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«Das Wichtigste? Zuhören!»

Brigitte Tilmann hat in Deutschland Missbrauchsfälle an Schulen aufgearbeitet. Sie rät den Zürcher Behörden, im Fall Jegge ein unabhängiges Gremium einzusetzen.

Mario Stäuble
132 missbrauchte Kinder: Brigitte Tilmann und ihre Kollegen führten Interviews mit betroffenen Ex-Schülern. «Was das Wichtigste war? Zuerst zuhören! Und dann Vertrauen schaffen», sagt Tilmann.
132 missbrauchte Kinder: Brigitte Tilmann und ihre Kollegen führten Interviews mit betroffenen Ex-Schülern. «Was das Wichtigste war? Zuerst zuhören! Und dann Vertrauen schaffen», sagt Tilmann.
Jens Kalaene, Keystone

Nachdem der bekannte Pädagoge Jürg Jegge sexuelle Kontakte mit früheren Schülern zugegeben hat, schalten sich die Zürcher Behörden ein. Und zwar auf mehreren Ebenen, wie die «Sonntagszeitung» und andere Medien berichten. Die Zürcher Staatsanwaltschaft prüft, ob strafrechtlich Relevantes vorgefallen ist; die Sozialversicherungsanstalt (SVA) und die Stiftungsaufsicht nehmen die Stiftung Märtplatz unter die Lupe, die Jegge 1985 gegründet hat. Und auch die Zürcher Bildungsdirektion wird «der Sache nachgehen», wie Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) sagt.

Die strafrechtlichen Abklärungen drehen sich zuerst um die Frage, ob Ermittler mögliche Taten überhaupt noch verfolgen dürfen. Bei sexuellen Handlungen mit Kindern gilt im Grundsatz eine Verjährungsfrist von 15 Jahren; seit 2013 die Unverjährbarkeitsinitiative in Kraft getreten ist, können Ermittler unter gewissen Bedingungen aber auch weiter zurückliegende Übergriffe ahnden – allerdings nicht bis in die 70er-Jahre zurück. Spezialisten wie Opfer­anwalt Christoph Erdös gehen davon aus, dass sich Jegge wohl strafrechtlich nicht verantworten muss.

132 missbrauchte Kinder

Dies bedeute aber nicht, dass eine Aufarbeitung nicht mehr möglich sei, sagt Brigitte Tilmann, frühere Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main. Die Juristin war an der Aufklärung von zwei grossen Missbrauchsfällen an Schulen im Bundesland Hessen beteiligt, bei denen es Parallelen zum Fall Jegge gibt. An der Odenwaldschule, die lange als Vorzeigeinternat der Reformpädagogik galt, missbrauchten mehrere Lehrer zwischen 1966 und 1991 mindestens 132 Kinder. An der Elly-Heuss-Knapp-Grundschule war es dagegen ein einzelner Pädagoge, der über 33 Jahre hinweg mindestens 35 Schüler zu wechselseitigem Onanieren und Geschlechtsverkehr zwang.

Bei der bekannten Odenwaldschule war es die Rektorin, welche Tilmann und die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller mit einer Untersuchung beauftragte. Im Fall der Elly-Heuss-Knapp-Schule hatten sich mehrere Opfer zusammengeschlossen und übten Druck auf das Kultusministerium von Hessen aus, bis dieses einer Aufarbeitung durch unabhängige Experten zustimmte.

10'000 Euro pro Opfer

Brigitte Tilmann und ihre Kollegen wälzten Akten und führten Interviews mit betroffenen Ex-Schülern, Lehrpersonen, Direktoren. «Was das Wichtigste war? Zuerst zuhören! Und dann Vertrauen schaffen», sagt Tilmann.

Jürg Jegge in seinem Büro in Rorbas (2011).
Jürg Jegge in seinem Büro in Rorbas (2011).
Gesa Lüchinger
Jürg Jegge stellt im Jahr 1977 sein Buch «Dummheit ist lernbar» vor.
Jürg Jegge stellt im Jahr 1977 sein Buch «Dummheit ist lernbar» vor.
Str, Keystone
Im Buch setzt er sich kritisch mit dem schweizerischen Schulsystem auseinander.
Im Buch setzt er sich kritisch mit dem schweizerischen Schulsystem auseinander.
Str, Keystone
Bei der Berner Versammlung zur Zivildienstinitiative im Februar 1984 trat der Zürcher Lehrer und Liedermacher mit Gitarre auf.
Bei der Berner Versammlung zur Zivildienstinitiative im Februar 1984 trat der Zürcher Lehrer und Liedermacher mit Gitarre auf.
Str, Keystone
Der Sonderschullehrer und Autor wird nun des Missbrauchs bezichtigt.
Der Sonderschullehrer und Autor wird nun des Missbrauchs bezichtigt.
Børgen Herzog
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Dutzende Opfer erzählten ihre Geschichte, zum Vorschein kamen Hunderte sexuelle Akte. Die Betroffenen ­hätten auf die Missbräuche sehr unterschiedlich reagiert, so Tilmann: «Bei manchen führte ein einzelner Griff in die Hose zu einer Krise, die sie nie überwanden. Andere konnten selbst eine Vergewaltigung mit verhältnismässig wenig Schwierigkeiten verarbeiten.»

Im Fall der Elly-Heuss-Knapp-Schule legten die Spezialistinnen nach 14 Monaten Untersuchung im September 2016 einen 168-seitigen Bericht vor. Das Papier fasste die Erzählungen der Opfer zusammen, listete Versäumnisse von Schule und Behörden auf und gab Empfehlungen ab, was die Schule künftig ­ändern sollte, damit sich ein solcher Fall nie wiederholen würde. Die Landesregierung präsentierte den Bericht öffentlich; manche der Opfer erschienen persönlich zur Veranstaltung. Das Bundesland Hessen entschuldigte sich förmlich: «Heute übernehmen wir die institutionelle und moralische Verantwortung für das, was an Versäumnissen seitens der Institution Schule geschehen ist», führte der zuständige Staatssekretär aus. «Das war ein extrem wichtiger Moment für die Opfer», sagt Brigitte Tilmann.

Die Expertinnen empfahlen die Zahlung von Schmerzensgeldern, was die Regierung guthiess. So erhielt jedes ­Opfer vom Staat eine finanzielle Genugtuung von 10'000 Euro.

Anonymität garantieren

Brigitte Tilmann glaubt, dass auch im Fall Jegge eine unabhängige Aufarbeitung angebracht ist. «Wichtig ist, dass es nicht jemand alleine machen muss – die Erzählungen führen in Abgründe, da muss man sich austauschen können.» Und: Das Gremium müsse den Opfern Anonymität garantieren können; ansonsten bestehe die Gefahr, dass jemand durch die Aufarbeitung erneut traumatisiert werde.

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