Das Spielplatz-Relikt in der Badi

Der Rundlauf war einst populär und in vielen Schwimmbädern anzutreffen. Heute ist er eine Rarität – und das hat seine Gründe.

Kinder am Rundlauf im Schwimmbad Rickenbach ZH: «Heute würden die Geräte wohl nicht mehr zugelassen», meint der Badmeister.

Kinder am Rundlauf im Schwimmbad Rickenbach ZH: «Heute würden die Geräte wohl nicht mehr zugelassen», meint der Badmeister. Bild: Urs Jaudas

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Auf den ersten Blick wirkt es wie ein überdimensionierter Stewi-Wäscheständer: das Objekt auf einem Sandplatz im Schwimmbad Rickenbach bei Winterthur. Doch bei dem rund fünf Meter hohen Stahlmast mit drehbarer Spitze und daran befestigten Ketten mit Haltegriffen handelt es sich um ein Spiel- und Sportgerät: den Rundlauf.

Dieser funktioniert wie ein Karussell mit Eigenantrieb: Mehrere Kinder halten sich an den Haltegriffen am Ende der Ketten fest, rennen im Kreis herum und erzeugen dadurch soviel Schwung, dass sie vom Boden abheben und im Kreis herumfliegen. Mit etwas Geschick und Anstrengung sind an den Ketten waghalsige Manöver möglich, etwa das Überholen der Vorderleute.

Aus einer anderen Zeit

Rundlauf war im letzten Jahrhundert weit verbreitet und gehörte zur Grundausstattung vieler Freibäder und anderer Sportanlagen. Dies zeigen alte Fotos etwa aus den Ferienkolonien der Stadt Zürich oder aus Kinderheimen, die im Schweizerischen Sozialarchiv lagern.

Auch im Luft- und Sonnenbad des Vereins für Volksgesundheit am Zürichberg gab es im letzten Jahrhundert einen Rundlauf. Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich.

In einem NZZ-Bericht von 1924 über das Strandbad Mythenquai schwärmte der Autor über die dortigen «Turn- und Sportgerätschaften» wie Rundlauf und Schaukelringe. Diese machten es möglich, «dass namentlich die breite Masse der Bevölkerung, ohne einem Klub angehören zu müssen, der körperlichen Ausbildung vermehrtes Interesse entgegenbringt».

Heute wirkt der Rundlauf in Rickenbach wie aus der Zeit gefallen. Das Gerät ist in Zürcher Schwimmbädern zur Rarität geworden. Nebst Rickenbach verfügt derzeit noch das Winterthurer Freibad Wolfensberg über ein solches Spielplatz-Relikt. Sonst ist es kaum mehr anzutreffen, wie Daniel Schmid vom Bäder-Portal badi-info.ch bestätigt. «Ich habe in den letzten Jahren viele Freibäder besucht, aber aktuell kenne ich keinen weiteren Rundlauf mehr», sagt der Badi-Experte. In Zürich soll es früher im Freibad Allenmoos einen gegeben haben, der aber inzwischen nicht mehr existiert. Laut dem städtischen Sportamt sind die Geräte aktuell in keinem Stadtzürcher Schwimmbad mehr anzutreffen.

Produktion eingestellt

Hergestellt wurden die klassischen Rundlaufgeräte bei Alder+Eisenhut in Ebnat Kappel SG. «Die Produktion wurde schon vor längerer Zeit eingestellt, weil die Nachfrage zu gering war», sagt Alfred Pfändler, Projektleiter beim Sportgerätehersteller. Der genaue Zeitpunkt der letzten Auslieferung lasse sich heute nicht mehr feststellen, die letzte technische Zeichnung eines Modells datiert aus dem Jahr 1970. In alten Turnhallen sei das Gerät aber noch hie und da anzutreffen, sagt Pfändler.

So warb der Sportgerätehersteller Alder + Eisenhut in seinen Katalogen für Rundlauf. Foto: PD

Genauso wie auf Spielplätzen hin und wieder modernere, abgewandelte Versionen zu sehen sind, etwa Rundlaufgeräte mit Pendelsitzen.

«Würde wohl nicht mehr bewilligt»

Michael Weiss, Badmeister in Rickenbach, hat selber als Kind schon im Schwimmbad am Rundlauf gespielt. Dieser sei auch heute noch sehr beliebt, wie er sagt. Und die Jungen beherrschten noch alle Tricks, inklusive das «Spicken», wie das Überholen im Flug genannt wird.

Passiert ist laut Weiss bis jetzt noch nie etwas. «Aber heute würde ein Rundlauf wahrscheinlich gar nicht mehr zugelassen, aus Sicherheitsgründen», sagt er.

Bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) hat man keine Angaben dazu, wie viele solcher Rundlauf-Geräte noch in Betrieb sind, wie BfU-Sprecher Marc Kipfer sagt. Punkto Sicherheit sei es wichtig, dass die Geräte gut gewartet sind. Beim Rundlauf stelle der Sturz auf den Boden das grösste Risiko dar, weshalb ein falldämpfender Boden wichtig sei.

«Sie lernen, Risiken zu erkennen»

Veraltet in dem Sinn, dass man sie abmontieren müsste, sind die Rundlauf-Geräte laut Kipfer nicht. Grundsätzlich kämen Spielplatzgeräte in den Genuss eines «Besitzstandes»: Die Sicherheit des Gerätes bemisst sich nach den Normen, die zur Zeit der Inbetriebnahme gültig waren.

Auch im Zürcher Schwimmbad Allenmoos stand in den 1970er Jahren ein Rundlauf. Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich.

Der BfU-Sprecher betont: «Auf Spielplätzen haben Kinder die Möglichkeit, sich Risikokompetenz anzueignen: Sie lernen, Risiken zu erkennen, sie zu verstehen und auf diese Risiken schützend zu reagieren.» Das sieht man im Winterthurer Schwimmbad Wolfensberg ähnlich: «Je gefährlicher etwas ist, umso mehr passen sie auf», hat das Badipersonal bei den jungen Rundlauf-Benützern festgestellt.

Erstellt: 01.07.2019, 10:13 Uhr

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