Löhne: Das entscheidende Jahrzehnt

Eine neue Studie zeigt erstmals, wann und warum der Lohnunterschied entsteht. Und für Frauen gibt es nicht nur bei der Teilzeit eine gute Nachricht.

Die Werte zeigen den Bruttomonatslohn für Frauen und Männer für alle Altersjahre zwischen 20 und 64 – in Abhängigkeit ihres Zivilstands und Beschäftigungsgrads.

Die Werte zeigen den Bruttomonatslohn für Frauen und Männer für alle Altersjahre zwischen 20 und 64 – in Abhängigkeit ihres Zivilstands und Beschäftigungsgrads. Bild: Statistisches Amt Kanton Zürich; Quelle: Bundesamt für Statistik, LSE

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Das Erfreuliche zuerst: Die geschlechterspezifische Lohndifferenz ist gesunken, von 25 Prozent im Jahr 2008 auf 19 Prozent im Jahr 2014. Gemäss der jüngsten Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik verdienen Männer, die Vollzeit arbeiten, im Schnitt brutto 7200 Franken (Medianlohn), Frauen hingegen nur 5800 Franken. Landesweit liegen die Löhne im Kanton Zürich am höchsten, aber auch die Geschlechterdifferenz ist hier grösser als in jeder anderen Region.

Die Kommission für die Gleichstellung von Mann und Frau und die Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich wollten es genauer wissen: Wie entwickeln sich die Löhne über die Zeit? Welche Faktoren führen zum Unterschied? Werden Frauen diskriminiert? Sie beauftragten das statistische Amt mit einer Studie. Deren Resultate sind heute veröffentlicht worden. Sie zeigen, dass die Lebensjahre zwischen 30 und 40 entscheidend sind, dort entsteht die Lohnkluft zwischen den Geschlechtern.

Ab 30 gehen die Löhne auseinander

Bis zum 30. Altersjahr entwickeln sich Frauen- und Männerlöhne sehr ähnlich. Danach nehmen Männerlöhne bis Ende 40 weiterhin zu, während die Frauenlöhne bereits zehn Jahre früher stagnieren. Allerdings nicht generell: Die Löhne von ledigen und damit statistisch gesehen meist kinderlosen Frauen entwickeln sich ähnlich wie jene der Männer. «Die Kluft besteht vor allem zwischen verheirateten Frauen und den übrigen Erwerbstätigen», heisst es in der Studie. Und: «Ein Zusammenhang mit der Familiengründung ist evident.»

Nach wie vor reduzieren vor allem die Frauen ihr Pensum, wenn sie Kinder bekommen. Nur 10 Prozent aller verheirateten erwerbstätigen Männer arbeiten Teilzeit. Bei den Frauen sind es 70 Prozent. Oft wählen sie bereits den Beruf entsprechend aus: Im Sozial- oder Gesundheitswesen und im Detailhandel ist Teilzeitarbeit eher möglich als im Finanzsektor.

Frauen holen auf

In diesen traditionell weiblichen Branchen sind aber die Löhne tiefer, was den unterschiedlichen Medianlohn von Frauen und Männern teilweise erklärt. «Durch die Wahl familienfreundlicher Berufe mit tendenziell schlechteren Lohnaussichten vergeben Frauen schon zu Beginn ihres Erwerbslebens die Chance auf eine höhere Entlöhnung», lautet ein Schluss der Studie.

Dazu kommt, dass Teilzeit arbeitende Frauen selten Kaderpositionen besetzen, was sich wiederum negativ im Lohn niederschlägt. Auch sind Männer noch immer höher qualifiziert als Frauen, obwohl diese seit rund zehn Jahren eine höhere Maturitätsquote aufweisen; der Aufholeffekt der Frauen bei der Bildung widerspiegelt sich erst allmählich in der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten.

Unterschiede bei der Heirat

Branche, Ausbildung, Position, Kompetenzniveau: Diese vier Faktoren erklären etwas mehr als die Hälfte der Lohnunterschiede. Und der Rest? Die Statistiker haben auch Korrelationen gefunden, die nichts mit der beruflichen Qualifikation zu tun haben und deshalb möglicherweise diskriminierend sind. So zeigte sich, dass sich die Löhne für Frauen im oberen Kader nicht signifikant unterscheiden von denjenigen im mittleren Kader.

Gut verdienende Männer - die oft in der Finanzbranche tätig sind - verdienen also viel mehr als gut verdienende Frauen. In Zahlen: 25 Prozent aller erwerbstätigen Männer haben einen Lohn über 10’000 Franken; bei den Frauen sind es weniger als 10 Prozent. Auffällig ist auch, dass verheiratete Männer deutlich mehr verdienen als ledige - bei den Frauen ist es genau umgekehrt. «Der Zivilstand hat also einen direkten Effekt auf den Lohn, obwohl er a priori nicht lohnrelevant sein sollte», so die Studie.

Mutter vs. Ernährer

Dies gilt aber nur, solange der Mann voll arbeitet. Teilzeit erwerbstätige Männer verdienen hochgerechnet bis zu 10 Prozent weniger als ihre Vollzeit-Kollegen. Lohnmässig am besten dran ist ein Mann, der verheiratet ist und Vollzeit arbeitet. Fachstellenleiterin Helena Trachsel erklärt diese Resultate mit dem weiterhin vorherrschenden traditionellen Rollenmuster.

«Wenn eine Frau heiratet, denkt ihr Chef, das sie bald eine Familie gründet, und fördert sie deshalb nicht weiter. Heiratet hingegen ein Mann, bekommt er vom Chef mehr Lohn, weil er ja nun die Ernährerrolle übernimmt.» Trachsel rät jungen Frauen, mit ihren Männern zu verhandeln, wer in welchem Bereich wie viel Verantwortung übernehmen soll.

Beide, Frauen und Männer, sind heute in der Regel gut ausgebildet, von daher sollten die Rollen nicht von vornherein feststehen. Auch die Arbeitgeber sollen genau hinschauen, wer sich für eine Position am besten eignet, fordert Trachsel. «Heute lassen sie einen Grossteil der Frauen vom Radar», bedauert die Gleichstellungsexpertin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.05.2016, 12:27 Uhr

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