Wie Zürcher Hausbesitzer aus 5G Kapital schlagen

Telecomfirmen treiben die Aufrüstung auf den neuen Mobilfunkstandard voran. Während Gegner für ihren Kampf viel Geld ausgeben, kassieren die Hausbesitzer kräftig ab.

Eine der lukrativsten Antennen steht auf einem Zürcher Spital. Foto: Urs Jaudas

Eine der lukrativsten Antennen steht auf einem Zürcher Spital. Foto: Urs Jaudas

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Wer 5G bekämpft, geht heute auf die Strasse. In 30 Ländern und 15 Schweizer Städten mobilisieren Menschen für den internationalen Protesttag gegen 5G – den neusten Standard für mobile Telefonie und Internet. «5G jetzt stoppen, für uns und unsere Umwelt», werden die Menschen beim Landesmuseum skandieren, wo der Zürcher Protest um 15 Uhr startet.

Zwei Tage zuvor: Daniel Gruber sitzt in einem kleinen Café unweit des Protestorts und spricht über sein florierendes Geschäft. Gruber ist Mobilfunkmakler. In seiner Rolle ist er der Freund der Grundeigentümer und der Gegner der Mobilfunkfirmen – die durch ihn mehr Geld bezahlen müssen.

Gruber hilft allen, die auf ihrem Grundstück eine 5G-Antenne errichten wollen: Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Liegenschaftsverwaltungen, einfachen Hausbesitzern oder städtischen Verwaltungen. Bedingung: Die Antenne muss sich innerhalb einer Bauzone befinden. Im Gegenzug bezahlen Swisscom, Sunrise oder Salt eine jährliche Mietentschädigung.

Ein Bauer, dessen Mietertrag pro Jahr bei 2000 Franken lag, verdient jetzt 18'000 Franken.

Der Makler handelt für seine Klienten höhere Mieterträge aus und «neutralisiert Risiken», wie er sagt. Die Verträge seien von den Providern meist sehr einseitig ausgehandelt: «Was die Firmen bezahlen, liegt in der Regel weit unter dem Marktwert.»

Gruber blättert in seinem Auftragsordner und verweist auf die Ertragssteigerungen, die er für seine Klienten erreicht hat. Sie sind teilweise riesig, das Drei-, Fünf oder Zehnfache dessen, was der Provider zahlen wollte: Ein Bauer, dessen jährlicher Mietertrag bei 2000 Franken lag, verdient jetzt 18'000 Franken. «Der Bauer weinte vor Freude, als er davon erfuhr», sagt Gruber. Eine Antenne auf dem Grundstück einer Zürcher Versicherung: zuvor 12'000 Franken Ertrag, neu 25'000 Franken. Eine Antenne auf einem Zürcher Spital: rund 80'000 Franken Jahresertrag. «Es dürfte eine der lukrativeren Mobilfunkanlagen in Zürich sein», sagt Gruber.

Gegner sprechen von Krieg

Über 1000 Antennenstandorte umfasst Grubers Portfolio. Knapp 20'000 gibt es laut Schätzungen in der ganzen Schweiz: Klein- und Grossantennen, aber auch kleinere Mikro- und Inhouse-Antennen. Der aktuelle Bestand von 5G-Antennen beträgt über 2000 – ein Wert, der sich in den letzten zwei Monaten verdreifacht hat.

Viel Arbeit für Gruber. Zürcher Gemeinden etwa hätten generell ein reges Interesse, auf ihren Gebäuden eine Antenne zu errichten, sagt der Makler. «Es gibt ranghohe Zürcher Politiker, die gerne Hand bieten – sofern der Marktwert stimmt.» 5G ist auch für öffentliche Verwaltungen ein potenzielles Geschäft. Und der Makler selbst? Er beziehe einen «angemessenen Prozentsatz» des ausgehandelten Mehrwerts.

Auf der Gegenseite von Gruber steht Grueber – Martin Grueber. Der Ingenieur gehört in Zürich zu den aktivsten Exponenten im Kampf gegen 5G-Antennen. Er wehrt sich gegen eine Salt-Anlage in seiner Nachbarschaft in Zürich-Enge. Seit Sommer 2018 ist sein Rekurs gegen die Anlage hängig, zurzeit vor Verwaltungsgericht.

Grueber hat 30 Anwohner zusammengebracht. Eine Erkenntnis, die sich unter 5G-Protestlern mittlerweile durchgesetzt hat: Je mehr Mitstreiter sich finden, desto tiefer fallen die Kosten für den Einzelnen aus. Bis heute hat die Gemeinschaft 50'000 Franken für Anwalts- und Verfahrenskosten bezahlt. Und sie ist bereit, bis vor Bundesgericht zu ziehen.

Dies, obwohl Grueber an einem Gerichtserfolg zweifelt. Es gehe darum, auf Zeit zu spielen, um wissenschaftliche Erkenntnisse oder politische Entscheide abzuwarten. Aber auch, um den Firmen direkt zu schaden. «Es ist wie bei einer Tretmine», sagt Grueber. «Der Kriegsgegner wird nicht gänzlich vernichtet, sondern lediglich geschädigt.» Und Verzögerungen kommen die Provider teuer zu stehen. Eine Analyse des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) ergab, dass eine Antenne durchschnittlich 313'000 Franken pro Jahr erwirtschaftet.

Grueber spricht von «Wildwuchs im Antennenwald». Dies, weil in seinem Quartier gleich drei 5G-Antennen stehen oder geplant sind, je eine von Salt, Swisscom und Sunrise. Die Swisscom verweist auf den freien Wettbewerb: «Alle Anbieter müssen ihre Kunden abdecken. Dazu brauchen sie die nötige Freiheit», sagt eine Sprecherin. Den Betreibern wäre es möglich, die Antennen zu teilen. In dicht besiedelten Gebieten wie Zürich sei ein sogenanntes Site-Sharing allerdings kaum möglich – da die Grenzwerte für Elektrostrahlung zu tief seien. Die Folge: mehr Antennen.

5G auf dem Onkozentrum

Grueber irritiert die passive Haltung der Stadt. «Sie hat keinen Plan, nimmt auch keine Verantwortung wahr.» Das Hochbaudepartement, das in Zürich Baugesuche behandelt, verweist auf die Verantwortung des Bakom, das die Daten erhebt. Dabei ginge es auch anders. Wie ein Antennenchaos auf Gemeindeebene verhindert werden kann, zeigt etwa Meggen LU: Die Gemeinde legte selbst drei fixe Standorte für 5G-Antennen fest – ausserhalb der Wohngebiete und in Zusammenarbeit mit den Mobilfunkbetreibern.

In Zürich wächst derweil der Widerstand aus den Quartieren – acht Einsprachen sind gemäss Hochbaudepartement hängig, weitere wurden bereits abgelehnt, andere werden bald eingereicht. In Wollishofen formiert sich eine Interessengemeinschaft, um die Aufrüstung einer bestehenden Antenne auf 5G zu verhindern. Vor allem die Lage der Antenne sorgt für Diskussionsstoff: Sie befindet sich auf einem Onkologiezentrum. Daneben eine Schule und eine Wohnsiedlung mit vielen Kleinkindern.

In Wollishofen: Antenne auf dem Onkologiezentrum. Foto: Urs Jaudas

Eine Anwohnerin, die anonym bleiben will, warnt vor den gesundheitlichen Folgen: «Was die Mobilfunkstrahlung mit uns macht, ist noch nicht richtig erforscht, und trotzdem wird nun Vollgas auf 5G aufgerüstet.» Die Anwohnerin spricht an, was viele 5G-Gegner denken: Immobilienbesitzer profitieren durch Antennen finanziell, währenddem die Bewohner der umliegenden Gebäude die Strahlung abkriegen: «Da läuft etwas grund­legend falsch im System.»

Obwohl Hausbesitzer finanziell profitieren, sei es für die Mobilfunkfirmen schwierig, geeignete Standorte zu finden, sagt Makler Gruber. Das gelte besonders für reiche Gegenden wie etwa die Zürcher Goldküste. «Viele Firmen und Hausbesitzer wollen es sich nicht mit der Nachbarschaft verscherzen und verzichten deshalb aufs Geld – sie können es sich leisten.» Und es finde sich in solchen Gegenden immer ein Anwohner, der bereit sei, viel Geld für die Prozesse aufzuwenden.

Milliardär verdient mit

Atypisch verhält es sich bei einer Antenne in Wipkingen, die ebenfalls durch die Nachbarschaft bekämpft wird. Inhaber der Immobilie ist ein gewisser Henning Conle, Immobilien-Tycoon und gemäss der Zeitschrift «Bilanz» über eine Milliarde Franken schwer. Aufgefallen war der schweizerisch-deutsche Doppelbürger zuletzt durch eine umstrittene Spende an die deutsche Rechtspartei AfD.

Doch so erlaubt es das gegenwärtige System: Auch ein Milliardär darf dank 5G noch ein wenig reicher werden.

Erstellt: 24.01.2020, 22:15 Uhr

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