Die Zahl der kleinen Hunde explodiert

Der Chihuahua hat den Labrador überholt, seit der Kanton Zürich für grössere Hunde eine aufwendige Ausbildung vorschreibt. Der Boom hat auch gesellschaftliche Gründe.

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Was tragen sie nicht alles für verächtliche Spitznamen, Hunde wie der Chihuahua, der Mops und der Yorkshire Terrier: «Ferngesteuerte Bodenlappen» oder «mutierte Ratten». Nicht wenigen Hundebesitzern gelten sie als zweitklassig, als Tierchen für Leute, die sich keinen «richtigen» Hund leisten können oder wollen.

Das hat die Kleinhunde allerdings nicht von einem beispiellosen Siegeszug abhalten können, den selbst Kantonstierärztin Regula Vogel als «überraschend» bezeichnet. Seit der Kanton Zürich im Jahr 2009 eine Ausbildungspflicht für alle Hunde eingeführt hat, die grösser als 45 Zentimeter oder schwerer als 16 Kilo werden, haben die Kleinen das Feld von hinten aufgerollt und die Grossen deutlich überflügelt. Das zeigen die Zahlen aus der Rassedatenbank Amicus, die der «Tages-Anzeiger» erstmals ausgewertet hat.

Lebten im Jahr 2009 noch rund 15'700 kleine Rassehunde im Kanton Zürich, so waren es 2017 bereits mehr als 22'400. Dazu kommen über 1700 kleine Mischlinge sowie eine unbekannte Anzahl an Mischlingshunden, die in der Datenbank noch ohne die seit zwei Jahren vorgeschriebene Grössenangabe aufgeführt sind. Insgesamt sind also mindestens 40 Prozent der Zürcher Hunde kleinwüchsig. 2009 waren es erst 30 Prozent. In der gleichen Zeit nahm die Zahl der grossen Rassehunde ab: Von 19'600 auf 18'600. Und das, obwohl die Hundepopulation im Kanton Zürich um 6280 auf 58'937 Tiere gewachsen ist. Ein Wachstum, das fast ausschliesslich aufs Konto der Kleinen ging.

Der Schäfer ist der Verlierer

Massiv verschoben hat sich damit auch die Rangliste der beliebtesten Hunderassen. Zwar stehen Mischlinge aller Art nach wie vor zuoberst in der Gunst der Zürcherinnen und Zürcher. 17'900 Hunde im Kanton lassen sich keiner Rasse zuordnen. Aber die Mischlinge haben leicht an Terrain verloren. Machten sie 2009 noch 33 Prozent der Population aus, sind es heute 30 Prozent.

Zu den grossen Gewinnern gehört der Chihuahua, der als kleinste Hunderasse der Welt gilt. Ende 2017 lebten 3119 Chihuahuas im Kanton, das sind fast dreimal so viele wie 2009. Damit hat der Minihund mit den grossen Augen den Labrador verdrängt, der jahrelang unangefochten an der Spitze stand. Noch beeindruckender sind die Karrieren der Französischen Bulldogge, der Bolonka Zwetna und des Zwergspitz. Diese Rassen konnten jeweils um mehr als das Fünffache zulegen. Die Französische Bulldogge dürfte demnächst in die Top Fünf vorstossen. Vor acht Jahren lebten erst 246 dieser Tiere im Kanton, jetzt sind es fast 1400. Die Bolonka Zwetna, ein wuschliger Winzling mit grossen runden Augen, der ursprünglich aus Russland stammt, bringt es inzwischen auf Platz 9, ganz knapp hinter dem Mops. Vor acht Jahren gab es ganze 160 Bolonkas im Kanton, jetzt sind es 940.

Teils dramatisch verloren haben hingegen etliche traditionelle, grosse Hunderassen. Regelrecht nach hinten durchgereicht wurden der Golden Retriever, der von Platz 2 auf Platz 5 absackte, sowie der Deutsche Schäfer, einst der viertbeliebteste Rassehund. Heute liegt er mit etwa 1050 Tieren noch auf Rang 7 – und wird dort hart vom Mops und der Bolonka Zwetna bedrängt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Schäfer aus den Top Ten verschwindet. An Population eingebüsst haben beispielsweise auch der Boxer, fast alle Sennenhunderassen, der Dalmatiner und der Rottweiler. Halten konnten sich nur wenige grosse Rassen, allen voran der Labrador.

Und noch eine Hundekarriere fällt auf: jene des Miniatur Bullterriers. Sie ist besonders pikant, obwohl es von dieser Rasse erst 77 Exemplare im Kanton gibt. Denn dessen «grosser Bruder», der Bullterrier, gilt im Kanton Zürich als Kampfhund; Zucht, Haltung und Handel sind verboten. Der Miniatur Bullterrier aber, der gemäss Rassestandard nur 35 Zentimeter gross wird, gilt als kleinwüchsig. Das heisst, dass er ohne jede Ausbildung gehalten werden darf – das gilt selbst für Exemplare, die deutlich grösser werden als üblich. Schon mehrfach haben besorgte Bürger solche Hunde dem Veterinäramt als Kampfhunde gemeldet.

Lebendiges Accessoire

Warum aber sind kleine Hunde derart in Mode gekommen? Das Zürcher Hundegesetz dürfte kaum die alleinige Ursache sein; eher hat es eine bestehende Tendenz befeuert und verstärkt. Kantonstierärztin Vogel jedenfalls glaubt, dass ein grosser Teil des Anstiegs auf den gesellschaftlichen Wandel und die Veränderung der Bevölkerungsstruktur zurückzuführen ist. So wohnen mehr Menschen als früher allein oder zu zweit in städtischer Umgebung. Sie tendieren, wenn sie einen Hund kaufen, eher auf kleinwüchsige Tiere, zumal viele Vermieter keine grossen Hunde in ihren Liegenschaften tolerieren. Aber auch Familien leben vermehrt in Wohnungen ohne Garten oder in Einfamilienhäusern mit wenig Umschwung, wo sich ein kleiner Hund einfacher halten lässt.

Hinzu kommt, dass kleine Hunde in den letzten Jahren eine Art Kultstatus erlangt haben. Stars und Sternchen präsentieren ihre Tierchen als lebendes Accessoire und hippes Schosshündchen in den sozialen Medien. Und was angesagt ist, das wird gekauft.

Rattenjäger, nicht Schosshund

Zum Vorteil der Tiere ist das nicht unbedingt. Die Vorstellung, kleine Hunde seien weniger gefährlich als grosse, ist so weit verbreitet wie falsch. «Kleine Hunde beissen Menschen so oft wie grosse», sagt Kantonstierärztin Vogel. «Aber leider herrscht die irrige Meinung bei vielen Hundehaltenden vor, dass Kleinhunde wenig Erziehung zum sicheren Führen brauchen und generell wenig anspruchsvoll sind.» Nur zu oft erweist sich das als Irrtum. Denn viele Kleinhunderassen seien ursprünglich keineswegs Schosshunde, sondern Jagd- oder Wachhunde, wie Vogel erklärt. Das heisst, dass sie einen angeborenen Jagdtrieb haben, oft auch ein starkes Territorialverhalten.

Der Yorkshire Terrier etwa, in dessen langem Kopfhaar verliebte Besitzer gern ein rosa Mäschli platzieren, wurde einst gezüchtet, um die Behausungen armer Leute von Ratten freizuhalten. Das spiegelt sich in seinem Charakter: So niedlich er aussieht – der Yorkshire Terrier ist ein lebendiger Hund mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt, der zu Aggressivität neigt, wenn sein Besitzer nicht von Anfang an klarstellt, wer der Chef im Haus ist.

Auch die Französische Bulldogge ist ursprünglich ein klassischer Unterschicht-Hund, ein Arbeitstier, das als Rattenjäger gebraucht wurde, und um kleine Lasten zu tragen. Er braucht eine konsequente Erziehung und viel Bewegung, genau wie der Chihuahua, der von einem mexikanischen Wildhund abstammt und spät domestiziert wurde. Die Herkunft dieser Tiere schlägt bis heute durch: Ungeachtet ihrer geringen Grösse sind Chihuahuas flinke, selbstbewusste Tiere, die keine Scheu haben, auch einmal einen grösseren Artgenossen zu verbellen. Als Handtaschenhund sind die einstigen Wildhunde definitiv nicht geeignet. Nicht wenige Besitzer von Kleinhunden tragen diesen Eigenheiten kaum Rechnung; Fachleute sind sich einig, dass deren Tiere tendenziell schlechter erzogen sind und öfter Verhaltensstörungen zeigen.

Hündchen aus Qualzuchten

Der Kleinhunde-Boom hat eine weitere Schattenseite: Etliche Halter kaufen ihr Tier nicht bei einem seriösen Züchter, sondern zu einem Bruchteil der Kosten ohne grosse Abklärungen via Internet im Ausland. So sind beispielsweise vier von zehn Chihuahuas importiert. Nicht selten stammen die Tiere aus Qualzuchten, nicht wenige leiden an Infektionen oder sind derart überzüchtet, dass sie kein langes Leben haben.

Der Zürcher Kantonsrat hätte es in der Hand gehabt, hier zumindest ein bisschen Gegensteuer zu geben. Kürzlich hat er eine Änderung des Hundegesetzes beraten. Der Regierungsrat hatte vorgeschlagen, die Ausbildungspflicht zu vereinfachen, sie aber auf alle Hunderassen auszudehnen. Der Kantonsrat war anderer Meinung: Er hat sich im Januar dafür ausgesprochen, die Kurspflicht gänzlich abzuschaffen. Der definitive Entscheid fällt in den nächsten Wochen, er ist nur noch Formsache. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 19:06 Uhr

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