Blitzableiter von Beruf

Robin Wehrle setzt sich in Winterthur Blitzschlägen von bis zu 1,2 Millionen Volt aus – freiwillig und Suva-konform.

Dank eines Kettenhemds ist der Mensch während der Vorführung komplett vor Blitzen geschützt. Video: Tamedia/Martin Huber

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Da tritt er auf die Bühne, wie ein mittelalterlicher Ritter. Von Kopf bis Fuss in ein Metallkostüm gehüllt, klettert Robin Wehrle auf das Podest. Dramatische Musik erklingt, dazwischen klärt eine Stimme aus dem Off die Zuschauer im Winterthurer Technorama auf, dass sich jetzt dann gleich Blitze mit einer Spannung von 1,2 Millionen Volt entladen werden und es sehr laut zu- und hergehe. Dann brummt und knattert es, meterlange Blitze zucken durch den abgedunkelten Bühnenraum. Und mittendrin steht Robin Wehrle auf dem Podest und lässt sich seelenruhig von den Blitzen treffen, fängt sie mit seinen Armen ein, gestikuliert mit ihnen.

«Fast wie Bungeejumping»

«Beim ersten Mal ist es schon speziell, da fliesst viel Adrenalin», erzählt der 35-Jährige nach der Vorführung, die auf manche Zuschauer wie ein Experiment für Todesmutige wirkt. Das Gefühl, als er zum ersten Mal als lebendiger Blitzableiter auftrat, umschreibt Wehrle so: «Vom Herzklopfen her liegt es irgendwo zwischen einer krassen Achterbahn und Bungeejumping.»

Er muss es wissen: Sprünge am Gummiseil in die Tiefe hat er ebenso ausprobiert wie schnelle Achterbahnen. «Ein bisschen Adrenalinjunkie muss man wohl sein, um so was wie die Blitzshow gerne zu machen.»

Der studierte Politikwissenschafter arbeitet mit einem 60-Prozent-Pensum als Betreuer in der Abteilung Besucherservices im Technorama. Zu seinen Aufgaben gehören auch die Auftritte in den halbstündigen Vorführungen «Naturgeschichte eines Blitzes», die für viele Besucher zu den Highlights des Science Center gehören. Gerade jetzt, zur Schulreisezeit, staunen wieder Tausende, wenn sich Wehrle und seine Kollegen scheinbar tollkühn den Blitzen aus­setzen.

Herrscher über die Blitze: Robin Wehrle lässt im Technorama derzeit wieder Schulklassen staunen. Foto: Daniel Kellenberger

Erzeugt werden diese von einer Teslaspule, die sehr hohe Wechselspannungen generiert. Diese ionisieren die Luft und erlauben sehr lange Funkenentladungen – Blitze bis zu drei Meter Länge entstehen. Das Kettengewand aus Edelstahl wird dabei zu Wehrles Lebensversicherung. Dank dem acht Kilogramm schweren Kostüm kann er gefahrlos die Funkenentladungen mit seinen Kettenhandschuhen einfangen.

Faradayscher Käfig schützt

Der Kettenanzug dient als faradayscher Käfig, in den die Ladungen und die elektrischen Felder nicht eindringen können, sondern immer auf der Aussenseite bleiben. «Man ist geschützt wie im Innern eines Autos bei einem Gewitter», erklärt Wehrle. Benannt wurde das Phänomen nach seinem Entdecker, dem Naturforscher Michael Faraday (1791–1867).

Besucher können bei der Vorführung auch selber auf Blitzjagd gehen – im Schutze eines faradayschen Drahtkäfigs neben der Bühne. Beim Aufruf an Freiwillige im Publikum, sich in den Metallkäfig zu wagen, fehle es nie an Kandidaten, sagt Wehrle. Auch an diesem Morgen schnellen auf den mit Schulklassen voll besetzten Besucherrängen sofort Dutzende von Händen in die Höhe.

Wehrle ist der erfahrenste Blitzdompteur im Technorama, neun Jahre ist er schon dabei. Was spürt er, wenn er sich den Blitzen aussetzt? «Eigentlich gar nichts, manchmal vielleicht ein feines Kribbeln.» Wenn man immer den gleichen Finger nehme, um Blitze einzufangen, könne es an der Fingerkuppe kurz etwas heiss werden unter dem Schutzhandschuh.

Es gibt keine Langzeitstudien zu Personen, die sich regelmässig solchen Blitzen aussetzen.

Bevor die Blitzshow 2009 starten konnte, brauchte es einige Überzeugungsarbeit der Technorama-Chefs, wie sich Wehrle erinnert. Der damalige Ausstellungsleiter versicherte den Betreuern, das Ganze sei völlig harmlos, das gebe es in den USA schon lange. Er präsentierte ein Mutmachervideo und spielte das Versuchskaninchen. Trotzdem: Nicht alle Betreuer waren danach bereit, sich in die «Höhle des Blitzes» zu wagen. Bis heute lehnten manche dankend ab, sagt Wehrle. Mitmachen sei absolut freiwillig.

Er selber ist mittlerweile ein Blitz-Habitué: Rund 2000 Blitzschläge, so schätzt er, hat er schon über sich ergehen lassen. In der Anfangsphase trat er vier- bis sechsmal pro Woche in der Show auf, mittlerweile hat er mehr administrative Aufgaben übernommen und schafft es noch auf zwei bis vier Auftritte pro Monat. Angst verspüre er längst keine mehr: «Für mich ist es wie Velofahren.»

Zu Zwischenfällen ist es bisher nicht gekommen, wie Wehrle sagt. Auch weil stets strikt auf Sicherheit geachtet werde. So sind die Mitarbeiter bei der Show stets zu zweit, es gilt das 4-Augen-Prinzip. Die Person am Schaltpult prüft vor jedem Einsatz des Blitzdompteurs, ob das Kettenhemd wirklich jede Körperstelle abdeckt. «Wenn ich am Schaltpult stehe und Verantwortung für die Sicherheit des Kollegen trage, bin ich deutlich angespannter als im Kettenhemd», sagt Wehrle. Gerade bei den Starkstromexperimenten vor der Blitzvorführung müsse man sehr genau auf Sicherheitsabstände achten.

«Eine Restungewissheit bleibt»

Doch wie steht es um die gesundheitlichen Risiken, wenn man sich fast täglich solch hohen Stromspannungen aussetzt? «Es gibt nach bestem Wissen und Gewissen keine gesundheitlichen Risiken», sagt Wehrle. Das sei im Vorfeld mit Wissenschaftlern und Ärzten abgeklärt worden, auch die Suva habe ihren Segen erteilt. Die Technorama-Führung betonte bei der Einführung, man habe alle Emissionen messen lassen und liege mit diesen deutlich unter den Grenzwerten.

«Das kumulierte Fachwissen sagt, dass es unbedenklich ist», sagt Wehrle. Er selber habe denn auch noch nie Nebenwirkungen verspürt. «Aber eine Restungewissheit bleibt», räumt er ein. Schliesslich gebe es keine Langzeitstudien zu Personen, die sich regelmässig solchen Blitzen aussetzen. Wehrle vergleicht es mit dem Fliegen: «Es ist wie im Flugzeug, man weiss, es ist statistisch gesehen viel sicherer als Autofahren, aber auch da gibt es ein gewisses Restrisiko, das man einfach in Kauf nimmt.»

Im Übrigen könne die Gefahr auch ganz woanders lauern, gibt er sich locker. Einmal sei ihm am Ende der Vorführung die Stoffkappe unter der Metallhaube über die Augen gerutscht, worauf er im Schummerlicht der Bühne um ein Haar vom Podest gestürzt wäre.

Die 30-minütige Show findet täglich um 11.30 und 14.30 Uhr statt.

Erstellt: 02.07.2018, 21:01 Uhr

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Robin Wehrle

Blitzdompteur im Technorama

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