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«Das ist das Ende. Tschüss»

Die mutmasslichen Opfer des Angriffs in der An’Nur-Moschee haben angeblich Todesängste ausgestanden. Und fürchten sich bis heute. Die Staatsanwältinnen betonen ihre Glaubwürdigkeit.

Laut den drei Staatsanwältinnen bestehen «keine Zweifel» am Hergang des Übergriffs. Die Beweise seien erdrückend. Illustration: Robert Honegger
Laut den drei Staatsanwältinnen bestehen «keine Zweifel» am Hergang des Übergriffs. Die Beweise seien erdrückend. Illustration: Robert Honegger

«Machen Sie die Augen fünf Sekunden lang zu», fordert Rechtsanwalt Bernard Rambert am zweiten Prozesstag die Zuhörer im Bezirksgericht Winterthur auf, unter ihnen der Präsident, Richter, Staatsanwältinnen und Verteidiger sowie diverse Journalisten. Und natürlich: die zehn Beschuldigten selbst. Sie sind angeklagt, in der mittlerweile geschlossenen An’Nur-Moschee in Winterthur im November 2016 zwei nordafrikanische Gläubige bespuckt und beschimpft, eingesperrt und erniedrigt, ja mit dem Tod bedroht zu haben.

«Stellen Sie sich nun vor, dass ihnen jemand den Mund aufdrückt», fährt Anwalt Rambert fort. «Sie wehren sich, doch der Druck gegen den Kiefer ist stärker. Es wird ihnen eine Zehnernote hineinsteckt. Und sie werden gezwungen, diese zu schlucken.» Sein Mandant, der im Saal sitzt, sei durch diesen Vorgang dermassen erniedrigt worden, dass er der Polizei später nicht habe sagen können, wie er sich fühle. In die Akten fand folgende Aussage Eingang: «Ich habe gedacht: ‹Das ist das Ende. Tschüss. Ich werde da sterben.›»

Die Beschuldigten hätten es geschafft, seinen Mandanten in Todesangst zu versetzen, sagt der Anwalt. Diese habe über Monate angehalten und mache sich zum Teil noch immer bemerkbar. So habe sein Mandant seit jenem Abend vor zwei Jahren siebenmal die Wohnung wechseln müssen. Nach wie vor fühle er sich in seinen eigenen vier Wänden nicht wohl.

Rambert schildert weitere psychische Folgen des Übergriffs: Schreckhaftigkeit. Albträume. Verwirrtheit. Verfolgungswahn. Flashbacks. Schlaflosigkeit. Seine Mandanten seien «keine Spione» des Journalisten Kurt Pelda, der mittlerweile für diese Zeitung schreibt. Sie stünden auch nicht im Sold eines Geheimdienstes. Der zum Schlucken der Zehnernote genötigte Mandant sei freischaffender Journalist und habe auch schon für den «Spiegel» und die «Weltwoche» geschrieben. Als praktizierender Muslim habe er unter anderem die An’Nur-Moschee besucht und dort rasch festgestellt, dass «ein radikaler Islam gepredigt» werde. Deshalb habe er angefangen zu recherchieren. Mit Reporter Pelda tausche er manchmal Informationen aus, mehr aber auch nicht.

Der Anwalt verlangt für den Mann, dessen Aussagen ­«ein­­deutig»und «widerspruchsfrei» seien, eine Genugtuung von 20000 Franken sowie 118000 Franken Schadenersatz. Das zweite mutmassliche Opfer stellt keine Forderungen. «Er will mit der Sache nichts mehr zu tun haben», sagt Rambert.

Auch die Staatsanwaltschaft, bestehend aus drei Juristinnen, findet klare Worte für die Vor­kommnisse in der An’­Nur-Moschee. Es bestünden ­«keine Zweifel» daran, dass sich die Tat genau so zugetragen habe wie in den Anklageschriften geschildert. Die Beweise seien erdrückend: ein Notruf-SMS des einen Opfers an einen Polizisten, Fotos und Tonbandaufnahmen, Einvernahmeprotokolle sowie Arztzeugnisse. Sie belegten etwa eine Gehirnerschütterung sowie posttraumatische Belastungsstörungen.

Die Beschuldigten haben laut den Staatsanwältinnen «niederträchtig» und «perfide» gehandelt. Besonders verwerflich sei, dass sie die Übergriffe in einer Moschee begangen hätten, die «eigentlich ein Ort des Friedens und der Besinnung» sein sollte. Die Männer hätten «Selbstjustiz» üben wollen, um ihre Glaubensauffassung durchzusetzen. «Doch in der Schweiz gibt es keinen Raum für eine Schattengesellschaft», sagt Hauptanklägerin Susanne Steinhauser. «Unser Rechtssystem darf nicht unterwandert werden.» Dafür solle in diesem Prozess ein klares Zeichen gesetzt werden.

Sie fordert für die Männer, die beim Vorfall zwischen 18 und 52 Jahre alt waren, teilbedingte Freiheitsstrafen zwischen 30 und 36 Monaten. Für das Verfahren des jüngsten Beschuldigten, damals 17-jährig, ist die Jugendanwaltschaft zuständig.

«Mediale Hetzjagd»

Klare Worte – allerdings gänzlich anderer Art – finden auch die ersten drei Verteidiger, die an diesem zweiten Prozesstag ihre Plädoyers halten. Sie fordern in fast allen Punkten Freisprüche für ihre Mandanten. Einzig der erste Beschuldigte sei allenfalls geringfügig zu bestrafen. Er hatte Beschimpfungen und Spucken zugegeben. Der 20-Jährige sei ein «ganz normaler Jugendlicher», mit dem «das Temperament etwas durchgegangen» sei, sagt sein Anwalt. Er sei durch die «vorverurteilenden Medienberichte» vorbelastet gewesen.

Auch ein anderer Verteidiger kritisiert die «mediale Hetzjagd». Sämtliche Moscheebesucher und insbesondere die zehn Beschuldigten seien unter Generalverdacht gestellt worden. «Die Unschuldsvermutung wird mit Füssen getreten», sagt er. Ein anderer Anwalt glaubt, auch die Polizei und die Staatsanwaltschaft stünden unter dem Einfluss der ­Medienkampagne. Schuld daran, das scheint für alle drei klar, ist Journalist Pelda. «Ohne ihn gäbe es diesen Prozess nicht.»

Die drei Verteidiger verlangen für die erlittene Untersuchungshaft ihrer Mandanten Entschädigungen. Heute Mittwoch folgen weitere sechs Plädoyers.

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