Das neue Leben des Geri Müller

Fast 30 Jahre bekleidete er ein politisches Amt, war gar als Bundesrat im Gespräch. Wie geht es ihm heute?

Geri Müller ist erleichtert, dass er nun ohne Rücksicht auf ein Amt seine Meinung sagen kann. Foto: Thomas Egli

Geri Müller ist erleichtert, dass er nun ohne Rücksicht auf ein Amt seine Meinung sagen kann. Foto: Thomas Egli

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Bereits bei der Einleitung zur ersten Frage bleiben wir stecken: Herr Müller, vor gut einem Jahr mussten Sie sich von der Politik verabschieden… «Ich habe mich nie von der Politik verabschiedet, das wäre mir ganz und gar unmöglich. Ich bin seither amtsfrei.» Stimmt, und stimmt wohl selten so wie bei Geri Müller. Die folgenden zwei Stunden zeigen, dass der 58-Jährige nicht von der Politik lassen kann. Vorab die Aussenpolitik, dort vor allem die Nahostpolitik, fesselt ihn nach wie vor. Und es gibt wohl wenige im Lande, die so nahe dran sind. Zu nahe, wird ihm zuweilen vorgeworfen.

Seit letztem Mai ist Müller Präsident der Gesellschaft Schweiz–Palästina – und ist bereits schon wieder angeeckt. Im September lud die Gesellschaft zu einer Diskussion mit der palästinensischen Aktivistin Manal Tamimi. Sie stammt aus einer Familie, die einst im Kampf gegen die israelische Besetzung auch vor Gewalt nicht zurückschreckte. Die Veranstaltung musste verlegt werden, weil der Vermieter der Lokalität intervenierte.

Die Ecken hat er noch

«Für mich ist nicht das Anecken schlimm – schlimm wäre, wenn meine Ecken sich abrunden würden», sagte er vor gut einem Jahr in einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». Die Ecken hat er definitiv noch. Er empfindet es denn auch als grosse Erleichterung, dass er nun wieder ohne Rücksicht auf ein Amt seine Meinung sagen kann. «Das heisst aber nicht, dass ich andere Interessen geringschätze. Wir müssen uns bewusst sein, welche Auswirkungen unser Handeln auf die andere Seite hat. Der Kontext ist wesentlich.»

Als einst in der Öffentlichkeit sehr präsenter und markanter Politiker wird er häufig zu Vorträgen oder Workshops eingeladen. Demnächst wird er im Kulturcafé Baden darüber sprechen, wie Propaganda die Politik beeinflusst. Seine guten Kenntnisse der Verhältnisse in Nahost, aber auch etwa in Somalia oder Syrien, brachten ihm zudem einige Beratungsmandate ein.

Blockaden lösen

Zumeist handelt es sich dabei um Vermittlungsmandate, was auf Anhieb widersprüchlich scheint. Wie soll einer wie Geri Müller, der doch in seiner politischen Laufbahn eher polarisierte als mediatisierte, vermitteln? Müller glaubt an die vermittelnde Kraft des Widerspruchs. Und das in einem Land, das Kompromisse so hoch hält. «Wenn ich es schaffe, in die Schuhe des anderen zu schlüpfen und so aus seiner Warte seine Welt betrachte, merke ich meist, dass seine Betrachtung genauso seine Richtigkeit hat.» Dann könne man zusammen an einen Tisch sitzen und auf Augenhöhe diskutieren. «So lösen sich Blockaden.»

Im späteren Verlauf des Gesprächs – es geht um Diskussionen über Tempolimiten auf Quartierstrassen, zeichnet er folgendes Bild: «Wenn die einen Gelb wollen, die anderen Blau, dann müssen wir zusammensitzen und erst einmal klären, woher die unterschiedlichen Präferenzen kommen.» Weshalb nicht einfach Grün wählen? «Die Farben mischen, nein, damit schieben wir das Problem von uns und nehmen es nicht ernst. Kompromisse sind meist Ausdruck mangelnder Fantasie.»

Wenn wir Widersprüche nicht aushalten, verpassen wir das, was unser Leben einmalig macht.Geri Müller

1991 wurde Geri Müller, als 30-Jähriger, Mitglied des Badener Parlaments – eher contre coeur, denn seit er als Teenager das erste Mal das Bundeshaus besuchte, sah er seine Rolle in der ausserparlamentarischen Politik. In der Folge wurde er zu einem der bekanntesten Politiker des Landes. Ab 1995 vertrat er die Grünen im Aargauer Kantonsrat, ab 2003 im Nationalrat. 2010 war er sogar als Bundesrat im Gespräch. Seit 2006 sass er zudem im Stadtrat von Baden, 2013 bis 2018 als Stadtammann. 2014 ging die sogenannte Selfie-Affäre durch die Medien. Deren Publikation wurde später vom Presserat scharf gerügt, die auslösende Person verurteilt. Für Müller ist die Sache damit erledigt. 2018 wurde er abgewählt.

Ich komme nun zur ersten Frage: Kam die grosse Leere, nachdem er sein Amt als Stadtammann abgelegt hatte? Geri Müller zog sich für drei Wochen an einen einsamen Ort in Tunesien zurück, um über sich nachzudenken. Er müsse lernen, sich selbst auszuhalten, sagte er damals. Wars schwierig?

Mit sich im Reinen

Er habe begonnen, rückwirkend eine Art Tagebuch zu schreiben, über Privates, Berufliches und Politisches. Und er habe darüber gestaunt, was aus ihm geworden sei. «Ist schon noch verrückt, wenn ich mir vorstelle, woher ich gekommen bin»: ein Immigrantenbub aus einer Arbeiterfamilie – der Vater Deutscher, die Mutter Französin. Er erinnert sich nur zu gut an das Angstklima zu Zeiten der Schwarzenbach-Initiative. «Ich konnte das damals, als zehnjähriger Bub, zwar nicht einordnen, aber es hat mich geprägt.»

Nach diesen drei Wochen war er mit sich im Reinen und bereit, Neues in Angriff zu nehmen und Altes zu reaktivieren. Geri Müller ist Berufsschullehrer und studierte Spezielle Psychologie. Im letzten Jahr hat er einige Lektionen unterrichtet – es hat ihm grosse Freude gemacht. Dies zu intensivieren, könne eine Option für die Zukunft sein.

Auch war er früher sehr aktiv in der Kulturszene; vor allem in den Bereichen Theater und Musik. Er betrieb damals einen kleinen Verlag, namens Gibellina Arts, der nach dem Mauerfall vor allem Kunstschaffende aus der DDR unter die Fittiche nahm und ihnen dabei half, im Westen Fuss zu fassen. Müller hat Gibellina Arts wieder aktiviert, wobei das Musikgeschäft sich mittlerweile so verändert hat, dass er diesen Geschäftszweig aufgegeben hat. Im Theaterbereich hat er aber einige Mandate. Dabei geht es um die Beratung von jungen Regisseurinnen und Regisseuren und Theatergruppen.

Strukturen fehlen ihm nicht

Noch muss er nicht von seinen Engagements leben, denn Baden sieht bei Fällen wie seinem eine Abgangsentschädigung vor. «Am Anfang war ich froh, dass ich für eine Weile abgesichert war, denn ich musste investieren, um wieder im ausserpolitischen Berufsleben Fuss zu fassen.» Zukunftsängste plagen ihn nicht, zwei seiner drei Kinder seien schon fast «draussen», zudem habe er immer bescheiden gelebt, auch als er gut verdiente. Und wie geht er, nach Jahrzehnten mit einer eng getakteten Agenda, mit den fehlenden Strukturen um? «Die fehlen mir gar nicht. Ich habe Strukturen immer als einengend empfunden.» Das Schönste an seinem nicht mehr verplanten Leben sei, dass er endlich genügend Zeit zum Lesen habe. «Nicht nur dieses zielgerichtete Lesen, sondern jenes, das den Blick weitet.» Und schon stecken wir mitten in einem Gespräch über Seneca und Pfaller, über den Club of Rome oder den slowenischen Philosophen Žižek. Dabei wollte ich doch zur letzten Frage kommen – nämlich, ob er sich vorstellen könne, wieder ein politisches Amt zu bekleiden. Keine Chance.

Erneut kommt er auf Widersprüche zu sprechen, dieses Mal auf einer metaphysischen Ebene. «Widersprüche gehören zum Leben, angefangen mit dem Widerspruch zwischen Geburt und Tod. Wenn wir Widersprüche nicht aushalten, verpassen wir das, was unser Leben einmalig und spannend macht.» Einen Espresso später gelingt es. Die letzte Frage: Kann er sich vorstellen, wieder ein politisches Amt zu bekleiden? «Im Moment stellt sich die Frage nicht, kategorisch ausschliessen aber tu ich das nicht.»

Erstellt: 16.02.2019, 09:24 Uhr

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