Der Doktor, dem die Kinder vertrauen

Georg Staubli leitet seit sieben Jahren die Notfallstation des Kinderspitals und neu auch die Kinderschutzgruppe. Er behandelt Herpes-Infekte, deckt Missbräuche auf und hintersinnt Werte.

Georg Staubli weiss, was Kinder am Krankenbett brauchen. Foto: Nicola Pitaro

Georg Staubli weiss, was Kinder am Krankenbett brauchen. Foto: Nicola Pitaro

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Jasmina klammert sich an den Hals ihres Vaters. Als Georg Staubli in seinem weissen Kittel den Raum betritt, beginnt die Einjährige zu weinen. Er lächelt sie an und begrüsst sie mit einer sanften Stimme. Ihr Weinen schlägt in Heulen um. Nun wendet sich der Kinderarzt den Eltern zu, fragt, seit wann die Tochter den Ausschlag habe. Er nimmt sachte die Hand von Jasmina, schaut sich die roten Stellen an. Sie kreischt. «O là là. Du bist gar nicht zufrieden», sagt er und greift zum Stethoskop. «Willst du mit mir telefonieren?» Jasmina will nicht und hält weitere Untersuchungen für eine Zumutung. Staubli diagnostiziert einen Herpes-Infekt und beruhigt die Eltern: «Jasmina sieht fit aus und kann sich noch kräftig wehren.»

Übergriffe aus Überforderung

Seit zehn Jahren arbeitet Georg Staubli auf dem Notfall, seit 2006 als Chef. Fast ebenso lang ist er Mitglied der Kinderschutzgruppe, neu leitet er diese, weil sein Vorgänger Ulrich Lips in Pension geht. Die beiden Funktionen passen zusammen: Auf dem Notfall kommen viele Missbrauchsfälle ans Tageslicht. Staubli gibt zwei Beispiele für die 444 Fälle, um die sich die Kinderschutzgruppe vergangenes Jahr gekümmert hat: Ein neunjähriger Bub kommt mit den Eltern auf den Notfall, weil er angeblich vom Velo gefallen sei. Er kann nicht schildern, wie es passiert ist. Die Striemen am Gesäss und die Blutergüsse an den Oberarmen passen nicht zum Sturz. Später stellt sich heraus, dass der Bub geschlagen wurde. Ein Säugling ist vom Wickeltisch gefallen und reagiert auf nichts mehr. Die Blutungen in der Netzhaut können jedoch nicht eine Folge des Sturzes sein. Das Kind wurde geschüttelt.

«Anfangs dachte ich nicht im Traum daran, jemand könnte einem Kind willentlich etwas antun», sagt Staubli. Mit der Zeit habe er gelernt, die Möglichkeit eines Missbrauchs in seine Erwägungen einzubeziehen. Viele der Fälle, die er miterlebt hat, hätten eines gemeinsam: «Die Übergriffe fanden statt, weil die Eltern überfordert waren und nicht aus bösem Willen.» Stelle man dies fest, vermittle man Hilfe aller Art. Bestehe der Verdacht, ein Kind sei zu Hause stark gefährdet, versuche man es zu schützen. Im schlimmsten Fall schaltet man die Behörden ein.

«Es geht im Dialog mit den Eltern nicht darum, wer recht hat, sondern darum, eine gemeinsame Einschätzung zu finden», erklärt Georg Staubli.

Die Ausgangslage sei schwierig: «Entweder handeln wir zu früh oder zu spät.» Um dem Wohl des Kindes dennoch möglichst gerecht zu werden, diskutiere man alle Fälle im Team. An Spitzentagen betreut er mit seinem Team bis zu 180 kleine Patienten. Leitet er eine Schicht, ist er Ansprechperson für fünf Assistenzärzte, einen erfahreneren Arzt und vier oder fünf Pflegende. Er nimmt übers Telefon Anmeldungen entgegen, entscheidet, welches Kind zuerst behandelt werden muss, und organisiert den Schockraum, falls sich die Rega anmeldet. Er schreibt Berichte, wägt Kinder, misst ihnen Fieber.

Er reisse nicht die spannendsten Jobs an sich, sondern packe überall mit an, sagt Maria Völkin, Leiterin Pflege auf dem Notfall. «Er hat keinen hierarchischen Dünkel. Es ist ihm wurst, ob jemand Arzt, Sekretär oder Putzhilfe ist.»

Es war auch nie seine Absicht, Chef zu werden, erzählt er in seinem kleinen Büro im alten Trakt des Kinderspitals, wo früher Patientenbetten standen. Da er immer schon gern handwerklich gearbeitet hatte, bildete er sich erst in der Chirurgie für Erwachsene und später auch in derjenigen für Kinder weiter. Als er noch Assistenzarzt im Kinderspital war, musste jeder auch Notfalldienste übernehmen. Staubli schiente Brüche, behandelte Hirnhautentzündungen. Die Vielseitigkeit des Jobs gefiel ihm. «Hat man einmal mit Kindern gearbeitet, kann man nicht mehr wechseln.»

Einer, der sich Zeit nimmt

Gelinge es, das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen, sei das sehr schön. Nur wenn er sich auch voll und ganz auf ein Kind einlasse, klappe das. Muss er nach fünf Minuten an eine Sitzung hetzen, schaut er sich kein Kind mehr an. Denn die Kinder spürten, dass man nicht richtig präsent sei, und liessen sich nicht untersuchen. «Kinder sind die Ersten, die merken, wenn man es nicht ehrlich meint», sagt der 47-Jährige, der selbst kinderlos ist. Als Assistenzarzt hatte Staubli viele schlaflose Nächte, weil er unsicher war, ob er in der Hektik die richtige Entscheidung getroffen hatte. Oft rief er die Eltern am folgenden Tag an und erkundigte sich nach ihrem Kind. «So lernte ich, meine eigene Einschätzung zu beurteilen.»

Zeit für grundsätzliche Fragen findet Staubli im Ethik-Forum, dem er vorsitzt. Zum einen gehe es dort darum, die eigenen Werte zu hinterfragen. Welche Eingriffe sind sinnvoll? Welche zwingend? Wann muss man ein Kind sterben lassen können? Auch im Gespräch mit den Eltern versucht Staubli, seine Position möglichst gut und ehrlich zu begründen. «Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern darum, eine gemeinsame Entscheidung zu treffen.» Um nach langen Tagen abzuschalten, tanzt Staubli seit 25 Jahren in einer Showgruppe Rock ’n’ Roll.

Lips: «Mein idealer Nachfolger»

Wer im Kinderspital mit Georg Staubli zusammenarbeitet, äussert sich positiv. Ulrich Lips hält ihn für seinen perfekten Nachfolger: «Er ist entschlussfreudig und getraut sich zu sagen, was Sache ist.» Seine Direktheit wird auch im Team geschätzt. «Er kann sagen: Wer das so macht, ist ein Tubel, ohne dass es wehtut», sagt Völkin. «Er bewahrt die Ruhe, hat Humor, kritisiert konstruktiv und steht auch zu seinen Fehlern», sagt seine Stellvertreterin Eva Berger.

Das Wohl des Kindes beschäftigt Georg Staubli auch im Kleinen: Um die Wartezeiten für Kinder im Notfall zu verkürzen, hat er vor zwei Jahren für Bagatellfälle eine Notfallpraxis aufgebaut. Um Kinder vor Eingriffen abzulenken, hat er DVD-Player anschaffen lassen. Um Schmerzen eines Kindes zu lindern, widersetzt er sich immer wieder einmal anderen Ärzten im Haus, die dem Kind vor einer Operation kein Schmerzmittel geben möchten. «Wer ein Kind unnötig in den Finger stechen will, mit dem schimpft er», sagt Maria Völkin.

Erstellt: 16.09.2013, 10:02 Uhr

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