«Das wäre ein bisschen wie Planwirtschaft»

Der Zürcher Professor Johann Steurer fordert radikale Massnahmen gegen den Ärztemangel. Fachleute sind uneins, ob das der richtige Weg ist.

«Wir bilden heute die Ärzte aus wie noch vor 100 Jahren»: Medizinprofessor Johann Steurer hält die medizinische Ausbildung für veraltet.

«Wir bilden heute die Ärzte aus wie noch vor 100 Jahren»: Medizinprofessor Johann Steurer hält die medizinische Ausbildung für veraltet. Bild: Urs Jaudas

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Johann Steurer, Zürcher Medizinprofessor und Ausbildungsexperte, will die Arztausbildung umkrempeln. Ginge es nach ihm, wäre sie kürzer, fokussierter – und nicht alle Studentinnen und Studenten könnten sich so spezialisieren, wie sie wollen. Vielmehr würde die Anzahl Ausbildungsplätze für die einzelnen Fachgebiete wie Gynäkologie oder Orthopädie anhand des Bedürfnisses in der Bevölkerung bemessen und vom Staat oder den Universitäten vorgegeben.

Steurer ist überzeugt, dass die Schweiz dem Ärztemangel so besser begegnen könnte. Dieser ist nach wie vor gross. Wie jüngste Zahlen zeigen, wandern im Kanton Zürich deshalb immer mehr ausländische Ärztinnen und Ärzte ein.

Rückendeckung aus Genf

Steurer trifft mit seinem Anliegen einen wunden Punkt. So sind sich angefragte Fachleute einig, dass sich die medizinische Ausbildung ändern muss – doch Lösungen sehen sie verschiedene.

Am meisten Rückendeckung erhält Steurer aus der Westschweiz. Henri Bounameaux, ehemaliger Vorsteher der medizinischen Fakultät in Genf und Vizepräsident der Akademie der Medizinischen Wissenschaften, teilt seine Analyse weitgehend. Bounameaux sagt: «Die Medizin in der Schweiz ist sehr gut, aber auch sehr teuer und ungenügend organisiert.» Er fordert: «Wir müssen unbedingt mehr regulieren, um den Bedürfnissen der Bevölkerung entgegenzukommen.»

Henri Bounameaux von der Uni Genf fordert: «Wir müssen die Anzahl Ausbildungsplätze festlegen.» Bild: Keystone/Christian Brun

Der Knackpunkt liegt für ihn aber nicht in erster Linie in der Länge des Studiums. Diese sei nötig, damit sich die Studenten entscheiden können, welche Richtung sie später einschlagen wollen. Viel wichtiger sei, die Ausbildungsplätze für die einzelnen Fachgebiete vorzuschreiben.

Ein Überschuss in bestimmten Gebieten und ein Mangel in anderen sei nutzlos für die Bevölkerung, die die teure Ausbildung bezahle. Deshalb müssten die Kantone oder die Universitätsspitäler als Ausbildungsstätten die Anzahl Plätze vorgeben. Und dann könne halt nicht jede und jeder die Wunschausbildung verfolgen – oder müsse diese selbst bezahlen.

Für Bounameaux ist klar, nur so kann man dem Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten entgegenwirken. Diese seien heute so rar, dass man schneller einen Termin beim Spezialisten erhalte als beim Hausarzt. Früher sei das undenkbar gewesen.

«Verständnis für andere nimmt ab»

Jana Siroka ist Steurers Vorschlägen gegenüber skeptisch. Sie arbeitet als Oberärztin auf dem Notfall der Zürcher Klinik Hirslanden und ist Präsidentin des Verbandes der Zürcher Spitalärztinnen und Spitalärzte.

Sie meint, dass mit einem kürzeren Studium und einer früheren Fokussierung auf eine Fachrichtung der schon heute bestehende Spezialisierungsgrad noch stärker wird – damit würde das Verständnis für komplex erkrankte Patienten und andere Fachgebiete abnehmen.

Will, dass die Studenten früher im Spital arbeiten: Oberärztin Jana Siroka. Bild:pd

Wenn das Studium auf etwas noch stärker fokussieren könnte, dann eher auf die Nähe zur Praxis, findet sie. Sie plädiert dafür, das Studium näher an die Spitalpraxis heranzuführen, damit sich die Studentinnen und Studenten schneller ein Bild des Berufes machen können.

In Österreich zum Beispiel würden fast alle Studenten schon ab dem ersten Jahr nach Studienbeginn ein vierwöchiges Praktikum absolvieren. Nach zwei Jahren ist es dann zwingend vorgeschrieben und wird jedes Jahr wiederholt, sagt Siroka. In der Schweiz kommt das viel später.

Als Naturwissenschaftler offen gegenüber Änderungsvorschlägen: Uni-Rektor Michael Hengartner. Bild: Marc Dahinden

Der Rektor der Universität Zürich zeigt sich offen gegenüber den Änderungsvorschlägen. Als Naturwissenschaftler sei er grundsätzlich interessiert, wenn Bisheriges überdacht werde, sagt Michael Hengartner. Und es sei gut, dass die Ideen aus dem Kreis der Medizin stammten. Für ihn sei wichtig, dass die Abschlüsse in Medizin weiterhin national und international anerkannt bleiben.

«Ein bisschen wie Planwirtschaft»

Darin sieht Werner Bauer auch die Schwierigkeit eines deutlich kürzeren Studiums. Bauer ist Facharzt für innere Medizin in Küsnacht und Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung. Die Minimaldauer des Studiums und der Weiterbildung für die Fachgebiete sei europaweit geregelt, sagt er. «Alles zu ändern, wäre ein enormer Aufwand.» Allerdings geht er mit Steurer einig, dass es überlegenswert sei, was man alles im Grundstudium lernen müsse.

Spezialist für innere Medizin, Werner Bauer, sieht andere Möglichkeiten gegen den Ärztemangel. Bild: pd

Die Anzahl Ausbildungsplätze für die Fachrichtungen vorzuschreiben, hält Bauer für eine schlechte Idee: «Das wäre ein bisschen wie Planwirtschaft.» Dem Ärztemangel kann man aus seiner Sicht auf drei Arten begegnen: mit mehr Studienplätzen, neuen Arbeitsmodellen – und einem Überdenken, was der Arztberuf eigentlich alles beinhalten sollte.

Fazit: Der Medizinprofessor Johann Steurer befeuert mit seinen Vorschlägen eine wichtige Diskussion, die bereits in vollem Gange ist. Die angefragten Fachleute halten eine Veränderung der Medizinausbildung und eine Debatte für dringend. Sie sehen jedoch verschiedene, andere Schwachpunkte des Systems.

Erstellt: 22.11.2019, 11:03 Uhr

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