Der dichteste Wohnblock von Zürich

1184 Menschen pro Hektare Bauland: Dieser Rekord geht an ein neues Quartier im Norden der Stadt. Bewohner finden es dort alles andere als eng.

Das Haus am Dialogweg 11 gehört zur Genossenschaft «Mehr als Wohnen», die auf dem Hunziker-Areal auf Dichte gesetzt hat. Video: hub/TA

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Es gibt eine boshafte Pointe, die in Zürich kursiert: Da streiten Fachleute seit Jahren, wie man verdichtet bauen soll, ohne die Leute vor den Kopf zu stossen, dabei befindet sich die Lösung seit Jahrhunderten mitten im Zentrum. Das Niederdorf mit seinen eng stehenden Häuschen, den kleinen Grundrissen und schmalen Hinterhöfen sei das dichteste Stück Stadt – und ästhetisch unumstritten. So reizvoll diese Pointe ist: Sie stimmt höchstens zur Hälfte.

Achtet man darauf, welche Häuserblocks die höchste Einwohnerdichte haben, taucht nur einer aus dem Niederdorf auf den vorderen Rängen auf: das Geviert zwischen Zähringer und Hirschenplatz. Dort kommen auf jeden Bewohner 15 Quadratmeter Boden. Es gibt aber einen Ort in Zürich, der fast doppelt so dicht besiedelt ist, mit unter 9 Quadratmetern pro Kopf. Es handelt sich nicht um eine Hochhaussiedlung wie das Lochergut oder die Hardau, sondern um einen Neubau auf dem Hunziker-Areal im Norden der Stadt.

«Das ist wie eine Kathedrale – ich käme nie auf die Idee, dass dies der dichteste Block der Stadt ist.» Thomas Eggenberg, Bewohner

Einer seiner Bewohner ist Thomas Eggenberg, der zuvor viele Jahre in Japan verbracht hat und eine Vorstellung davon hat, wie eng Menschen aufeinander leben können. Was er in Zürich erlebt, hat damit wenig zu tun. Als er mit seiner dreiköpfigen Familie an den Dialogweg Nummer 11 zog, hat ihn das Raumgefühl in der 110-Quadratmeter-Wohnung mit den hohen Fenstern überwältigt: «Das ist wie eine Kathedrale – ich käme nie auf die Idee, dass dies der dichteste Block der Stadt ist.» Einzig die eher dunklen Treppenhäuser vermittelten ein Gefühl von Enge. Auch andere Gebäude auf dem Hunziker-Areal tauchen in der Rangliste der dichtesten Häuserblocks ganz vorne auf, und das ist kein Zufall. Die Idee, die dieses Quartier zusammenhält, ist: eine Wette auf die Dichte.

Die Super-WG ist weniger dicht

Die Stadt und die Zürcher Wohnbaugenossenschaft haben vor zehn Jahren die Genossenschaft «Mehr als Wohnen» gegründet, um gemeinsam Erkenntnisse aus einem Jahrhundert gemeinnützigem Wohnungsbau weiterzuentwickeln. Ein Leuchtturmprojekt sollte es werden. Der Masterplan fürs neue Stadtquartier versuchte das Kunststück, massige Gebäude unverschämt nah nebeneinander zu stellen, und trotzdem Licht in die Wohnungen zu bringen.

Überraschend ist, dass unter den insgesamt 13 Blocks genau jener die höchste Einwohnerdichte hat, in dem Eggenberg wohnt. Denn anderswo auf dem Areal wird mit neuen Wohnformen experimentiert. Zum Beispiel mit einer Art Super-WG, in der die aufs Nötigste reduzierten Privaträume wie Inselchen in einem Meer von Gemeinschaftsraum verteilt sind. Am Dialogweg 11 hingegen sehen die Wohnungsgrundrisse konventionell aus. Zudem scheint dieses Haus geradezu verschwenderisch mit Platz umzugehen. Die Architekten vom Zürcher Büro Müller Sigrist sind so etwas wie heimliche Stars der Szene. Sie haben in der Stadt schon andere auffallende Genossenschaftsbauten entworfen: die Kalkbreite oder die knallbunte Siedlung Frohheim in Affoltern mit ihren tanzenden Balkonen.

Intelligent verschachtelt

Auf dem Hunziker-Areal haben sie einen Bau realisiert, der von den Ecken her betrachtet fünf Geschosse zu haben scheint, in der Mitte aber zwei mehr. Das liegt daran, dass mehrere der normal hohen Wohnungen über einen fast vier Meter hohen Wohnraum verfügen. Das Ganze ist so intelligent verschachtelt, dass es nirgends eine Wohnung gibt, die sich nach unten erweitert, sodass man Treppen steigen müsste.

Die Farben zeigen an, welche Räume Teil der gleichen Wohnung sind. Grafik: Architekturbüro Müller Sigrist

Der Zürcher Dichterekord ist natürlich mit Vorsicht zu geniessen: Das statistische Amt des Kantons betrachtet als Häuserblock immer die Gesamtfläche zwischen Strassen und Wegen. Wenn da ein Grünraum dazugehört, sinkt der Wert naturgemäss. Ähnliches gilt für die eingangs erwähnten Hochhäuser, da diese Teil grösserer Komplexe sind. Der Bau auf dem Hunziker-Areal dagegen ist allseitig von Wegen umgeben. Überdies könnte die Einwohnerdichte in der notorisch familienarmen Altstadt höher sein, wenn das Preisniveau ein anderes wäre. Wenn das Niederdorf in Seebach läge.

So oder so sollte man aber nicht vergessen: In der berüchtigten Walled City von Hongkong lebten vor ihrem Abriss so viele Menschen, dass auf jeden weniger als ein Quadratmeter Boden kam – verglichen damit sind die 9 Quadratmeter in Zürichs dichtestem Winkel feudal.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Die weit über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2019, 14:06 Uhr

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