Das linkste Dorf des Kantons Zürich

Jedes Mal, wenn es an die Urne geht, wird den Bewohnern von Rheinau bewusst, dass sie anders sind. Kein anderes Dorf wählt so links und so grün. Wie lebt es sich als Sonderfall?

Rheinau hat anteilsmässig beinahe so viele SP-Wähler wie die Stadt Zürich. Archivbild: Sophie Stieger

Rheinau hat anteilsmässig beinahe so viele SP-Wähler wie die Stadt Zürich. Archivbild: Sophie Stieger

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Dieser Text über das Ausnahmedorf Rheinau, wo das bedingungslose Grundeinkommen getestet werden soll, wurde am 17. Oktober 2011 im «Tages-Anzeiger» publiziert. Tagesanzeiger.ch/Newsnet bringt ihn aus Aktualitätsgründen erstmals online. (Red)

Wer sich ins Postauto Nummer 620 setzt, begibt sich auf eine Weltreise. Zwar geht die Fahrt nur gerade über vier Kilometer, aber politisch betrachtet, könnte die Distanz kaum grösser sein. Es geht von ganz rechts nach ganz links. Von Marthalen, dem malerischen Riegelhausdorf, wo jeder Zweite SVP wählt, nach Rheinau, ins idyllische Klosterdorf am Rhein, wo die SP in den letzten Nationalratswahlen über 25 Prozent aller Stimmen machte - ein Spitzenwert, der einzig in der Stadt Zürich noch übertroffen wurde.

Dabei handelte es sich nicht etwa um einen statistischen Ausreisser. Rheinau, das zeigt das Wahlverhalten der letzten 20 Jahre, ist das linkste Dorf im Kanton (siehe Tabelle unten).

Stand 2011 (zum Vergrössern bitte anklicken, Grafik: TA).

Und das, obwohl es im Weinland liegt, einer SVP-Hochburg par excellence. Wann immer die Rheinauer an die Urne gehen, werden sie sich ihrer Besonderheit bewusst. Zwar haben sie eine Erklärung dafür parat: Die psychiatrische Klinik, die der Kanton vor 150 Jahren in den Klostermauern eröffnete, die vielen Staatsangestellten, noch dazu aus sozialen Berufen und gewerkschaftlich organisiert. Es bleibt aber die Frage, ob man dem Dorf den Sonderfall anmerkt.

Wo sind die «seltsamen Leute»?

Dass das Reiseziel kein gewöhnliches ist, deutet sich schon im Postauto an. Als Erste steigt eine dunkelhäutige Frau mit Kopftuch und den Gesichtszügen einer Ostafrikanerin ein. Ein paar Sitze weiter vorn nimmt ein korpulenter, hustender Mann mit wirrem Haar und einem speckigen Parka Platz. Und dann steigt noch eine weitere Afrikanerin zu. Man fühlt sich an den Zürcher Bus 32 erinnert, der durch die Langstrasse fährt. Nur dass draussen herbstliche Kornfelder und Auenwälder vorbeiziehen.

Endhaltestelle Rheinau Post. Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, was an diesem Dorf anders sein soll. So anders, dass viele Marthaler «nie im Leben» hierherziehen würden, wie eine Frau hinter vorgehaltener Hand erzählt hat. Es ist auch nicht klar, was es mit den «seltsamen Leuten» auf sich hat, mit den «überheblichen Linken».

Hier wie dort wirken die Menschen freundlich, hier wie dort sind die Balken der Riegelhäuser rot gestrichen, hier wie dort ziert ein Blumenmuster die Tischdecke im Restaurant, und die Enten unten am Flussufer verhalten sich auch nicht sozialistischer als anderswo. Einen Hinweis auf des Rätsels Lösung gibt ein verwitterter Aufkleber an einer Haustür. «Wer nicht für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein», steht da. Der irritierende Spruch bringt in verdichteter Form drei Eigenheiten zum Ausdruck, die Rheinau etwas anders machen:

Das Nicht-ganz-dicht-Sein

«Die sind nicht anders als wir», sagen die Marthaler, wenn man sie über die Rheinauer ausfragt. «Wir sind nicht anders als die», sagen auch die Rheinauer. Warum aber grinsen sie alle so vielsagend, bevor sie das sagen?

Den Grund erfährt nur, wer nachhakt: Es ist die psychiatrische Klinik. Sie ist die erste Assoziation beim Namen Rheinau und hat den Ruf des Dorfes weit über das Politische hinaus geprägt. Der Marthaler Historiker Reinhard Nägeli erzählt, wie er sich als Bub jeweils nur mit grösster Vorsicht «nach dort drüben» wagte, wo hinter einem Waldgürtel versteckt die Anstalt lag. «Das war eine fremde Welt - schon immer gewesen.» Denn vor der Klinik war das Kloster, waren die Katholiken.

Das Gefühl der Fremdheit ist wechselseitig. «Das hier ist eine Welt für sich», sagt auch Ruedi Stäheli. Der frühere SVP-Gemeindepräsident von Rheinau, ein wetterfester Typ, steht trotz steifer Bise hemdsärmlig vor seinem Haus. Das Dorf habe sich stets eher an den deutschen Nachbargemeinden ennet des Rheins orientiert als an jenen auf Schweizer Boden. Damit spricht er eine zweite Eigenheit an:

Das Für-alles-offen-Sein

Die Grenzen scheinen auch in den Köpfen der Rheinauer etwas durchlässiger als anderswo. Ein Beispiel: Als der Kanton Ende der Neunzigerjahre den landwirtschaftlichen Betrieb des Klosters, einen der grössten der Schweiz, neu verpachtete, wollten ihn Zürcher SVP-Politiker an drei Bauern verteilen. Stäheli aber stellte sich gegen die Idee seiner Parteikollegen - und hinter jene der grünen Regierungsrätin Verena Diener. Gemeinsam holten sie eine anthroposophische Stiftung nach Rheinau, die hier seither Biolandbau betreibt und geschützte Arbeitsplätze anbietet. Stäheli musste allerdings einen persönlichen Preis dafür zahlen, dass er «noch mehr Rote und Grüne» ins Dorf geholt hatte: Er wurde von der eigenen Klientel abgewählt.

Die Grenzen sind in Rheinau auch von links nach rechts durchlässig: Der langjährige Posthalter Bruno Hefti, Vertreter der SP-Ortsgruppe, erzählt vergnügt vom Armbrustschiessen, an dem er jeweils teilnimmt - es ist ein Anlass der lokalen SVP. Die für ein ländliches Dorf ungewöhnliche Bevölkerungsstruktur scheint eine Offenheit zu bewirken, die dazu führt, dass in Rheinau zusammengeht, was anderswo nicht passt. Und damit zur dritten Eigenheit:

Das Leben mit Widersprüchen

Hefti, der SP-Mann, geht nicht nur ans SVP-Armbrustschiessen, er ist auch Präsident des Gewerbevereins. Ausgerechnet er, der frühere Staatsangestellte. Dann wäre da der grösste Bauernhof im Dorf: auch dies ein Staatsbetrieb. Auf der dazugehörigen Rinderweide steht zwar ein Wahlplakat, wie man es von anderen Höfen kennt, aber es ist keines mit Sünneli, sondern eines der SP.

Und hoch über alledem ragt der Kirchturm mit dem Kreuz in den Himmel. In Rheinau gingen Katholizismus und Sozialdemokratie eine für Schweizer Verhältnisse ungewöhnliche Symbiose ein. Zurückzuführen ist sie auf das Kloster, das zur Klinik wurde: Früher, so heisst es, kamen viele Pfleger aus der Innerschweiz nach Rheinau, um hier zu arbeiten.

Es mehren sich allerdings die Anzeichen, dass sich die Eigenheiten des Dorfs in der Rheinschlaufe langsam abschleifen. Die Zahl der Psychiatrieangestellten geht zurück, und mit ihr die Zahl der SP-Wähler. Die Kinder gehen heute in Marthalen in die Oberstufe, und auch die Feuerwehr- und Forstleute der beiden Gemeinden arbeiten zusammen. Rheinau sei nicht mehr so «gfürchig» wie seinerzeit, sagt der Marthaler Chronist Nägeli. Man kommt sich näher. Vielleicht ist es der Anfang vom Ende des Sonderfalls. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 16:38 Uhr

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