Der/die/das Problem

Im «Fall Wädenswil» fühlte sich eine ganze Gemeinde entmännlicht, weil eine Politikerin die Verfassung weiblicher machen wollte. Selbst das Ausland mischte sich ein.

Besuch von Journalisten aus Russland: Die SP-Politikerin Julia Gerber Rüegg sorgte 1993 mit ihrer Forderung auch für mediales Aufsehen.

Besuch von Journalisten aus Russland: Die SP-Politikerin Julia Gerber Rüegg sorgte 1993 mit ihrer Forderung auch für mediales Aufsehen. Bild: Reto Schneider

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Die Männer sind mitgemeint und ebenfalls angesprochen.»Vorgeschlagene Präambel für die neue Gemeindeordnung Wädenswils.

Ein Satz. Julia Gerber Rüegg stand an seinem Ursprung. Mann empörte sich, Mann ging an die Decke. Die Wädenswiler Männer nur mitgemeint? Das kam der Entmännlichung einer ganzen Gemeinde gleich.

Das war im Frühling 1993. Es war der Einsamkeit Julia Gerber Rüeggs auf dem Spielplatz geschuldet, dass sich die damals 36-jährige Wädenswiler SP-Gemeinderätin Gedanken zu machen begann. Darüber, weshalb die Politik derart männlich ist. Darüber, weshalb sie sich alleine fühlte, auf einem Spielplatz, umgeben von Frauen. Frauen, die abwinkten, wenn es um Politik ging, wenn es um politische Anliegen ging, für die sich Gerber Rüegg starkmachte, wenn sie die Unterstützung der anderen Mütter wenn nicht einforderte, dann doch wünschte.

Die Frauen waren ausgeschlossen

Offensichtlich, kam Julia Gerber Rüegg damals zum Schluss, fühlten sich diese Frauen nicht angesprochen. Mehr noch: ausgeschlossen. Die anstehende Revision der Wädenswiler Gemeindeordnung schien ihr geeignet, um Wädenswil weiblicher zu machen. Die Verfassung auf kommunaler Ebene, geht schliesslich alle etwas an. Also muss sie so formuliert sein, dass sich auch alle angesprochen fühlen.

Bald wurde aus der Sache ein Sprachproblem. Wädenswilerinnen und Wädenswiler? Wädenswiler/innen? Wädenswiler(innen)? Wädenswiler*innen?

Julia Gerber Rüegg gelangte mit ihrem Anliegen an die Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen des Kantons Zürich, die sagte ihr sogleich ihre Unterstützung für den Vorstoss zu. Bald wurde aus dem Inhalt, um den es Gerber Rüegg eigentlich ging, ein Sprachproblem. Wädenswilerinnen und Wädenswiler? Wädenswiler/innen? Wädenswiler(innen)? Wädenswiler*innen? Und die Zeit verging. Die vorberatende Kommission des Gemeinderats wägte die Vorschläge ab, richtig glücklich war niemand mit den vorgeschlagenen Lösungen. Aus dem bürgerlichen Lager kam da der Vorschlag einer Präambel: Die Frauen sind mitgemeint.

Mitmeinen als Höchststrafe

Diese Präambel wäre das Schlimmste gewesen, was aus Julia Gerber Rüeggs Vorstoss hätte werden können. Und zugleich war es die Lösung des Problems, die Zwischenlösung, als «Geste an die Frauen». Die Präambel gilt es umzukehren: «Männer sind mitgemeint.»

In der Ratssitzung am Montagabend wies Gerber Rüegg darauf hin, dass in der weiblichen Sprachform die männliche Bezeichnung bereits enthalten sei. «Der Antrag wurde mit grossem Mehr gutgeheissen», berichtete die NZZ, «Anhängerinnen – die Männer sind, wie wir nunmehr wissen, selbstverständlich ebenfalls mitgemeint – fand die neue Sprachregelung in allen Parteien.» Und so gelangte im September der Vorschlag einer Gemeindeordnung an die Urne, in dem lediglich von Amtsvorsteherinnen, Parlamentarierinnen und Gemeindepräsidentinnen die Rede war.

In Deutschland live vorgeführt

Bis dahin wurde dem Vorschlag unglaubliche Aufmerksamkeit zuteil, belastend sei es gewesen, sagt Julia Gerber Rüegg heute. Sie wurde angefeuert, angefeindet und in der Sendung «Schreinemakers live» geradezu «vorgeführt», wie sie sagt. Medien in Frankreich, Deutschland und Österreich berichteten über die Verweiblichung Wädenswils, Sprachwissenschaftler mischten sich ein, und später wurde «der Fall Wädenswil» vor Ort von einem japanischen Linguisten untersucht.

«Das Volk goutiert es nicht, wenn im Gesetz nur ein Geschlecht angesprochen wird.»Julia Gerber Rüegg

Die Wädenswiler, die wehrten sich am Ende «erfolgreich» gegen ihre Entmännlichung. 4191 zu 1836 wurde der Vorschlag versenkt. Gerber Rüegg war wenig überrascht und mit dem Resultat sogar zufrieden. Es ging um mehr als um ein Signal: «Das Volk goutiert es nicht, wenn im Gesetz nur ein Geschlecht angesprochen wird.»

Darum ist heute in der Wädenswiler Gemeindeordnung – wie in allen Gesetzen in der deutschsprachigen Schweiz – von «der Präsident/die Präsidentin» die Rede. Julia Gerber Rüegg denkt immer noch mit Freuden an den Sommer 1993 zurück, sieht aber weiterhin mit Skepsis auf die Lage der Frauen. Die streiken am Freitag für mehr Weiblichkeit, so wie sie vor 26 Jahren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.06.2019, 11:00 Uhr

Artikel zum Thema

Streiken Sie? Sagen Sie uns, warum!

Video Lohn, Familienzeit, Respekt: Was fordern Streikerinnen für mehr Gleichberechtigung? Mehr...

Der Streik muss wehtun, sonst nützt er nichts

Analyse Arbeitgeber bemühen sich, den Mitarbeiterinnen die Teilnahme am Frauenstreik zu ermöglichen. Sofern es den Betrieb nicht stört – dabei muss genau dies das Ziel des Streiks sein. Mehr...

«Grausam, wie wir die Väter in der Schweiz behandeln»

Interview Die Musikerin Sophie Hunger sieht im Frauenstreiktag ein wirksames Druckmittel. Gerade von den politischen Parteien fordert sie mehr Engagement. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

«Kaffee ist wie ein Gewürz»

Zum Abschluss eines guten Essens gehört ein Kaffee. Dieser kann aber auch eine raffinierte Zutat in schmackhaften Gerichten sein.

Blogs

Sweet Home Schweizer Gartenparadiese

Tingler Spuren des Fortschritts

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...