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Das fiese Geschäft mit der Liebe

Betrüger nutzen die Sehnsucht von einsamen Menschen aus. Sehr erfolgreich, wie ein aktueller Fall zeigt: Eine Frau wurde um 180'000 Franken betrogen.

Stefan Hohler
Moderne Form des Heiratsschwindels: Unter falschen Identitäten geben sich Betrüger in sozialen Netzwerken als Verehrer aus. Foto: Silas Stein (Keystone/dpa)
Moderne Form des Heiratsschwindels: Unter falschen Identitäten geben sich Betrüger in sozialen Netzwerken als Verehrer aus. Foto: Silas Stein (Keystone/dpa)

Über den jüngsten Fall von sogenanntem ­«Romance Scam» hat die ­Zürcher Kantonspolizei Mitte Dezember berichtet. Eine 53-jährige Frau war von einem virtuellen Heiratsschwindler um rund 180'000 Franken betrogen worden.

Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall: Im August berichtete die Solothurner Kantonspolizei von einer Mittfünfzigerin, die einem angeblich im Gefängnis sitzenden Mann 150'000 Euro überwies. Im Kanton Freiburg kassierten falsche Liebhaber laut der Kantons­polizei seit Anfang Jahr über 200'000 Franken. Und im Kanton Zug liessen sich im April eine 41- und eine 59-jährige Frau auf eine Internetbeziehung ein und wurden dabei um rund eine halbe Million Franken betrogen.

Parallelen zu Enkeltrick

«Romance Scam» oder «Love Scam» («scam» ist Englisch und bedeutet «Betrug») ist die moderne Form des Heiratschwindels. Die Betrüger geben sich unter falschen Identitäten in Partnerbörsen und in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Snapchat als Verehrer aus. Ähnlich wie Enkeltrickbetrüger verfügen sie über grosses psychologisches Geschick und sind in der Lage, mit dem Opfer eine «ernsthafte» Beziehung aufzubauen. Dabei steht die Geldforderung anfänglich nicht im Vordergrund, sondern die Gespräche und Kontakte drehen sich um Beruf, Familie und eine gemeinsame Zukunft.

Erst wenn die Betrüger das Vertrauen der Opfer haben, fragen sie nach Geld und erzählen herzzerreissende Geschichten von einem Unfall, von Krankheitsfällen, Behördenproblemen, familiären oder geschäftlichen Notsituationen.

Falscher Architekt in Notlage

Im Fall der erwähnten Zürcherin war der «Architekt» in einer beruflichen Notlage, und die 53-Jährige überwies ihm in Tranchen innerhalb eines halben Jahres das Geld. Erst als er sich nicht mehr meldete, erstattete die Frau Anzeige wegen Betrugs.

Das fiese Geschäft mit den Gefühlen boomt: Beim Bundesamt für Polizei (Fedpol) gingen im letzten Jahr 123 Meldungen zu «Romance Scam» ein. 2016 waren es 140, im Jahr 2015 erst 81 Meldungen. «Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs und bilden nicht das Gesamtmass des Phänomens ab», sagt Fedpol-Sprecherin Lulzana Musliu. Man gehe von einer hohen Dunkelziffer aus, da die Phänomene mit Lust und Scham verbunden seien. Häufig würden betroffene Frauen erst dann zur Polizei gehen, wenn sie bereits viel Geld verloren haben.

Wie ein Fall ablaufen kann, wird auf der Website der Schweizerischen Kriminalprävention ausführlich beschrieben. Da wird ein fiktives Beispiel eines angeblich gut situierten kanadischen Ingenieurs erwähnt, der auf einer Partnervermittlungsplattform eine Frau aus dem bernischen Niederbipp anschreibt. Er nannte sich Bob Tyler und vermittelte ihr nach kurzer Zeit sehr eindringlich und blumig, dass sie genau die Frau seiner Träume sei. Die Frau sehnte sich schon lange nach einer Partnerschaft, und je länger sie mit Tyler chattet oder auch telefoniert, desto überzeugter ist sie von seinem Interesse an ihr. Als der Betrüger sicher ist, dass die emotionale Abhängigkeit genügend stark und ein persönliches Treffen geplant ist, folgen Schilderungen von angeblichen Notfällen.

So erzählt dieser Bob Tyler, das er auf dem Weg in die Schweiz sei, geschäftlich aber über Dubai reisen musste. Um das Geschäft erfolgreich abzuschliessen, muss er eine gewisse Summe vorschiessen, wobei Tyler aus unterschiedlichsten Gründen keinen Zugriff auf seine eigenen Mittel hat und die Frau bittet, so rasch als möglich die Summe zu überweisen, damit er die Reise in die Schweiz endlich antreten könne. Das Treffen dient als Köder, damit sie das Geld bezahlt.

Betrüger in Westafrika

Was die Opfer meist nicht wissen: Internetprofile können gefälscht werden, und Mail­adressen oder Telefonnummern sind keine sicheren Hinweise auf die Herkunftsländer der Betrüger. Der angebliche Bob Tyler wohnt nicht in Kanada. Männer, die «Romance Scam» betreiben, sind häufig aus Westafrika, wo sie in Banden organisiert sind. Frauen, die auf diese Weise betrügen, sind oft aus Russland.

Die Männer geben sich gern als Ingenieure, Architekten, ­US-Soldaten oder Computerspezialisten aus, die Frauen arbeiten als Ärztinnen, Krankenschwestern oder Lehrerinnen. Die Betrüger sprechen oft gut Englisch. Die Porträtbilder haben sie irgendwo im Internet gestohlen.

Die Geldüberweisung erfolgt meist über Geldtransfer-Services wie Western Union oder Moneygram. Da die Täterschaft meist aus dem Ausland und in Internetcafés operieren, ist eine Nachverfolgung der Geldflüsse kaum möglich.

Falls die Opfer intime Bilder von sich geschickt haben, versuchen die Betrüger, sie häufig noch zu erpressen. Der «Love Scam» geht dann nahtlos in «Sextortion» über. Die Wortkombination mischt «Sex» und «Extortion», was auf Englisch «Erpressung» bedeutet.

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