ETH-Experte sucht in Trümmern von Genua nach Antworten

Bernhard Elsener untersucht das Brückenunglück von Genua, bei dem 43 Menschen starben. Die Ergebnisse der Detektivarbeit werden bald bekannt.

Baustoffexperte Elsener neben dem Kopf eines Brückenpfeilers.  Foto: Dominique Meienberg

Baustoffexperte Elsener neben dem Kopf eines Brückenpfeilers. Foto: Dominique Meienberg

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Es gibt Situationen, in denen hilft einem auch die Erfahrung nicht. So etwas hat Bernhard Elsener in all seinen Berufsjahren noch nicht gesehen. Er stand vor einem riesigen Berg Trümmer – sah das, was er bisher in den Medien gesehen hatte, das erste Mal mit eigenen Augen. Was er zuvor nicht sah: die Wucht, die Gewalt, die Kräfte, die hier gewirkt hatten.

Vor ihm lagen Stützen, 4 mal 4 Meter dick, geknickt wie Zündhölzer. Überall Stahlseile, Kabel und Unmengen von Schutt. Beton ist spröde, die Brücke war hoch: Beim Aufprall barst alles auseinander. Das, was Elsener in seiner Tätigkeit als Ingenieur bisher allenfalls in Versuchen sah, im Labor im Kleinen und extra herbeigeführt, war plötzlich real. Man brauche einen Moment, um das zu erfassen, sagt Elsener.

Wie immer, minus ein Pylon

Das war Anfang Oktober. Bernhard Elsener, ein Spezialist für Werkstoffe, insbesondere für Korrosion und Dauerhaftigkeit von Stahlbeton, fuhr mit dem Zug nach Genua. Kurz vor dem Bahnhof überblickt man das Tal, das auch der Ponte Morandi überbrückte. Elsener kennt die Strecke, vom Zug aus sah alles aus wie immer. Wie immer, minus ein Pylon. «Ich nahm ein Taxi Richtung Einsturzstelle, je näher ich kam, desto gigantischer wurde das Ganze», erzählt Elsener.


Video: er Moment der Katastrophe

Aufnahmen zeigen den Moment, in dem die Autobahnbrücke kollabierte. Video: Guardia di Finanza


Der ETH-Professor sitzt in einem dunklen Besprechungszimmer direkt neben den Empa-Versuchslabors, Baujahr wohl ähnlich wie die der Morandi-Brücke, die zwischen 1963 bis 1967 erbaut worden war. Die Empa hat einen Auftrag zur Untersuchung der Brückenteile, und so liegt es nahe, dass auch Elsener hier an seinem Gutachten arbeitet. Er ist einer von drei Experten, die mit der Beurteilung des Brückeneinsturzes betraut sind. «Dokumentation des Zustands der Sache und des Ortes» heisst es spröde – und das zeigt auch gerade, was Bernhard Elseners Auftrag nicht beinhaltet: die Spekulation über die Unglücksursache.

«43 Menschen sind gestorben, die das Recht haben, dass wir die Ursache finden.»

Das übernehmen andere – die Anklage etwa, die viel über die Medien kommuniziert, die Hypothesen in die Welt setzt. Die zum Beispiel «eine Fernbeurteilung» eines Ingenieurbüros heranzieht, das von den Trümmern auf die Dynamik schliessen will.

Politisch brisante Arbeit

Dahin muss sich Elsener erst vorarbeiten. «Detektivarbeit» nennt er das, was er mit seinen beiden Kollegen aus Pisa und Mailand leistet. «Die Frage des Warum kommt erst am Ende», sagt Elsener: «Warum und warum genau dann ist die Brücke eingestürzt?» Am Ende heisst: 15. Dezember 2018; das Datum naht, sei aber gedanklich noch weit weg, meint Elsener. Bis dahin müssen die drei ihren Bericht abgeben. Der Fall sei politisch extrem aufgeladen, sagt Elsener.

Verkürzt heisst das: Je schneller die Brückenreste abgerissen werden können, umso besser. Da wurde auch schon das Wunschdatum für das Auffahren der Bagger geäussert. Deshalb haben die Experten auch wenig Zeit für ihre Arbeit. Die Untersuchungsrichterin hat 60 Tage festgesetzt, diese Frist aber um einige Tage verlängert.

Der Ponte Morandi in Genua stürzte am 14. August dieses Jahres ein. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

In einer Empa-Halle nebenan steht die eine Spitze des fehlenden Pylons von Genua. Es ist das schwerste der 17 Brückenteile, die Anfang November mit zwei Lastwagen nach Dübendorf gefahren wurden. Das Teil wiegt mehr als 13 Tonnen – und es stürzte am 14. August um 11.36 Uhr mehr als 95 Meter in die Tiefe. Ein Sicherheitsmann schiebt zwei Stellwände zur Seite. Sein Job: schauen, dass man auf den Bildern des TA-Fotografen nicht erkennt, wo genau sich das Teil befindet. Das zeigt, es geht im Fall Genua um viel Geld. In Dübendorf ist ein Sicherheitsmann nur für die Brückenteile abgestellt. In Genua lagern die sichergestellten Teile in einer Art Hangar, der rund um die Uhr von drei Soldaten bewacht wird.

Der 132er

Aus dem Betonblock, genannt der 132er, einst Teil der Stütze 9, ragen abgerissene, ausgefranste, verrostete Drahtseile in alle Richtungen. Das Teil, wie es in dieser Halle steht, sieht aus wie ein modernes Kunstwerk. «Die Seile waren schon im Beton verrostet, nicht erst nach dem Zusammensturz», sagt Bernhard Elsener. Er entfernt eine Schweizer Militärdecke, die einen Teil der Drähte abdeckt. An diesem Stück lässt sich die Bauweise der Brücke ablesen. Die Drahtseile wurden über den Brückenkopf gespannt, dann wurde eine Schalung darum herumgebaut, und die Seile wurden einbetoniert.

Eine Folge des damaligen Stands der Technik. Heute würde umgekehrt verfahren, erklärt Elsener: Vor dem Betonieren werden Hüllrohre eingebracht, dann die Drahtseile eingelegt, gespannt und mit Mörtel verfüllt. Was den Experten für Korrosion interessiert: der Zustand der Teile generell, wie sah die Überdeckung des Stahls aus, wie sahen die Betonoberflächen aus und wie die hochfesten Stahlseile.

Pendeln nach Genua

Zu Beginn der Arbeit war Elsener jede Woche von Montag bis Mittwoch in Genua. Besah sich Teile, stellte zum Beispiel Oberflächenbehandlungen fest, die nirgends vermerkt waren, er fotografierte und dokumentierte, hielt den Zustand einzelner Teile fest. Jedes Trümmerteil wird georeferenziert und fotografiert, bevor es weggebracht wird. Von der Trümmerlandschaft wurden Laserscans angefertigt, die Elsener zur Verfügung stehen.

Jetzt reist er jeden zweiten Dienstag nach Italien, um sich mit den anderen Experten sowie den Konsulenten der Parteien zu besprechen. Sein grosser Vorteil: Bernhard Elsener spricht gut Italienisch, seine Frau kommt aus Sardinien. Auch die Fachsprache beherrscht er: Seit 1998 hat er eine Professur für Materialwissenschaften an der Universität Cagliari. «Ohne Italienisch ginge es nicht», sagt er.

Drama um das gelbe Auto

Im Auftrag sieht der 66-Jährige einer Anerkennung für seine lange berufliche Tätigkeit – in der Anfrage, die ihn per Mail aus Mailand erreichte («sie haben mich wohl übers Internet gefunden»), eine Art Verpflichtung. «43 Menschen sind beim Einsturz gestorben. 43 Leben, die das Recht haben, dass wir die Ursache finden», sagt Bernhard Elsener. Darunter das Leben des Fahrers des gelben Autos, vor dessen Wrack Elsener eines Tages gemeinsam mit einem Polizisten stand. Auf Bildern einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie der Fahrer links an der stehenden Kolonne vorbeifährt. Grund des Staus: Der Einsturz des Ponte Morandi.

Erstellt: 24.11.2018, 12:19 Uhr

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