Das sind die Szenarien im Fall Carlos

Heute fällt das Gericht das Urteil gegen den 24-jährigen Brian alias Carlos. Für den jungen Mann geht es um viel.

Brian alias Carlos vor Gericht im März 2017. Zeichnung: Keystone

Brian alias Carlos vor Gericht im März 2017. Zeichnung: Keystone

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Das Bezirksgericht Dielsdorf veröffentlicht heute seinen Entscheid gegen den 24-jährigen Brian. Von einer Entlassung aus der Sicherheitshaft bis zu einer Verwahrung ist fast alles möglich. Die Anträge von Staatsanwalt und Verteidiger lagen allerdings so weit auseinander, dass mit dem heutigen Entscheid des Gerichts das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen ist.

Hier ein Überblick über mögliche Urteilsoptionen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Gefängnisstrafe, dann Verwahrung

Der Staatsanwalt verlangt eine Strafe von 7,5 Jahren wegen versuchter schwerer Körperverletzung (und weiterer, weniger schwerer Delikte) sowie eine anschliessende Verwahrung.

Gemäss Strafgesetzbuch liegt eine schwere Körperverletzung dann vor, wenn das Opfer lebensgefährlich verletzt wurde, oder wenn es bleibende Schäden davonträgt; bei Schlägen gegen den Kopf sind das zum Beispiel entstellende Narben, der Verlust eines Auges, geistige Einschränkungen oder psychische Störungen. In Brians Fall müsste das Gericht in einem ersten Schritt zum Schluss kommen, dass der Beschuldigte schwere Verletzungen bei seinem Gegenüber mindestens in Kauf nahm - faktisch trug der Mann nur leichte Blessuren davon.

Erst wenn das Gericht zum Schluss kommt, Brian habe sich einer versuchten schweren Körperverletzung schuldig gemacht, kann die Frage einer allfälligen Verwahrung überhaupt geprüft werden. Das Gericht muss dann auf der Basis eines psychiatrischen Gutachtens prüfen, ob die übrigen Voraussetzungen für eine Verwahrung gegeben sind. Es sind im Wesentlichen drei: Es liegt eine psychische Störung vor, und die Tat steht damit in Zusammenhang, das Risiko für weitere schwere Delikte ist hoch, und die Anordnung einer stationären Therapie verspricht keinen Erfolg.

Für den Staatsanwalt sind alle drei Voraussetzungen bei Brian erfüllt. Der Verteidiger hegt Zweifel an der Aussagekraft des Gutachtens, weil dieses nur Brians Verhalten im Gefängnis untersucht und seine Vorgeschichte zu wenig gewürdigt habe. Teilt das Gericht die Zweifel am Gutachten, könnte es einen Zwischenentscheid fällen: Es könnte einstweilen nur eine Strafe aussprechen, ein Ergänzungsgutachten einholen und den Entscheid über eine Verwahrung später fällen.

Kommt es zu einer Verwahrung, verbüsst Brian auf jeden Fall zuerst die Strafe. Dann müssen die Behörden noch einmal überprüfen, ob die Verwahrung nach wie vor nötig ist. Nach Antritt der Verwahrung erfolgt die Überprüfung ihrer Notwendigkeit erstmals nach zwei Jahren, danach jährlich.

Gefängnisstrafe, keine Verwahrung

Der Verteidiger fordert eine Strafe von einem Jahr. Er beschreibt die Auseinandersetzung Brians mit dem Aufseher als Rangelei; sein Mandant habe eine schwere Verletzung weder gewollt noch in Kauf genommen.

Sollte das Gericht der Einschätzung der Verteidigung folgen und den Vorfall nur als einfache Körperverletzung qualifizieren, ist eine Verwahrung ausgeschlossen. Denn eine solche kann nur für Delikte angeordnet werden, für welche das Strafgesetzbuch eine Höchststrafe von mindestens fünf Jahren vorsieht. Zum Vergleich: Die Höchststrafe für eine einfache Körperverletzung beträgt drei Jahre.

In diesem Fall würde die Frage nach dem Strafmass zentral: Bei einer Strafe unter zwei Jahren könnte das Gericht die Freilassung des Beschuldigten anordnen. Denn dieser sitzt seit Ende September 2017, also seit über 25 Monaten, in Haft.

Der Staatsanwalt könnte bei einem so lautenden Urteil allerdings mit dem Argument, er ziehe die Sache ans Obergericht weiter und verlange auch dort ein Urteil in seinem Sinne, Beschwerde gegen die Freilassung einlegen.

Es gäbe auch Zwischenlösungen

Es kann auch sein, dass das Gericht weder dem Staatsanwalt noch dem Verteidiger folgt und eine Zwischenlösung wählt.

Eine Strafe von zwölf Monaten, wie sie der Verteidiger fordert, ist eher unwahrscheinlich, selbst wenn das Gericht den Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung fallen lassen sollte. Denn Brian werden zahlreiche Delikte zur Last gelegt, und er ist einschlägig vorbestraft.

So oder so könnte das Gericht die restliche Strafe zu Gunsten einer ambulanten oder einer stationären Massnahme aufschieben. Eine stationäre Massnahme (im Volksmund kleine Verwahrung genannt) dauert in der Regel fünf Jahre, wenn nötig kann sie immer wieder um fünf Jahre verlängert werden. Sie wird bei Fluchtgefahr in einer geschlossenen Einrichtung vollzogen, ansonsten «in einer geeigneten psychiatrischen Einrichtung». Das kann, muss aber keine Klinik sein.

Da Brian zum Tatzeitpunkt noch nicht 25 war, wäre theoretisch auch eine Massnahme für junge Erwachsene in einer spezialisierten Institution eine Option. Allerdings endet eine solche spätestens mit dem 30. Geburtstag.

Laut dem Gutachter am ehesten Erfolg versprechend wäre eine enge sozialpädagogische Betreuung wie in den Jahren 2017/2018 während dem «Sondersetting». Damals machte der 17-Jährige gute Fortschritte, bis die Justizdirektion die Behandlung unter dem öffentlichen Druck aus Kostengründen abbrach.

Was nicht möglich ist

Keine Option ist hingegen eine lebenslange Verwahrung. Diese ist nur möglich, wenn zwei Psychiater unabhängig voneinanderbestätigen, dass ein psychisch schwer gestörter Beschuldigter dauerhaft nicht behandelbar ist. Bei Brian wurde ein zweites Gutachten nicht einmal in Auftrag gegeben.

Erstellt: 06.11.2019, 13:43 Uhr

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