Den Ruf der Frauen «mehr als hässlich» in den Dreck gezogen

Ein Mann macht von Frauen heimlich Sexaufnahmen und verbreitet sie mit vollem Namen im Internet. Das Obergericht ist entsetzt über das Tun, darf aber keine höhere Strafe verhängen.

«Jenseits von Gut und Böse»: Das Obergericht hätte das Strafmass erhöhen wollen.

«Jenseits von Gut und Böse»: Das Obergericht hätte das Strafmass erhöhen wollen. Bild: Urs Jaudas

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Am schlimmsten traf es seine ehemalige Freundin, die damals 15 bis 17 Jahre alt war. In den zweieinhalb Jahren ihrer Beziehung filmte der vier Jahre ältere Handwerker insgesamt etwa zehnmal den Geschlechtsverkehr und weitere sexuelle Handlungen mit ihr – ohne dass sie davon wusste.

Sechs Jahre später verbreitete er die teilweise bearbeiteten Aufnahmen, auf denen die junge Frau eindeutig identifizierbar war, auf insgesamt fünfzehn verschiedenen Online-Plattformen. Darunter waren nicht nur pornografische Websites, sondern auch Massenplattformen wie Youtube, Kommunikationsplattformen wie Facebook und Google+ oder berufliche Plattformen wie Xing und Linkedin.

Und noch schlimmer: Das Material veröffentlichte er mit dem vollen und korrekten Namen der Frau und versah es mit Textkommentaren, die entweder tatsachenwidrige Behauptungen enthielten, die sie als Mensch verächtlich machten oder ihren Charakter in ein ungünstiges Licht rückten.

Selbst der Umstand, dass die Polizei bereits mehrfach interveniert hatte, er bereits ein erstes Mal verhaftet und eine Strafuntersuchung gegen ihn eingeleitet worden war, hinderte ihn nicht daran, mit den Veröffentlichungen fortzufahren. Wegen der Videos und Bilder wurde das Opfer mehrfach kontaktiert und belästigt. In der Strafuntersuchung beschrieb die Frau die Situation als schlimmster Albtraum ihres Lebens, der immer noch weitergehe.

In Blogs beschrieb er sexuelle Handlungen mit ihr

Von seinem Tun betroffen war auch eine zwei Jahre ältere Frau, die er filmte, als er ihre Brüste minutenlang betatschte, während sie tief schlief. Auch diese Sequenzen machte er ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung auf diversen Porno-Plattformen der Öffentlichkeit zugänglich. Das trug ihm unter anderem eine Anklage wegen Schändung ein.

Eine dritte, zwei Jahre jüngere, bekleidete Frau fotografierte er in der Öffentlichkeit und rückte dabei ihre Brüste und ihr Gesäss in den Mittelpunkt der Aufnahme. Er erstellte Videos, auf denen er über die Bilder ejakulierte und stellte beides ins Netz. Auch ihren vollen Namen veröffentlichte er auf einer beruflichen Plattform. In mehreren Blogs auf einer Pornoseite veröffentlichte er Texte, worin er diverse imaginäre sexuelle Handlungen mit ihr beschreibt.

Und warum das Ganze? Er sei halt oft am Kiffen gewesen, habe nicht regelmässig gearbeitet, sei zu Hause rumgesessen und mit seinem Leben unzufrieden gewesen, sagte er an der Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht Winterthur. Und dass es ihm leid tue und er ein schlechtes Gewissen habe.

Das Bezirksgericht verurteilte ihn unter anderem wegen Schändung, mehrfacher Verleumdung, mehrfacher Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte und mehrfacher Pornografie. Wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, wurde er mit einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 26 Monaten bestraft.

Wohlwollendes erstes Urteil

Obwohl der Mann drei (nicht einschlägige) Vorstrafen hat, obwohl er während laufender Strafuntersuchung mehrmals weiter delinquierte, erklärte das Bezirksgericht von den 26 Monaten nur das gesetzliche Minimum sechs Monate als unbedingt vollziehbar. Als Grund dafür gibt das Gericht an: «Es scheint angemessen.»

Ein Normalvollzug, also das Verbüssen der gesamten Strafe «würde die Bemühungen zunichtemachen und eine Resozialisierung gefährden», heisst es im Urteil. Als Bemühungen wertete das Gericht den neuen Job und die freiwillige Therapie. Diese hat er wenige Monate vor der Gerichtsverhandlung angetreten und – was das Bezirksgericht natürlich nicht wissen konnte – wenige Monate nach der Verhandlung wieder beendet.

Auch ein unbedingter Strafvollzug von zwölf Monaten hätte weder seine Bemühungen noch die Resozialisierung gefährdet. Denn auch diese Strafe hätte er in Halbgefangenschaft verbüssen können.

Doch das wohlwollende Strafmass reichte dem Mann nicht. Während die Staatsanwaltschaft das Urteil akzeptierte, zog er es ans Obergericht weiter. Die Strafe von 26 Monaten sei mehr das Ergebnis einer emotionalen Empörung über die Taten als eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Delikten, liess er seinen Verteidiger sagen. Hier habe man ein Exempel statuieren wollen.

Weder vom Vorwurf der Schändung noch vom Vorwurf der Pornografie wollte sein Verteidiger etwas wissen. Das Berühren der Brüste sei keine Schändung, weil der Vorgang zu harmlos gewesen sei, und der Mann davon habe ausgehen dürfen, dass seine Freundin damit einverstanden war.

Er könne auch nicht dafür verurteilt werden, pornografisches Material Jugendlichen unter 16 Jahren zugänglich gemacht zu haben. Die Pornoseiten, auf denen die Videos veröffentlicht wurden, seien ausschliesslich für Erwachsene bestimmt.

Wenn die obhutsberechtigten Personen es versäumten, ihren Kindern den Zugang zu solchen Seiten zu verwehren, könne das nicht seinem Mandanten angelastet werden. Die Betreiber der Pornoseiten müssten in die Pflicht genommen werden, wenn sie nicht in der Lage sind, ihr Angebot vor dem Zugriff von Minderjährigen zu schützen.

«Wut an den Falschen ausgelassen»

Vor dem Obergericht erzählte der Beschuldigte noch einmal von seinem Frust, dem fehlenden Sinn in seinem Leben, aber auch von schlechten Erfahrungen, die er mit Frauen gemacht habe. Dieser Groll habe zwar nichts zu tun mit seiner damaligen Freundin, aber nur von ihr habe er Videomaterial besessen. «Ich habe meine Wut an den Falschen ausgelassen», sagte er.

Das Obergericht bestätigte das Urteil des Bezirksgerichts. Es gebe keinen Grund für eine tiefere Strafe, im Gegenteil: Das Obergericht wäre höher gegangen. Aber dem Gericht waren die Hände gebunden. Weil die Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Bezirksgerichts nichts und nur der Beschuldigte Berufung erklärte, durfte das Obergericht keine härtere Strafe verhängen.

«Wir erleben hier einiges», sagte der Gerichtsvorsitzende in der Urteilsbegründung, «aber so etwas ist erschreckend.» Was der Mann gemacht habe, sei «jenseits von Gut und Böse». Es sei «mehr als hässlich, wie er die Frauen in den Dreck gezogen» habe, und es sei «ganz fies», dass er die Videos veröffentlicht habe. Sein Tun sei «mit ernsthaften Sexualdelikten vergleichbar».

Erstellt: 25.07.2019, 15:25 Uhr

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