«Das wird etwas Grosses» – Zürichs Bankerdorf wird urbanisiert

In Uitikon-Waldegg am Sonnenhang des Uetlibergs entstehen derzeit Wohnungen für tausend neue Bewohner. Das Dorf wird sich komplett verändern.

Grossbaustelle an der Birmensdorferstrasse: Zwischen den Restaurants Waldegg und Leuen entstehen diverse Wohnblöcke.

Grossbaustelle an der Birmensdorferstrasse: Zwischen den Restaurants Waldegg und Leuen entstehen diverse Wohnblöcke. Bild: Urs Jaudas

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Schlagzeilen gibt es selten aus Uitikon - oder aus «Üdike», wie Einheimische ihr Dorf nennen. Der Ortsname wurde bisher meist nur nebenbei genannt, etwa als Carlos, der Problem-Jugendliche, im Massnahmenzentrum (MZU) randalierte, oder nachdem der Wintersturm Lothar den Wald in der Waldegg umgelegt hatte.

Unbedeutend ist «Üdike» aber nicht. Denn auf der ruhigen Sonnenterrasse des Uetlibergs ist die Dichte der Vielverdiener so hoch wie nirgends sonst im Kanton Zürich. Besonders bei Managerinnen und Bankern ist die Nordecke des Uetlibergs beliebt.

Ortsteil in Dorfgrösse

An der Goldküste leben zwar die Allerreichsten, doch im Durchschnitt ist die Bevölkerung nirgends wohlhabender als in Uitikon. Die Hälfte der rund 4200 Einwohner und Einwohnerinnen versteuert hier mehr als 150000 Franken Einkommen und mehr als 320000 Franken Vermögen. Solche Medianwerte sind im Kanton unerreicht.

Doch in nächster Zeit wird das Bankerdorf seine Spitzenposition wohl verlieren. «Üdike» wird gerade im grösseren Stil umgebaut. Denn zwischen der Waldegg-Kreuzung und der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL entsteht ein neuer Ortsteil für 700 bis 1000 neue Einwohnerinnen und Einwohner.

An diesem Dezembermorgen hängt dicker Nebel über der Baustelle. Die Leuengasse, die dereinst über einen Kilometer durchs Quartier führen wird, ist hier schon asphaltiert. Beinahe wäre Tiefbauvorstand Markus Stäheli (SVP) auf der reifglatten Strasse ausgerutscht. Dutzende von Bauarbeitern wuseln durch die Siedlung und führen letzte Arbeiten aus. Am Strassenrand steht zur Ansicht noch eines der dicken Fassadenelemente, die in den neun Mehrfamilienhäusern verbaut wurden. Der Coop hat schon geöffnet, nur die Kundinnen und Kunden fehlen noch.

Eine der grössten Baustellen

Stäheli faltet seine Baupläne auseinander. Die ersten Häuser, die in diesen Tagen bezogen werden, sind erst der Anfang. Einige Hundert Meter weiter hinten beimalten Landgasthof Leuen ragen ebenfalls Kräne aus demNebel. Dort baut die Bücheler-Generalunternehmung nochmals 13 Wohnblöcke mit rund 200 Mietwohnungen. Daneben steht eine Bautafel von Implenia.

Dieser Generalunternehmer wird demnächst mit den Arbeiten für zwei weitere Wohnblocks mit rund 30 Wohnungen beginnen. Und das Filetstück des Gebietes hat sich vor wenigen Wochen die Akara Funds AG gesichert, eine 2016 gegründete Immobilienfirma aus Baar. Sie will 23 Mehrfamilienhäuser mit 220 Wohnungen auf die grosse Wiese in der Mitte des Baulandes stellen. Die Grundeigentümer haben das ganze Gebiet zusammen mit der Gemeinde für über 13 Millionen Franken erschlossen.

«Das wird etwas Grosses», sagt Stäheli trocken. In der Tat zählt die Baustelle rund um den Uitiker Leuen zu den grössten im ganzen Kanton Zürich. Vor einem Jahr wurde sie in einer TA-Rangliste der Mega-Baustellen auf Rang 13 geführt. Und damals war erst ein kleiner Teil der Baugrube ausgehoben.

«Ich freue mich, das Quartier wird unser Dorf beleben. Aber was genau auf uns zukommt, kann ich noch nicht abschätzen.»Chris Linder (FDP),
Gemeindepräsident Uitikon-Waldegg

Wenn Gemeindepräsident Chris Linder (FDP) über die Dimensionen des Bauprojekts nachdenkt, meint er: «Ich freue mich, das Quartier wird unser Dorf beleben. Aber was genau auf uns zukommt, kann ich noch nicht abschätzen.»

Solche Stimmen hört Linder auch im Dorf. Viele fürchten, dass Uitikon seinen Charakter verändern wird. «Das ist nicht mehr mein Üdike», hat ihm kürzlich jemand gesagt, der an der Waldegg-Kreuzung die fünfstöckigen Wohnblocks betrachtet hat. Doch für Linder ist klar, die Entwicklung ist nicht aufzuhalten: Die Landbesitzer haben das Recht zu bauen.

Klares Ja der Bevölkerung

Vor über 50 Jahren wurde das Land rund um den Leuen eingezont, 1987 hat der Gemeinderat ein Quartierplanverfahren eingeleitet, um die Überbauung des letzten zusammenhängenden Baugrundstücks zu steuern. Nach Jahrzehnten der Planung kam das Geschäft schliesslich vors Volk. An einer denkwürdigen Gemeindeversammlung im

November 2013 gab es zwar viele kritische Stimmen, doch der Gestaltungsplan für die Bebauung des 70000 Quadratmeter grossen Neubaugebiets wurde klar gutgeheissen.

Man hatte Ja gesagt zu vielen mehrstöckigen Flachdachbauten, zu zwei neuen Plätzen und zu Begegnungszonen, wie sie auf städtischem Gebiet im Trend sind. Man sagte Ja zur Urbanisierung von Uitikon-Waldegg.

Die grösste Unbekannte ist für Gemeindepräsident Linder die Zusammensetzung der Quartierbevölkerung. Werden Familien kommen? Expats, Senioren und Seniorinnen? Junge Paare? Er selber hofft auf eine gute Durchmischung der Generationen und ist zuversichtlich, dass sein Wunsch in Erfüllung geht. Denn in allen Quartierteilen wird es kleine, mittlere und grosse Wohnungen für Käufer oder Mieter geben. Und so stellt sich auch die Schule auf rund 80 bis 100 neue Kinder ein, wie Schulpräsident Reto Schoch (CVP) bestätigt.

Demnächst wird der ehemalige Jugendtreff im Schulhaus Schwerzgrueb in ein Kindergartenzimmer umgebaut. Weil dies für die neuen Kinder in Zukunft jedoch kaum reichen wird, läuft noch der Architekturwettbewerb für ein grösseres Um- und Neubauprojekt in der Sportanlage Allmend. Geschätztes Bauvolumen: 17 Millionen Franken. Eine stolze Summe, bei der eine Steuererhöhung auch im reichen Uitikon nicht ausgeschlossen ist.

Weiter stellt sich die Frage, ob es überhaupt genügend Leute gibt, die nach Uitikon kommen wollen und sich diesen Umzug leisten können. Denn günstig gibt es hier nichts, und bei einem weiteren Projekt ganz am anderen Ende des Dorfes harzt der Verkauf von Neubauwohnungen gewaltig, obwohl die Aussicht in die Berge dort noch besser ist.

Verdichten wird begrüsst

Im Leuenquartier läuft es im Moment besser, wie Stephan Meier, Marketingverantwortlicher bei der Immobiliendienstleisterin ADT Innova, bestätigt. Die Firma hat bereits sämtliche gebauten 77 Wohnungen verkauft, und zwar an ganz unterschiedliche Leute. Laut Meier werden es vorwiegend Personen aus den umliegenden Gemeinden, aus Zürich und aus Uitikon selber sein. Etwa 10 Prozent der Eigentümerinnen und Eigentümer haben die Wohnungen jedoch nicht für sich selbst, sondern als Kapitalanlagen gekauft und werden sie vermieten.

Mit zwiespältigen Gefühlen verfolgt Margrith Gysel die Metamorphose ihres Dorfes. Sie ist Präsidentin von Pro Uetliberg und setzt sich vor allem für den Erhalt der Naturlandschaft am Uetliberg ein. Dass in Uitikon so viel Grün zubetoniert wird, tut ihr weh. «So wird Üdike zur normalen Agglo.» Doch Gysel sieht auch die positiven Seiten: Verdichtet Bauen wie im Leuenquartier sei alleweil besser als Landvernichtung durch den Bau von Einfamilienhäusern. Zudem hofft Gysel auf weniger Einkaufsverkehr nach Schlieren und Zürich. «Mit den neuen Geschäften, die es im Leuenquartier geben wird, werden wir in Zukunft vieles vor der Haustür einkaufen können.»

Ungelöstes Verkehrsproblem

Dennoch ist das grösste Problem für Gysel der Autoverkehr, denn die Birmensdorferstrasse ist schon heute täglich verstopft mit den vielen Pendlern aus dem westlichen Kantonsteil und dem Aargau, die über die Waldegg nach Zürich fahren. Da fragt sich Gysel, was passiert, wenn dereinst aus dem neuen Quartier nochmals mehrere Hundert Autos auf die Strasse hinausdrängen.

«Ich freue mich. Aber was genauauf uns zukommt, kann ich noch nicht abschätzen.»Chris Linder,
Gemeindepräsident

Dieses Problem sieht auch der ehemalige Gemeindepräsident Victor Gähwiler (FDP). Verschärft habe sich das Problem zudem, weil die Stadt Zürich an der Stadtgrenze eine Lichtsignalanlage installiert hat, mit der sie den Verkehr der Pendlerinnen und Pendler in die Stadt dosieren will. Die Kolonne vor dieser Ampel wird monatlich länger, und sie reicht inzwischen bis mitten nach Uitikon hinein. Für Gähwiler ist klar: «Unsere Behörden müssen wohl mit den Zürchern das Gespräch suchen.»

Sinkende Steuerkraft

Auch Gähwiler ist beeindruckt von den gigantischen Ausmassen, welche die Überbauung angenommen hat. Bei diesem Anblick wird ihm bewusst, dass Uitikon, das Dorf der vielen Einfamilienhäuser, nicht die «Insel der Glückseligen» bleiben wird.

Keine Sorgen macht er sich um die Gemeindefinanzen. Er ist überzeugt, dass Uitikon seinen Status als Tiefsteuergemeinde (gegenwärtig 83 Prozent) beibehalten kann. Er rechnet zwar mit einer sinkenden Steuerkraft. Das könne die Gemeinde aber verkraften, ist er überzeugt: «Wir werden einfach weniger in den Finanzausgleich abliefern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2018, 10:26 Uhr

Gemeinde-Steckbrief


  • Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner Ende 2017: 4241

  • Zahl der Privathaushalte: 1789

  • Anteil der Ausländerinnen und Ausländer: 16,7 Prozent

  • Arbeitslosenquote: 2,2 Prozent

  • Sozialhilfequote: 1,0 Prozent

  • Durchschnittsalter: 45,4 Jahre

  • Anzahl Schüler und Schülerinnen (Kindergarten, Primar- undSekundarschule): 425

  • Durchschnittlicher Preis für das Bauland pro Quadratmeter 2017: 2100 Franken (sch)

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