Das 85-Rappen-Bio-Ei

Warum artgerechte Haltung teuer und Bio nicht alles ist – und warum 15 Zentimeter Sitzstange pro Huhn genug sind.

Immer mehr Hennen in immer weniger Betrieben: Die Konzentration der Legehennen-Industrie in der Schweiz geschieht zum Leidwesen der sozialen Tiere.Bild: Bio-Legehennen während der Vogelgrippe-Epidemie 2006.

Immer mehr Hennen in immer weniger Betrieben: Die Konzentration der Legehennen-Industrie in der Schweiz geschieht zum Leidwesen der sozialen Tiere.Bild: Bio-Legehennen während der Vogelgrippe-Epidemie 2006. Bild: Yoshiko Kusano/Keystone

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«Am besten sollte man gar keine Eier mehr essen», das sagt kein Veganer, sondern Eier-Produzent Kurt Brunner aus dem Zürcher Oberland heute aufTagesanzeiger.ch/Newsnet. Weil auch die Produktion eines Bio-Eis für 85 Rappen nur möglich sei, wenn die Tiere in unnatürlich grossen Herden gehalten würden, wenn sie Soja und Weizen aus dem Ausland zu futtern bekämen, wenn männliche Küken vergast und Legehennen nach noch nicht einmal einem Jahr ausgemustert würden. «5 Franken müsste das Ei eines artgerecht gehaltenen Huhns kosten», sagt Brunner.

Was kosten Eier beim Detailhändler überhaupt? Sind 15 Zentimeter auf der Sitzstange für ein Huhn genug? Und kommt das Futter für Schweizer Eier wirklich aus China?

Vor der Industrialisierung der Hühnerhaltung Anfang der Sechzigerjahre erhielt ein Bauer 23 Rappen für ein Ei. Dieser Preis sank mit der Leistungssteigerung bis zum Jahr 1970 auf 18 Rappen, schreibt der Schweizer Tierschutz. Nach dem Verbot der Käfighaltung Anfang der Achtzigerjahre mussten die Bauern umrüsten, weshalb die Produzentenpreise bis auf 35 Rappen stiegen, danach sanken sie wieder auf 21 bis 24 Rappen. Bio-Bauern erhalten heute pro Ei 45 Rappen, für Importeier aus riesigen Hallenhaltungen erhalten die Produzenten zwischen 10 und 14 Rappen.

Die Konsumentenpreise hingegen für ein durchschnittliches Ei sind von 35 Rappen im Jahr 1975 kontinuierlich gestiegen, auf heute knapp über 70 Rappen. Die Art der Haltung bestimmt dabei den Preis: Das Sechserpack aus Bodenhaltung kostet durchschnittlich 2.66 Franken. Für sechs Bio-Eier zahlt man in der Migros 4.75 Franken, bei Coop sind 4.95 fällig. Sechs Demeter-Eier (gekauft bei Farmy.ch) kosten 6.95 Franken, also mehr als das Doppelte.

10 Millionen Hühner leben in der Schweiz:

Wie viele Hühner im Kanton Zürich leben, wird nicht erhoben. Auf Stadtgebiet waren es gemäss Statistik Stadt Zürich 1540 Stück im Jahr 2015. 10,75 Millionen Tiere lebten 2016 in der ganzen Schweiz, davon 2,65 Millionen Legehennen. Eines von 700 Hühnern ist also eine Stadtzürcherin, während es bei den Menschen jeder Zwanzigste ist. Ein Landei also, das Huhn, was uns wenig erstaunt.

Bauer Kurt Brunner kritisierte im Artikel auch den Platz auf den Sitzstangen, der die Legehennen zugesprochen bekommen: 14 Zentimeter Sitzstange pro Huhn verlangt das Schweizer Tierschutzgesetz, 16 Zentimeter schreibt Bio Suisse vor, die Nutztierorganisationen Kagfreiland und Demeter verlangen 20 Zentimeter pro Tier. «Immer noch zu wenig», sagt Bauer Brunner.

Bio-Suisse-Sprecher Lukas Inderfurth findet diese Diskussion «etwas spitzfindig». Unter anderem gibt er zu bedenken, dass gerade in Bio-Ställen genügend Platz vorhanden sei, damit jedes Tier einen passenden Platz findet. «Besuchen Sie mal einen Betrieb, da finden Sie Stangen, auf denen Hühner ganz eng zusammenhocken, daneben Stangen, die unbenutzt sind. Und dann wieder Tiere, die es sich lieber im Stroh am Boden gemütlich machen.»

Auch die Wissenschaft hat sich mit dem Thema befasst: Eine Studie des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover kam 2013 auf eine durchschnittliche Legehennen-Breite von 153 Millimetern. Womit zumindest bei Bio und Demeter alle Hühner gleichzeitig auf den Stangen Platz hätten, wenn sie denn wollten.

Pro-Kopf-Konsum sinkt, Bio-Anteil steigt

Insgesamt haben Schweizer Hühner im vergangenen Jahr 907 Millionen Eier gelegt. Das ist etwas mehr als im Vorjahr, obwohl der Pro-Kopf-Konsum seit der Jahrtausendwende um rund 7 Prozent abgenommen hat, auf 174 Stück pro Jahr. Der Anteil Schweizer Eier nimmt zu und erreichte im letzten Jahr 77 Prozent. Auch der Bio-Anteil steigt und liegt momentan bei 15,7 Prozent. Das Ei ist damit das Produkt mit dem höchsten Bio-Anteil in der Schweiz.

Importiert wurden 2015 rund 238 Millionen Schaleneier. Dazu kamen noch einmal so viele verarbeitete. Der überwiegende Teil stammt aus Holland sowie aus Deutschland, Italien und Frankreich.

Chinesisches Soja für Schweizer Hühner

80 Bis 90 Prozent des Futters für Schweizer Eier stammten aus dem Ausland, kritisiert Bauer Brunner weiter. «Soja aus Südamerika, wo der Regenwald für den Anbau von Getreide geopfert wird. Ein weiterer grosser Teil aus China.» Auch in Bio-Betrieben werde das Futter eingesetzt.

Tatsächlich schreiben die Bio-Richtlinien zwar vor, dass das Futter «grundsätzlich» vom eigenen Hof stammen sollte. Doch dies ist in kaum einem Legehennen-Betrieb der Fall, wie Sprecher Lukas Inderfurth von Bio-Suisse zugibt. Nur gerade 13 Prozent des Bio-Futters stammte 2013 aus der Schweiz. Und obwohl man möglichst Getreide aus der Nähe beziehe, also aus Deutschland oder Italien, stammt der grösste Teil des Bio-Futtermittels (über 70 Prozent) aus China. «Bis 2019 hat sich Bio-Suisse allerdings zum Ziel gesetzt, Futtergetreide nur noch aus Europa zu beziehen», sagt Inderfurth. Ein grosser Teil soll dann aus der Kornkammer Europas, der Ukraine, kommen. Soja aus der Donauregion.

Der Herkunftsnachweis

Zum Schluss noch dies: Jedes in der Schweiz verkaufte Ei hat einen Code aufgedruckt, mit dem sich Haltungsart und Herkunft nachverfolgen lassen.

Die vorderste Ziffer gibt dabei die Haltungsart an: 0 bedeutet Bio, 1 Freilandhaltung, 2 Bodenhaltung, 3 Käfighaltung, die in der Schweiz verboten ist. Zudem ist die Herkunft aufgedruckt, CH für Schweiz, FR für Frankreich, DE für Deutschland, NL für die Niederlande.

Das Legedatum steht hinter dem Kürzel LD, und die letzte Nummer kennzeichnet den Legebetrieb, dieser kann zum Beispiel auf der Website der eiag.ch zurückverfolgt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 16:58 Uhr

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