Der 28-Jährige, der den Knochenjob machen will

Wer ist der Betriebswirt und Bauernsohn, der als neuer Chef der Zürcher SVP antreten soll?

«In diesen sauren Apfel muss ich wohl beissen»: SVP-Präsidiumskandidat Benjamin Fischer. Foto: Sabina Bobst

«In diesen sauren Apfel muss ich wohl beissen»: SVP-Präsidiumskandidat Benjamin Fischer. Foto: Sabina Bobst

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Der Vorletzte, der das Amt übernahm, ist inzwischen aus der Partei ausgetreten. Der Letzte blieb weniger als ein Jahr.

Kein Wunder, bei dem Stellenprofil. Gesucht ist eine Lautsprecherin oder ein Lautsprecher, ein Einpeitscher, Kilometerabspuler, Stammtischfreund, Blitzableiter. Gmögig bitte, und Tele-Züri-tauglich. In allen Themen meinungsfest und zu jedem Zeitpunkt erreichbar. Geruch nach Kuhmist: erwünscht. Lohn: Gibts keinen. Eher eins aufs Dach, wenn eine Aktion missrät. Vorbild: ein gewisser Christoph Blocher, der von 1977 bis 2003 aus der SVP Zürich die wohl einflussreichste Kantonalpartei des Landes gemacht hat.

Fischer ist jung, aber alles andere als ein politischer Grünschnabel.

Der Mann, der sich nun für das Amt als Präsident ebendieser Partei bewirbt, heisst Benjamin «Beni» Fischer. Der rund 80-köpfige Parteivorstand hat ihn am Montagabend auf Antrag einer Findungskommission als einzigen Kandidaten nominiert. Wenn alles nach Plan läuft, wählen ihn die Delegierten am 7. Januar zum neuen Präsidenten.

Wer ist dieser 28-Jährige, der sich das unmögliche Amt zutraut? Wenns um den politischen Antrieb geht, dann wird er schnell grundsätzlich: «Ich mache das aus Überzeugung», sagt er, spricht vom «Stolz aufs Schweizer Milizsystem», von «Pflichtbewusstsein». Fischer ist auf einem Bauernhof in Volketswil aufgewachsen, zusammen mit drei älteren Brüdern und zwei jüngeren Schwestern, der Vater war nebenbei Feuerwehrkommandant, die Mutter Klavierlehrerin. Auf dem Hof hiess es oft: heuen statt baden.

Fischer ist jung, aber alles andere als ein politischer Grünschnabel. Mit 16 trat er in die Junge SVP ein, seither verrichtete er auf allen Ebenen der Partei jahrelang Knochenarbeit: als Präsident der Ortspartei Volketswil, als Kassier der Bezirkspartei, als Präsident der Jungen SVP Schweiz (seit 2016) und als Zürcher Kantonsrat (seit 2015).

Seine Partnerin lernte er am EWR-Nein-Event kennen

Auch die persönlichen Werte passen. Der NZZ erzählte Fischer einmal von den «Säulen des bürgerlichen Lebens», die für ihn Erfolg bedeuten: Beruf, Familie, Militär, Politik.

Nach diesen Massstäben läuft bisher bei ihm alles richtig – Beruf: Handelsmittelschule durchgezogen, Betriebsökonomie studiert, Bürojob bei der Polygena AG in Pfäffikon ZH gefunden. Familie: an der 20-Jahre-Feier zum EWR-Nein Traumfrau Nicole kennen gelernt, die Beziehung sieben Jahre lang bewahrt, im Februar 2019 stolzer Vater von Sohn Merlin geworden. (Die Partnerin schaue auf den Nachwuchs und wolle höchstens Teilzeit arbeiten, sagt Fischer – «das war ihre Entscheidung».) Militär: fast 600 Diensttage gesammelt, bis zum Oberleutnant weitergemacht, den 100-Kilometer-Marsch in der Durchhaltewoche zu Ende gelaufen.

Parteiarbeit muss ehrenamtlich
bleiben, sonst arbeiten die Leute irgendwann nur noch gegen Geld.
Benjamin Fischer

Als Präsident will Fischer alle SVP-Ämter abgeben, bis auf jenes als Kantonsrat. Er weiss genau, dass es in manchen Lokalparteien nicht zum besten steht, dass es beim Anwerben von Nachwuchs hapert. Seinen Job will er aber behalten, zumal er als Präsident keine Bezahlung fordern würde: «Wenn man einmal anfängt, etwas zu belohnen, dann besteht die Gefahr, dass die Leute irgendwann nur noch gegen Geld arbeiten. Parteiarbeit muss ehrenamtlich bleiben.»

Obwohl die immer aufwändiger wird. Fischer betreut heute nebst seinen Ämtern mehrere Social-Media-Kanäle und dreht Youtube-Videos («freies Internet für freie Bürger!»). Wobei bisweilen spürbar ist, dass er lieber argumentiert als einpeitscht. «Ich persönlich würde am liebsten nüchterne, trockene Sachpolitik machen», sagte er vor kurzem in einer SRF-Jugendsendung. «Nur interessiert das kein Schwein.»

Mit Provokation um der Provokation willen könne er nun mal nichts anfangen, auch wenn andere damit Erfolg gehabt hätten, sagt Fischer. Er habe auch keine politischen Vorbilder, ganz im Gegenteil, er habe sich eher distanziert, wenn andere versucht hätten, bei ihm die Rolle als politischer Ziehvater zu übernehmen. «So bin ich unabhängiger. Dafür habe ich ein dichtes Netzwerk, in Zürich und in Bern.»

SP-Nationalrat Molina: «Er ist ein Nerd»

Das bestätigt auch die politische Gegnerschaft. Fabian Molina kennt Fischer seit zehn Jahren: «Klar kann der das!», sagt der SP-Nationalrat. Er mag seinen Kontrahenten für seinen Humor und seine Umgänglichkeit. Die beiden sassen an der Winterthurer Kanti Büelrain zusammen im Philosophie-Freikurs. «Wir haben uns öfters intensiv ‹gebattelt›. 90 Prozent der Redezeit ging für uns beide drauf», erzählt Molina. Fischer sei ein «Nerd», der sich beim politischen Klingenkreuzen auch einmal in den Details verlieren könne. Politisch ticke er wirtschaftsliberal – «er ist keiner dieser Hardliner im Sinne der Zürcher SVP».

Benjamin Fischers Smartspider-Profil schlägt allerdings bei «restriktiver Migrationspolitik» voll aus, und auch sonst ist er bisher nicht als Abweichler aufgefallen; er wehrt sich gegen einen Ausbau des Vaterschaftsurlaubs, will das Asylrecht verschärft und den Rosengartentunnel endlich gebaut sehen. Etwas komplizierter wirds nur beim Flugplatz Dübendorf: Fischer befürwortet den dortigen Businessjet-Betrieb aus wirtschaftsliberaler Warte – «die F/A-18 waren früher ohnehin viel lauter, da haben bei uns zu Hause jeweils die Fensterscheiben gezittert». Gleichzeitig weiss er, dass die Privatjets im heimatlichen Oberland überaus unpopulär sind. «Nun, in diesen sauren Apfel muss ich wohl beissen.»

Etwas Ärger mit der eigenen Basis hält Fischer also aus. Und wie steht es mit der Fähigkeit, Deals mit anderen Parteien zu schliessen? Um Mehrheiten zu beschaffen, sei er jederzeit bereit zum politischen Kompromiss, meint Fischer, mit dem Freisinn, aber auch darüber hinaus. «Mein Vater sagte immer: Einen Sozi brauchts im Gemeinderat.»

Erstellt: 23.12.2019, 21:18 Uhr

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