«Das Zerstören geht immer schneller»

Der Strafrechtler Martin Killias präsidiert neu den Zürcher Heimatschutz. Nicht ohne Grund lege dieser des Öftern Beschwerde ein, sagt er. Seit 1970 sei so viel Bausubstanz zerstört worden wie nie zuvor seit der Antike.

«Es gibt Gemeinden, die haben Heimatvernichtung als Programm»: Martin Killias zu Hause in Lenzburg. Foto: Doris Fanconi

«Es gibt Gemeinden, die haben Heimatvernichtung als Programm»: Martin Killias zu Hause in Lenzburg. Foto: Doris Fanconi

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Wie kommt es, dass der Präsident des ­Zürcher Heimatschutzes im Kanton Aargau wohnt?
Als ich 2006 von der Uni Lausanne wieder an die Uni Zürich kam, hatte ich das Gefühl, heimzukehren. Ich wollte nicht in Lausanne in Pension gehen. Ich hatte Angst, dass ich dort in der wunderschönen Landschaft sitzen und keiner mich besuchen würde. Meine Freunde leben mehrheitlich im Raum Zürich. Ich bin ja auch in Zürich aufgewachsen.

Aber Sie entschieden sich für ­Lenzburg und nicht für Zürich.
2006 suchte ich im Internet ein Haus im Raum von Luzern bis Schaffhausen und von Sargans bis Olten. Die Wahl fiel auf das Haus an der Rathausgasse in Lenzburg, in dem jetzt dieses Interview stattfindet. In Lenzburg mit seinem Schloss war ich übrigens schon als Jugendlicher viele Male. Ich erinnere mich, dass mir einmal Aargauer Freunde den Richtplatz Fünflinden zeigten, als ich 15 war. Die historischen Linden hat dann der Wirbelsturm Lothar gefällt, mittlerweile hat man neue Linden gepflanzt. Wäre es nicht der alte Richtplatz, wäre auch diese Parzelle heute überbaut.

Wie sehr sind Sie hier ­daheim?
Sehr. Ich sitze im Einwohnerrat, beschäftige mich mit der Stadtentwicklung und bin vor allem mit einer Lenzburgerin verheiratet.

Hat Ihr Haus einen Namen?
Nein. Es handelt sich um eine Reihe von Häuschen, deren bescheidene Abmessung auf die Zeit der Grafen von Kyburg zurückgeht. Der Keller zum Beispiel ist aus dem 13. Jahrhundert. Mittlerweile ist im Haus das Büro meines kriminolo­gischen Forschungsinstituts untergebracht. Ich bin vor anderthalb Jahren in Lenzburg zu meiner heutigen, zweiten Frau gezogen, sie ist Pfarrerin. Wenn ich dort aufstehe, sehe ich direkt auf die ­Gefängnismauern.

Was geht Ihnen dann durch den Kopf? «Armi Sieche»?
Ich denke, dass wir in einer recht netten Gesellschaft leben. Heute werden Leute, die sehr schlimme Sachen gemacht haben, verwahrt, weil es nicht verantwortbar ist, dass sie draussen sind. Die gleiche Art Delinquent hat man früher hingerichtet.

Ein Fortschritt, oder?
Dass man Menschen nicht einfach aufgibt, sondern etwas irgendwie Konstruktives für sie tut und dafür viel Aufwand in Kauf nimmt, finde ich absolut gut.

Gibt es für Sie eine Heimat ohne alte Häuser?
Ein Aha-Erlebnis für mich war, als ich als Gastdozent in China weilte, in der grössten Stadt der Welt. Chongqing hat 32 Millionen Einwohner. Ich wurde in einem Dienstfahrzeug des Rektorats herumchauffiert. Eines Tages wünschte ich, ein bestimmtes Museum zu sehen. Der Fahrer machte ein seltsames Gesicht. Ich fragte via Übersetzerin, ob es ein Problem gebe. Das sei in einem anderen Stadtteil, sagte er. Die Distanz betrage 500 Kilometer, die Fahrt dauere zwölf Stunden. Wir verzichteten.

Das klingt nach Antiheimat.
Chongqing ist eine endlose Serie von Wolkenkratzern. Viele sind in einem erbärmlichen Zustand, wurden durch die Bewohner repariert und zugleich verunstaltet. Einmal sagte die Übersetzerin: «Today, we go to the community.» Wir fuhren zum Yangtse-Fluss. Dort gab es zu meinem Erstaunen ein kleines Stück Altstadt, etwa so gross wie die Lenzburger Rathausgasse und ein paar Hundert Jahre alt. In den Fluss war eine Autobahnspinne gebaut, ein Arm zeigte ­exakt auf die Altstadt, brach aber noch über dem Wasser ab. Die Führerin erklärte, die Regierung habe die Altstadt plattwalzen wollen, aber da habe es heftigen Widerstand gegeben. Die Obrigkeit erwies sich in diesem Fall doch als sensibel, Diktatur hin oder her. Es gab einen Baustopp. Auch die Chinesen verteidigen ein Stück weit ihre Identität. Heimat, das ist ein Ort, mit dem man sich identifizieren kann. Der Ort, wo man herkommt.

Das wäre in Ihrem Fall Zürich.
Ja. Witikon, wo ich aufwuchs. Und Schwamendingen, wo ich später Präsident der SP war. Heute wohnt meine Tochter in Schwamendingen. Der alte Dorfkern beim Hirschenplatz ist erfreulich, dort hat es reihenweise schöne alte Häuser. Ebenfalls erfreulich ist die Einhausung der Autobahn; die Initiative, die dazu den ersten Anstoss gab, habe ich 1974 höchstpersönlich formuliert. Dass es heute in Schwamendingen schön ist, freut mich wirklich.

Weitere gute Orte in Zürich?
Ich wohnte später fast zehn Jahre in der Altstadt. Heute noch habe ich meine Lieblingsgassen, durch die ich nach jeder Sitzung laufe, von der Uni zum Neumarkt und durch die Predigergasse Richtung Bahnhof. Im Kontrast dazu fällt mir ein: Ich wollte kürzlich meiner Frau ­zeigen, wo zwischen dem Pfannenstiel und Männedorf meine Mutter geboren wurde. Ein Weinbauernhaus, wohl aus dem 16.?Jahrhundert. Wir gingen lang am Hang hin und her, gaben schliesslich auf. Ich fand das Haus nicht mehr.

Warum?
Veränderungen der Bauten, der Strassenführung, neue grosse Kurven, Unterführungen, hohe Einmündungen mit Mauern. Das verwirrt. Vielleicht gibt es das Haus auch nicht mehr.

2007 brannte das Zunfthaus zur Zimmerleuten in Zürich aus. Man richtete es mit viel Aufwand wieder her. Ist das nicht Disneyworld?
Man muss das Ganze sehen, das Ensemble. Das Zimmerleuten-Haus ist Teil eines Stadtbildes. Nach einem Bombardement, wenn eine ganze Häuserzeile weg ist, kann man den Stararchitekten mit dem überdimensionierten Ego kommen lassen, damit er eine futuristische neue Stadtlandschaft zeichnet. Aber wenn es nur um eine Lücke im Stadtbild geht, soll man sie schliessen.

Was ärgert Sie als Heimatschützer in Zürich?
Gustav Gull fällt mir ein, Stadtbaumeister am Ende des 19. Jahrhunderts und Professor an der ETH. Auf ihn zurück geht die brutale Schneise von der Urania über die Rudolf-Brun-Brücke die Mühlegasse hinauf; dabei wurde auch das Oetenbachkloster kaputtgemacht. Gull steht zudem für die überdimensionierten Amtshäuser. Und für das Stadthaus; man brach dafür das Fraumünsterkloster ab und integrierte den Rest des Fraumünster-Kreuzgangs so seltsam in den Innenhof des Stadthauses. Gull nannte es «kreative Denkmalpflege».

Wie würden Sie es nennen?
Respektlosigkeit. Die Schipfe daneben bildet den Kontrast. Gull wollte auch sie plattwalzen und einen Riesenpalast hinstellen. Dass wir heute noch die niedrigen alten Häuschen haben, hat mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu tun. Die Arbeiter mussten an die Grenze, 1918 kam die Finanzkrise, und circa 1925, als man sich wieder aufgerappelt hatte, fand man plötzlich, es wäre schade, die Schipfe-Häuserzeile abzureissen. Gull fehlte dafür jedes Verständnis.

Haben nicht auch frühere Menschen das Alte weggeputzt und Neues aufgestellt?
Es gibt einen Unterschied. Nehmen wir das Kloster St. Gallen. Seine wunderbare romanische Basilika wurde zerstört, als man im Barock eine neue Kirche hinstellte. Aber wenigstens handelte man radikal. Man ersetzte das Ganze. So radikal, wie wenn Eglisau oder Brugg sagen würden: Wir wollen keine Altstadt mehr, wir reissen sie ab und bauen eine wunderschöne neue Stadt. Das machte man damals in St.?Gallen mit dem Riesenkloster. Man stelle sich vor, man hätte stattdessen ein bisschen etwas von der alten Basilika stehen lassen, vielleicht die Türme oder ein Tor, und den Rest im Barockstil neu gebaut. Das gäbe eine absurde Kombination. Eine Karikatur. Aber genau so handelt man heute.

Ein Beispiel aus Zürich?
Unter Gull zerstörte man, wie erwähnt, das Fraumünsterkloster. Für zwei Äbtissinnen-Zimmer mit geschnitzten Holz­täfern und -decken baute man im Landesmuseum extra zwei Räume. Man könnte die Zimmer genauso gut in den Swiss-Life-Bau in Zürich-Enge einpflanzen. Eine völlige Entfremdung ist das.

Handeln wir heute klüger als vor, sagen wir, 50 Jahren?
Seit 1970 wurde bei uns so viel historische Bausubstanz zerstört wie nie zuvor seit der Antike. Es geht immer noch schneller mit dem Zerstören. Man wirft dem Heimatschutz vor, wir seien eine reine Verhinderungsorganisation. Aber der Rhythmus unserer Beschwerden wird bestimmt durch den Rhythmus der Zerstörungen. Es gibt Gemeinden, die haben Heimatvernichtung als Programm und bodigen alte Objekte zu Dutzenden. Da darf man ruhig auch einmal polemisch werden.

Sie verkauften als Kantischüler ­Schoggitaler für den Heimatschutz. Wie kam das?
Ich verteilte auch Flugblätter gegen den Abbruch der Vorderberghäuser in Fluntern. Da war ich 16. Ein Jahr später kämpfte ich gegen den Abbruch der Grossmünsterkapelle und des Zwinglihauses dahinter. Beide Male mit Erfolg – die Häuser stehen noch.

Aber woher rührt nun Ihr Feuer für den Heimatschutz?
Ich war immer engagiert, nicht nur bei diesem Thema.

Ein heimatschützerisches ­Elternhaus?
Nicht wirklich. Obschon die Eltern an ­alten Dingen Freude hatten. Mein Vater – er war Ökonom – begeisterte sich hobbymässig für Geschichte. Wir gingen, als ich ein Knopf war, oft zu Burgruinen. Bis heute finde ich es grossartig, Ruinen zu besichtigen. Es regt die Fantasie an.

Haben Häuser eine Seele?
Ja. Die Fassade ist wie das Gesicht. Die Seele, das ist das Innere des Hauses.

Sie kandidieren für die Aargauer SP als Nationalrat. Wie würden Sie sich in Bern für den Heimatschutz einsetzen?
Ich will das Beschwerderecht verteidigen, an dem permanent gesägt wird. Auch für die Budgets der eidgenössischen Denkmalpflege und für die Beiträge an die Sanierung historischer Objekte will ich eintreten; beides ist permanent bedroht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2015, 23:39 Uhr

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Strafrechtler und Heimatschützer

Martin Killias (67) ist Strafrechtler. Er war Professor in Lausanne und dann an der Universität Zürich. Seit seiner Emeritierung hält er noch eine Gastprofessur an der HSG in St. Gallen. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und wohnt in Lenzburg, wo er ein privates kriminologisches Forschungsinstitut aufgebaut hat. Für die Aargauer SP kandidiert er für den Nationalrat. Seit Mitte Jahr ist er Präsident des Zürcher Heimatschutzes. (tow)

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