Das EWZ kippt den Solarstrom raus

Das Elektrizitätswerk strafft sein Angebot und verzichtet künftig auf reine Solarenergie. Wer sie trotzdem will, braucht Geduld und Geld.

Weniger als ein Prozent der EWZ-Produktion ist Solarstrom: Anlage auf einer Seewasseranlage in Zürich. Bild: PD

Weniger als ein Prozent der EWZ-Produktion ist Solarstrom: Anlage auf einer Seewasseranlage in Zürich. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den besonders grünen Zürcher Haushalten werden sie die Welt nicht mehr verstehen, wenn im August die Post vom städtischen Elektrizitätswerk kommt. Eben erst hat der Zürcher Gemeinderat eine Klimaoffensive beschlossen – und ausgerechnet jetzt streicht das EWZ, das sich seines Beitrags daran rühmt, den Solarstrom aus dem Programm. Das Angebot «Solartop», zu 100 Prozent Strom aus Schweizer Fotovoltaikanlagen, gibt es ab nächstem Jahr nicht mehr.

Wer sich den Luxus leistete, seinen ganzen Verbrauch oder einen guten Teil davon mit Solarstrom zu decken, muss zwangsweise reduzieren. Denn das EWZ, für Privatkunden in Zürich die einzige Wahl, bietet ab nächstem Jahr nur noch drei fixe Strommischungen an, und keine enthält mehr als 3,5 Prozent Solarstrom. Nicht einmal das ökologische Spitzenprodukt namens «Pronatur».

Es war zu mühsam

Das EWZ begründet diesen Schritt mit dem grossen administrativen Aufwand, den die Solarstrombezüger verursachten. Denn nur gerade 200 der rund 13'000 Solartop-Kunden deckten ihren gesamten Verbrauch damit ab, alle anderen nur einen frei gewählten Anteil. Für ihren restlichen Verbrauch wählten sie ein anderes Produkt. Solche individuellen Mischungen waren bislang möglich, aber die Rechnerei wurde dem EWZ zu mühsam, zumal es oft nur um Kleinstmengen an Solarstrom ging. Das Angebot soll deshalb vereinfacht werden.

Das EWZ sieht in der Solarenergie für sich kein grosses Potenzial, wie aus den Prognosen für die eigene Stromproduktion hervorgeht. Im vergangenen Jahr kam rund ein halbes Prozent der Gesamtmenge aus Fotovoltaikanlagen. Dieser Anteil wird bis 2034 nur auf etwa 4 Prozent steigen. Die Zukunftstechnologie, mit der das EWZ bis dahin den politisch beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie schaffen will, ist nicht Sonnen-, sondern Windenergie. Windparks im Ausland, in Skandinavien, an der Nordsee oder in Frankreich sollen bis dahin die Hälfte der gesamten Produktion ausmachen.

Die Alternative lässt auf sich warten

Wer weiterhin eine ordentliche Portion Solarstrom aus lokaler Produktion beziehen möchte, muss sich gedulden. Das EWZ wirbt zwar als Alternative mit seinem Programm «Solarzüri», das es im Prinzip jedem erlaubt, sich für eine Dauer von 20 Jahren ein paar Quadratmeter Solaranlage auf einem Zürcher Schulhausdach zu kaufen und den Strom von dort zu beziehen. Der Haken an der Sache: Das Angebot hinkt der Nachfrage hinterher. Die drei neuen Anlagen, die derzeit im Bau sind, sind längst ausgebucht, und die Warteliste umfasst bereits wieder mehrere Hundert Personen.

Das ist ärgerlich für bisherige Solarstromkäufer, denn finanziell wäre der Umstieg für sie attraktiv.

Das ist ärgerlich für bisherige Solartop-Kunden, denn finanziell wäre der Umstieg für sie attraktiv – sofern sie die happige Einstiegshürde einmal überwunden haben. Ein fürs EWZ typischer Familienhaushalt, der 3500 Kilowattstunden im Jahr verbraucht, müsste einmalig 11'000 Franken aufwerfen, um sich jene 44 Quadratmeter Solaranlage zu sichern, dank denen er die nächsten 20 Jahre ausgesorgt hätte. Auf ein Jahr hinuntergerechnet, inklusive Netzkosten und Abgaben, würde dieser Haushalt für 100 Prozent reinen Solarstrom etwa 1100 Franken zahlen. Das ist nicht viel mehr als bei einem der drei neuen Strommixangebote mit wenig bis gar keinem Solarstrom, die zwischen 785 und 856 Franken kosten. Und es ist vor allem viel weniger als beim alten 100-Prozent-Solarstrom-Angebot, wo die gleiche Menge über 2000 Franken kostete.

Mehr Anreiz für Private verlangt

Weil das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt hält, will der Zürcher Gemeinderat jetzt auch auf den Dächern von Privatliegenschaften einen «massiven Zubau an Fotovoltaikanlagen» auslösen. Eine entsprechende Motion von SP, Grünen, Grünliberalen und EVP ist letzte Woche für dringlich erklärt worden. Bislang würden erst 15 Prozent des Potenzials genutzt, das müsse sich ändern. Verlangt wird unter anderem, mehr Geld zu investieren, damit das EWZ entweder private Dachflächen dazumieten kann oder Privaten, die selbst Anlagen bauen, einen besseren Preis für den Kauf ihres Stroms offerieren kann. Ein zusätzlicher Vorstoss der FDP fordert den Stadtrat dazu auf, den Bau von Solaranlagen auf Dächern so weit wie möglich zu vereinfachen.

Erstellt: 20.06.2019, 14:18 Uhr

Die drei neuen Tarife des EWZ

Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich bietet am 2020 nur noch drei verschiedenen Stromtarife an. Alle drei umfassen, wie beim EWZ seit 2015 üblich, ausschliesslich erneuerbare Energie.

  • Der günstigste heisst «Econatur» und umfasst vor allem Wasser- und Windkraft aus dem Ausland, wobei die Herkunft jeweils hinterher deklariert wird. Für einen Beispielhaushalt, der 3500 Kilowattstunden im Jahr verbraucht, kostet das inklusive Mehrwertsteuer 785 Franken.
  • Der Tarif «Natur» besteht aus Strom, den das EWZ selbst produziert, vor allem in Wasserkraftwerken in der Schweiz und Windparks im Ausland. Hinzu kommt ein kleine Anteil Solarstrom. Das kostet für den Beispielhaushalt gleich viel wie das bisherige Basisangebot: 800 Franken im Jahr.
  • Der Tarif «Pronatur» ist mit 856 Franken der teuerste, dafür leisten die Kunden hier über den «Naturmade star»-Fonds des EWZ einen Beitrag an Renaturierungsprojekte. Der Strom stammt zu 97 Prozent aus Wasserkraft, der Rest ist Wind- und Solarenergie aus lokaler Produktion.
(hub)

Artikel zum Thema

Verkaufsschlager Solaranlage

In Zürich wollen so viele Personen Teile von EWZ-Solaranlagen kaufen, dass die Warteliste bereits Hunderte Personen umfasst. Mehr...

«Wir haben noch viele Dächer für Solarstrom»

Das rot-grüne Zürich wird bei der Solarenergie von den Landgemeinden abgehängt. Harry Graf vom städtischen Elektrizitätswerk sagt, wie man das ändern kann. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Hat er einen an der Angel? Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück gleich an mehreren Löchern gleichzeitig. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...