Das Mahnmal der geplatzten Tunnelträume

Der Brüttener Tunnel war vor 30 Jahren schon einmal geplant – und wurde kurz vor Baubeginn gestoppt. Ein Überbleibsel steht bis heute.

Der Betonpfeiler bei der Autobahn in Winterthur-Töss erinnert an den in den 80er-Jahren geplanten Bahntunnel. Foto: Sabina Bobst

Der Betonpfeiler bei der Autobahn in Winterthur-Töss erinnert an den in den 80er-Jahren geplanten Bahntunnel. Foto: Sabina Bobst

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Der Fahrplan ist sportlich. Bis zum Jahr 2035 soll der Brüttener Tunnel gebaut und der Bahnhof Stadelhofen auf vier Gleise erweitert sein. Das hat der Bundesrat im vergangenen Herbst bekannt gegeben. Vor rund einem Monat hat sich auch der Zürcher Regierungsrat für den Brüttener Tunnel und ein viertes Gleis am Bahnhof Stadelhofen starkgemacht. Nur mit diesen Schlüsselprojekten könnten die Engpässe auf dem Bahnnetz in und um Zürich beseitigt werden, teilte er Mitte Januar mit.

Es ist nicht der erste Anlauf zum Brüttener Tunnel. Dessen Planung war bereits einmal sehr weit fortgeschritten. Vor rund dreissig Jahren stand der acht Kilometer lange Bahntunnel zwischen Bassersdorf und Winterthur-Töss kurz vor der Ausführung. Daran erinnert bis heute ein merkwürdiges Objekt an der Autobahnausfahrt bei Winterthur-Töss: Ein massiver, über zwei Meter hoher, runder Betonpfosten thront dort in der Wiese zwischen Autobahn und Bahnlinie. Manche Automobilisten und Zugpassagiere dürften sich schon gewundert haben, wozu die graue Säule dienen mag.

Podest für die Vermessung

Der Betonpfosten ist zwar ziemlich unansehnlich, doch er ist nicht nur ein Zeuge eines gescheiterten verkehrspolitischen Grossprojekts, er gehört auch zu den Eckwerten der Landesvermessung: «Der Pfeiler wurde 1990 im Zusammenhang mit dem geplanten Brüttener Tunnel erstellt und wurde zudem auch ein Lagefixpunkt, weil sich exakt an dieser Stelle bereits ein solcher am Boden befand», erklärt Markus Pfanner, Sprecher der kantonalen Baudirektion.

Lagefixpunkte erster und zweiter Ordnung haben ihren Ursprung in der Landestriangulation und sind auch heute noch offizielle Grundlage für die meisten Vermessungen in der Schweiz. Seit 1902 befindet sich ein Lagefixpunkt zweiter Ordnung genau an der Stelle des Betonpfostens bei Töss. Das Besondere in diesem Fall: Der Pfeiler diene auch als Baufixpunkt oder Portalpunkt, wie Pfanner sagt. Von Portalpunkten aus wird jeweils die Richtung eines geplanten Tunnels beziehungsweise eines Tunnelvortriebs gemessen und abgesteckt. Das Nordportal des Brüttener Tunnels wäre nach den damaligen Plänen unmittelbar beim Betonpfeiler gebaut worden.

Solche Pfeiler würden üblicherweise für Bauwerksüberwachungen wie Tunnelportale, Brücken oder Staumauern erstellt, sagt Pfanner weiter. «In diesen Fällen ist es wichtig, dass die Fixpunkte sehr stabil sind und durch die Aufstellung des Vermessungsinstruments keine Ungenauigkeiten entstehen.» Dies sei bei der Verwendung eines Dreibeinstativs nicht zu vermeiden. Die Betonpfeiler haben deshalb eine Vorrichtung, um das Gerät direkt darauf zu montieren, weshalb sie in der Regel auch auf Augenhöhe sind.

Manche Automobilisten und Zugpassagiere dürften sich wundern, wozu die graue Säule dienen mag.

Die in den 80er-Jahren geplante Neubaustrecke zwischen Zürich-Flughafen und Winterthur samt Brüttener Tunnel war ein Teilprojekt der Bahn 2000. Die rund eine Milliarde Franken teure neue Linie sollte die kurvenreiche und viel befahrene Strecke zwischen Winterthur und Effretikon entlasten, die Fahrzeit verkürzen und die Kapazität erhöhen.

Laut den damaligen Plänen hätte die neue Strecke die Flughafenlinie zwischen Kloten und Bassersdorf verlassen. Anschliessend wäre sie kurz durch Industrie- und Gewerbezonen verlaufen und im Brüttener Tunnel verschwunden. Bei der Steigmühle in Töss hätte sie die Autobahn unterquert und wäre danach – beim Betonpfosten – in die bestehende SBB-Strecke gemündet. «Fast die gesamte Linie verläuft unterirdisch. Weil Zürich für einmal nichts zu bezahlen hat und Vorteile für die S-Bahn resultieren, zeigte sich Regierungsrat Hans Künzi an einer Pressekonferenz über das Projekt hocherfreut», hiess es 1989 in derNZZ.

Baureif, aber zu teuer

Der Bau galt als beschlossene Sache. Zwar hatten Einsprachen das Projekt zuerst gebremst, doch 1992 erteilte das Eidgenössische Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement die Genehmigung. Für das Tunnelprojekt sei eine Lösung gefunden worden, «die den sich teilweise widersprechenden Anliegen des Lärm-, des Erschütterungs-, des Landschafts- und des Ortsbildschutzes Rechnung trägt», hiess es damals.

Wenig später lag auch die Baubewilligung vor, und die SBB suchten in Zeitungsinseraten bereits Ingenieure für den Bau des Brüttener Tunnels. 1992 rechnete man damit, dass die ersten Züge um die Jahrtausendwende auf der neuen Strecke verkehren könnten. Doch gleichzeitig zeichnete sich ab, dass die Kosten massiv unterschätzt wurden. Schliesslich verordnete der Bundesrat eine Redimensionierung von Bahn 2000, und im Juni 1993 kam das Aus für den baureifen Brüttener Tunnel. Die SBB stellten ihn aus Kostengründen auf unbestimmte Zeit zurück. Kleiner Trost für Zürich: Die SBB liessen immerhin den Tunnel zwischen Wiedikon und Thalwil im abgespeckten Konzept Bahn 2000.

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Zürichs Regierungsrat und Regierungen von Ostschweizer Kantonen reagierten scharf. Man verbaue sich Entwicklungsmöglichkeiten, kritisierte die Volkswirtschaftsdirektion. Sie intervenierte beim Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement und forderte, dass die Neubaustrecke zwischen Zürich-Flughafen und Winterthur «ihrer Bedeutung entsprechend im Konzept behalten und als einziges baureifes Projekt rasch verwirklicht wird».

Die Zürcher Regierung befürchtete, dass die von SVP-Bundesrat Adolf Ogi verlangte Reduktion der Bahn 2000 zulasten der Ostschweiz erfolge und der Kapazitätsengpass Effretikon–Winterthur bleibe. Doch weder diese Interventionen noch Druck aus dem Kantonsrat nützten. Die Pläne für den Brüttener Tunnel verschwanden in der Schublade.

Geblieben ist dafür der Pfeiler bei der Autobahn in Töss. Ein Andenken aus Beton. Laut der Baudirektion gibt es neben diesem Betonelement im Kanton nur noch einen Lagefixpunkt, der ebenfalls als Pfeiler vermarkt ist. Er steht in Brütten und signalisiert seit 2012 den Mittelpunkt der amtlichen Vermessung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2018, 22:21 Uhr

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