Demenzkranke brauchen kein Konzept

Michael Schmieder hat die Sonnweid in Wetzikon zu einem führenden Demenzzentrum Europas gemacht und dabei das Wichtigste nie vergessen.

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Menschen mit Demenz haben die gleichen Bedürfnisse wie Menschen ohne Demenz: Sie brauchen Licht, Bewegung, Gesellschaft, Sicherheit, Respekt und Wertschätzung. Das mag banal tönen, doch genau auf diesem Grundsatz von Michael Schmieder beruht die Sonnweid in Wetzikon. Und deshalb wurde die Sonnweid das führende Demenzkompetenzzentrum Europas. Während 30 Jahren hat Schmieder die private Pflegeinstitution aufgebaut. Im Herbst übergibt er nun sein Werk.

Altersdemenz ist eine gesellschaftliche und eine wissenschaftliche Herausforderung. Gerade in diesen Tagen nährt wieder einmal ein neues Medikament die Hoffnung, Alzheimer lasse sich eventuell hinauszögern. Schmieder bleibt skeptisch: «Wir werden zwar immer ­älter», sagt er. «Dank raffinierteren Ersatzteilen kann unser Körper mithalten. Doch das Gehirn ist vielleicht gar nicht dafür geschaffen, so alt zu werden.»

Auch Menschen, die ihr Gedächtnis ganz oder teilweise verloren haben, haben Anrecht auf ein würdiges Leben. Diesen Anspruch will die Sonnweid einlösen. Das soziale Leben spielt sich in ­öffentlichen, auf vier Etagen verteilten Räumen ab. Sie sind nicht mit Treppen, sondern einer Rampe verbunden. Das Resultat ist eine Schlaufe von 1,5 Kilometer Länge, die über Aussenterrassen und den Garten zurück ins Gebäude führt.

Normen wechseln ständig

Das Heim befindet sich in einer Umgebung, in der sich Patienten wohlfühlen. Sie wissen die Freiheiten zu schätzen. So gibt es keinen Zwang, an einem Tisch zu essen. Stattdessen greifen manche zu Fingerfood, der auf Tellern in Augenhöhe angeboten wird. Wenn es das Wetter zulässt, werden Patienten in ihrem Bett an die frische Luft auf die Veranda gerollt, auf den Gängen stehen Sofas, die Zimmer sind nur zum Schlafen oder für die Pflege da. «Bei uns hat jeder Bewohner seine eigenen Normen – und die wechseln ständig», sagt Schmieder.

Die Sonnweid versucht, Strukturen zu schaffen, die es den Kranken erlauben, so zu leben, wie sie wollen. Gegenüber festen Konzepten zeigt Schmieder grosses Misstrauen. «Warum hat man das Gefühl, das Leben von Menschen in ein Konzept einpacken zu müssen?», fragt er und fügt hinzu: «Ich möchte weder nach einem Konzept betreut werden noch nach einem Konzept leben.»

Über Demenz wird heute offener gesprochen. Als Schmieder seine Karriere vor 30 Jahren als Pfleger im Triemli­spital begann, war das noch anders. ­Demenz wurde mit dem Begriff «psychoorganisches Syndrom» (POS) umschrieben. Mit verwirrten Personen wollte niemand zu tun haben. Schmieder fiel ­jedoch auf: Diese Leute liessen sich beruhigen, wenn er beim Hinausgehen ihre Zimmertür einen Spalt weit offen liess. «Das war ein Zeichen, dass sie nicht gerne allein waren.»

Menschen, die niemand will

Schmieder stiess 1985 zur Sonnweid. Sie hatte damals keinen guten Ruf und galt als Ort, wo «man Behinderte günstig entsorgen konnte», wie er es unverblümt ausdrückt. Hier strebte er eine Leitungsfunktion an. Als der Verwalter nach einem halben Jahr seine Meinung hören wollte, erklärte Schmieder: «Entweder Sie schliessen das Heim. Oder Sie spezialisieren es auf Leute, die niemand will.» Das war der Anfang von Schmieders Karriere – und der Sonnweid als erstes Heim für Demenzkranke in Europa.

Bevor Schmieder die erste Wohngruppe mit Demenzbetroffenen gründete, holte er als ehemaliger Pfleger eine Zweitmeinung ein. «Lassen Sie die Finger davon», riet ihm Albert Erlanger, der damalige Chefarzt der Psychiatriestation in Wetzikon. «Genau deshalb machen wird das», sagt Schmieder heute und lacht. In der Sonnweid gab es damals Alkoholiker und Drogensüchtige, die in der Pflege arbeiteten. Von ihnen lernte er, wie wichtig es ist, verwirrten Menschen mit Respekt und Humor zu begegnen. «Der eine am Rand half dem andern am Rand.»

Die Sonnweid ist Schmieders Arbeits­ort. Und ebenso jener seiner Frau. Seit 1987 arbeiten die beiden zusammen, seit dreizehn Jahren sind sie verheiratet. Während Schmieder nach aussen auftritt, prägt seine Frau Pflege und Atmosphäre im Heim. «Wir arbeiten exzellent zusammen.» Ihre Ehe legen sie bei der Anstellung von Kadermitarbeitenden offen. «Unsere spezielle Situation ist nicht für alle Mitarbeitenden einfach.»

Einen Namen in der Pflegeszene schuf sich das Heim 1998. Schmieder entwarf die Pflegeoase, einen Raum für sieben Schwerstdemente. Er platzierte sie nicht in Einer- oder Zweierzimmern, sondern in einem Grossraum, weil er davon überzeugt war, dass sie sich gerade in der letzten Phase in einer Gemeinschaft wohler fühlen als allein. Seine Pflegeoase funktionierte, seine Methoden werden inzwischen kopiert. Plötzlich war Schmieder ein gefragter Mann. Er tourt durch Europa und hält Vorträge. Und hat mit «Dement, aber nicht bescheuert» ein Buch geschrieben, das im Oktober erscheint.

Heute betreuen in der Sonnweid rund 270 Angestellte 160 Demenzpatienten. Viele arbeiten Teilzeit. Die Patienten sind oft in der letzten Phase ihres Lebens, denn anders als früher werden sie länger in ihrer eigenen Umgebung betreut. Pro Jahr sterben rund 60 Menschen, 30 innerhalb der ersten 12 Monate nach der Einweisung. «Wir entwickeln uns in Richtung einer Pflegeinstitution für Menschen mit schwerer Demenz», sagt Schmieder. «Für das Personal eine grosse Herausforderung.»

Was bringt Erinnerungsarbeit?

Auch andernorts wird Neues erprobt. In Holland etwa gibt es ein Demenzdorf, wo Patienten mit Pflegenden eine Dorfgemeinschaft bilden. In Effretikon wird mit der Roboter-Robbe Paro experimentiert. Schmieder will davon nichts wissen. «Diese Konzepte beruhen auf einer Lüge», findet er. «Man gibt vor, die Patienten zu schonen. Dabei geht es einzig darum, etwas auszulagern, was man nicht erträgt.» Wenn schon, müsse man Therapiehunde einsetzen. «Die sind real. Das machen wir, und es ist erstaunlich, welche Emotionen diese auslösen. Die Tiere können Menschen, die fast verstummt sind, zum Reden bringen.»

Zuwendung und Beziehung sind für Schmieder nicht nur zentral in der Pflege, sondern auch das Wichtigste im Leben. «Was nützt es», fragt er rhetorisch, «wenn ich mit einer an Demenz erkrankten Person Erinnerungsarbeit mache? Vielleicht will sie sich gar nicht erinnern.» Er erzählt von einem Brief, den er nach dem Tod eines Patienten erhielt: «Er hatte ein schwieriges Leben mit seiner Pädophilie.» Die Sonnweid wusste davon nichts. Auch dem Pädophilen fehlte wegen des Gedächtnisverlustes das Bewusstsein, ein Pädophiler zu sein. So ist er gleich behandelt worden wie jeder andere auch.

Bis Ende Jahr wird Michael Schmieder noch seine Nachfolgerin einarbeiten. Dann ist Schluss mit dem operativen Geschäft. Er ist darüber nicht unglücklich. Die Bürokratisierung macht ihm zu schaffen. «Die kantonale Heilmittelkontrolle will jetzt sogar wissen, wie oft wir die Schachtel mit der Medikamentendosierung reinigen.» Die Krankenkassen forderten, dass das Heim die nassen Einlagen wiege, um festzustellen, ob bei einer Person eine mittlere oder eine schwere Inkontinenz vorliegt.

Lieber will Schmieder nun zwei Webplattformen aufbauen: Alzheimer.ch und Ungekuenstelt.ch. Bei der ersten Adresse erhalten Besucher Informationen und Tipps zur Demenz. Unter Ungekuenstelt.ch sollen Werke der Heim­bewohner in Fotos, Text, Film und Ton präsentiert werden. Der Sonnweid wird er als Verwaltungsrat weiter verbunden bleiben. Noch etwas zu sagen zu haben, ist ihm wichtig. «Wir haben lange überlegt, ob wir das private Heim verkaufen wollen», sagt er. «Doch dann wäre es von einer Kette geschluckt worden, und damit hätte es seine Prägung verloren.»

Bilder Michael Schmieders Vorzeigeheim

sonnweid.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2015, 20:16 Uhr

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