, dass ich mein Leben bisher immer selber geschmissen habe. Manchmal wünschte ich, er würde mehr helfen.

Müller:Unsere Familien sind jedenfalls froh, dass es uns gut geht.

Welche Vorstellung hatten Sie vom Altsein, als Sie selbst noch jung waren?

Fritz: Das war so weit weg.

Maier: Ich habe nie daran gedacht. Aber wenn ich heute eine Sendung schaue, in der es heisst, 2030 ist etwas fertig gebaut, denkt der Maier: Dich gibt es dann nicht mehr.

Klug:Das fährt schon ein, daran muss man sich erst gewöhnen.

Müller: Schon als 40-Jährige waren wir für die Kinder steinalt. Gruftis!

Klug: Das Wort gab es damals sicher noch nicht.

Müller: Ah was! Mich macht das Alter milder. Natürlich haben wir den Tod hier nah. Manchmal tut es auch sehr weh. Aber ich gehe nicht ins Zimmer und denke, jetzt sterbe ich bald. Man ist auch froh, wenn man die Tür zumachen kann und seine Ruhe hat. Viele wollen nie ins Altersheim. Warum? Wir müssen nicht mehr selber kochen oder putzen – wie in einem Hotel.

Gehört der Tod hier zur Routine?

Maier: Nein.

Sartori: Alle zwei Monate stirbt jemand. Plötzlich gibt jemand körperlich ab, dann heisst es: «Sie ist jetzt eingeschlafen.» Der Tod bleibt eine Überraschung.

Fritz: Meine Gesundheit ging runter, ich fühlte mich nicht so gut. Meine Ärztin verschrieb mir, Theater zu machen.

Sartori: Jetzt geht es dir wieder besser.

Fritz: Jaja.

Im Theater geht es um Gefühle. Welche Vorstellung hat man davon im Alter – etwa von der Liebe?

Sartori: Liebe hat eine andere Bedeutung als früher. Sie ist Zuneigung, tiefer. Es geht ums Zusammensein.

Schmid: Es ist Zärtlichkeit.

Maier:Viele leiden darunter, dass diese fehlt. Sie können ja nicht einfach jemanden packen.

Klug: Es gibt viele Arten von Liebe: im Alltag, im Umgang mit den Nächsten. Verzeihen ist auch eine Form.

Fritz: Dass man sich etwas Liebes sagt, bevor man schlafen geht.

Maier: Für eine ältere Bewohnerin habe ich eingekauft. Wenn ich ihr die Sachen auf ihr Zimmer gebracht habe, fragte sie mich, ob sie mich kurz halten dürfe, bevor ich wieder rausging. Ohne küssen. Klug: Es gab auch zwei, die man in flagranti erwischt hat.

Sartori: Das darf doch auch sein!

Klug: Danach wurde das offiziell erlaubt.

Schmid: Eine Frau bot hier Schmetterlingsmassagen an – ganz feine Berührungen. Das war so zärtlich. Aber nur zwei Leute nutzten dieses Angebot.

Sartori: Viele haben das nicht so gern.

Klug:Mir ist das auch zu nah. Und dann kostet es noch 20 Stei!

Von der Liebe zur kalten modernen Technik: Gibts Momente, in denen Sie nicht mehr mitkommen? Regt das auf?

Sartori:Ja, beim ersten Mal vielleicht.

Maier:Auf die Alten nimmt keiner Rücksicht, es geht immer nur vorwärts. Die Tram-Monatskarte sieht jetzt wie eine Kreditkarte aus. Aber dort steht nicht drauf, wie lange sie gültig ist, das muss man selber im Kopf haben. Ein paar Tage vor Ablauf kommt die Erinnerung aufs Handy, aber viele Ältere haben keines.

Fritz:Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google – all diese Wörter! Maier:Und dieses Puff mit den Automaten! Ich war mal ziemlich spät in Ziegelbrücke. Wenn niemand gekommen wäre, wäre ich heute noch dort.

Müller: Trotzdem: Den heutigen Alten kann man zehn Jahre wegrechnen. Wir sind gesundheitlich besser dran, haben unser Denkvermögen, können uns äussern. Das biologische Alter hat sich verschoben.

Klug: Wir sind praktisch alle an den Augen operiert. Früher haben die alten Leute nichts mehr gesehen und gehört.

Sartori: Jetzt muss ich leider zur Sitzung der Menükommission. Die ist wichtig.

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