Das ZDF und der Trick vom Zürichsee

Zürcher müssten öfter das Zweite Deutsche Fernsehen einschalten. Dann würden sie als Erste erfahren, wie ihre Kursschiffe das Hornverbot umgehen.

Ein Rebellenschiff: Die «Stadt Rapperswil» unterwegs auf dem See. Bild: Silvia Luckner

Ein Rebellenschiff: Die «Stadt Rapperswil» unterwegs auf dem See. Bild: Silvia Luckner

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Wer die Geschichte vom Hasen und vom Igel kennt, ahnt es: Manchmal sind die vermeintlich Langsamen die Schnellsten. Das ZDF hat in Deutschland den Ruf eines behäbigen Senders: verlassen vom Zeitgeist und allen Zuschauern unter 50. Also so ziemlich der letzte Ort, wo der trendversessene Zürcher News erwarten würde.

Als wolle das ZDF dieses Image zementieren, hat es kürzlich einen Reporter in die Stadt Zürich geschickt. Zehn Jahre nach dem Höhepunkt der deutschen Zuwanderung wurde die Sendezentrale in Mainz offenbar von der Intuition gepackt, die ehemals konservative Bankenstadt an der Limmat könnte sich in eine «kreative und innovative Metropole» verwandelt haben.

«Es besteht immer Gefahr»

Und mit welchen Bildern beginnt man so eine Reportage am besten? Schnellere Sender haben ihre Beiträge aus der neuen Trenddestination seinerzeit mit Szenen aus der Lettenbadi eröffnet, wo sich die neohedonistischen Ex-Zwinglianer ewig jung in der Sonne räkeln. Nicht so das ZDF: Bevor es die Freitag-Taschen (erfunden in den Neunzigerjahren) entdeckt, schreibt es in Kioskromanschrift «Grüezi Zürich» über ein Postkartenmotiv – und besteigt als Erstes mal den Raddampfer «Stadt Rapperswil».

Dann aber ereignet sich Unerwartetes: ein Scoop, den sämtliche Zürcher Medien verschlafen haben. Der Reporter klettert hinauf auf die Brücke und unterhält sich mit Kapitän Ernst Bosshard über die Zürcher Sommerposse ums «Hornen». Zur Erinnerung: Wegen einer Lärmklage dürfen die Kursschiffe beim An- und Ablegen das Horn nur noch in Gefahrensituationen erklingen lassen. Wenn also Schwimmer oder Boote dem Steg zu nahe kommen. Dann dafür, ganz regelkonform, vier Sekunden lang.

Hornen ist für ihn «ein Muss»: Kapitän Bosshard am Steuer des Dampfschiffs. Bild: ZDF

In Stäfa hat sich eine renitente Schwimmerin ein Hobby daraus gemacht, solche Gefahrensituationen absichtlich herbeizuführen. Aber jetzt erfahren wir, dass das gar nicht nötig wäre. Denn was erzählt Kapitän Bosshard bärbeissig in die ZDF-Kamera? Er horne trotz allem weiter, und zwar vier Sekunden lang. «Das ist ein Muss.» Die Begründung: «Es besteht immer eine Gefahr.» Für den ZDF-Reporter ist der Fall klar: «Es steckt nun mal seit Wilhelm Tell in jedem Schweizer ein Rebell.»

Er scheint nicht ganz falsch zu liegen. Denn die schlaumeierische Direktive «Gefahr herrscht immer, also wird gehornt», ist von der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft nie offiziell ausgegeben worden. Sagt zumindest eine Mediensprecherin. Ernst Bosshard, der Kapitän Hornblower vom Zürichsee, habe sich bloss «etwas ungünstig ausgedrückt». Ob damit das letzte Wort gesprochen ist? Wir bezweifeln es und schauen von jetzt an täglich ZDF. In freudiger Erwartung des ersten Kapitäns, der dort in die Kamera behauptet: «Wenn ich am Steuer bin, herrscht immer Gefahr.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2017, 11:30 Uhr

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