Der Druck der «Generation Greta» wirkt

Im Nationalrat erzielen Zürcher Grüne und Grünliberale einen Erdrutschsieg. Die Delegation wird jünger und weiblicher.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Zürcherinnen und Zürcher haben gesprochen: Sie wollen eine aggressivere Klimapolitik. Die Spannung, die sich über das ganze Jahr hinweg aufgebaut hat, geprägt von Demos und Streiks, die Zehntausende Menschen auf die Strassen getrieben haben, von gehässigen Debatten über die Frage, ob denn die Miniklimasünderin Schweiz gegen globale Dreckschleudern überhaupt etwas tun könne, hat sich am Sonntag entladen.

Der Druck der «Generation Greta» hat gewirkt.

Sieger der gestrigen Wahlen sind die beiden Parteien mit Grün im Namen. Die Grünen erobern im Kanton Zürich fünf Sitze (plus drei), die Grünliberalen gar deren sechs (ebenfalls plus drei). Die beiden Parteien ziehen punkto Wahlanteile an der FDP (gleichleibend fünf Sitze) vorbei und sind neu nach SVP und SP dritt- und viertstärkste Kraft. Die SVP verliert zwei Sitze (neu zehn), die SP ebenfalls (neu sieben), die CVP und die BDP je einen. Zusammen mit den sieben Sitzen der SP haben die Umweltparteien nun eine Mehrheit in der 35-köpfigen Zürcher Delegation des Nationalrats.

Die grüne Druckwelle fegte durch den ganzen Kanton. Man sieht ihre Spuren auf dem Land, zum Beispiel in einer Weinlandgemeinde wie Dachsen, wo Grüne und Grünliberale zusammen 14 Prozent zulegten. Man sieht sie aber auch in der Agglomeration (Dietlikon: plus 10 Prozent), oder in der Zürcher Innenstadt (Kreis 1 und 2: Plus 17 Prozent).

Jünger, weiblicher

Die Zürcher Delegation wird aber nicht nur grüner, sie wird auch weiblicher: Der Frauenanteil steigt von 11 auf 16, von 31 auf 46 Prozent. Und sie wird jünger: Das Durchschnittsalter sinkt von 51 auf 47 Jahre.

Einmal mehr zeigt sich aber, dass im Ständerat andere Regeln gelten.

Am stärksten fällt das bei den Grünliberalen auf, die eine neue Generation von Politikern aufgestellt haben. Das alte Gesicht der Partei, der 55-jährige Martin Bäumle, ist am Sonntag im Wahlzentrum nirgends zu sehen. Stattdessen erklären die neuen Aushängeschilder Corina Gredig, 32-jährig, und Nicola Forster, 34-jährig, Mal um Mal, woher denn nun all die Neustimmen kommen (Forster: «Von überall her»). Die Grünliberalen haben sich in Zürich eine Machtbastion errichtet, die weit über ihren nationalen Einfluss hinausgeht (im Nationalrat erreicht die GLP deutlich unter 10 Prozent).

Jositschs Rekord

Einmal mehr zeigt sich aber, dass im Ständerat andere Regeln gelten. Dort hilft der grüne Druck den beiden jungen Kandidatinnen Marionna Schlatter und Tiana Angelina Moser im Kampf gegen die arrivierten und beliebten Politschwergewichte Daniel Jositsch und Ruedi Noser nur bedingt. Rechtsprofessor Jositsch erzielt rekordverdächtige 216'679 Stimmen. Damit übertrifft er gar das Ergebnis der LdU-Politikerin Monika Weber aus dem Jahr 1991 – und enteilt allen Konkurrenten. Tiana Angelina Moser, die grünliberale Fraktionschefin, schneidet mit 80'450 Stimmen enttäuschend ab. Sie hat mehr als 15'000 Stimmen Rückstand auf Marionna Schlatter, die 95'142 Stimmen erzielt und damit Roger Köppel nahe kommt (107 528 Stimmen), dessen Ich-gegen-alle-Wahlkampf trotz maximalem Einsatz nicht richtig zünden wollte.

Besser sieht es für den 58-jährigen FDP-Mann Ruedi Noser aus, der mit 141700 Stimmen zumindest in die Nähe des absoluten Mehrs kommt – und im zweiten Wahlgang die besten Aussichten hat. Wenn Grün-Grünliberal am 17. November auch eine Chance haben will, dann müssen sich die beiden Parteien auf eine Kandidatin einigen. Wobei Marionna Schlatter zwar inhaltlich mehr polarisieren dürfte, gleichzeitig die Wählerinnen und Wähler aber offenkundig stärker begeistert.

Naef und Zanetti abgewählt

Die grossen Verlierer des Tages sind SP und SVP, die beide rund 4 Prozent an Wahlanteilen abgeben und Exponenten wie Martin Naef, Thomas Hardegger oder Claudio Zanetti aus ihren Delegationen verabschieden müssen. Vor allem aber ist die politische Deutungshoheit weg – den Polparteien ist es nicht gelungen, dem Klimathema eigene Ideen entgegenzusetzen. Insbesondere die SVP, die früher so gezielt Provokationen platzierte und jede Debatte kapern konnte, wirkte strategisch wie ein Schatten ihrer selbst.

Die Frage ist nun, wie der neue grüne Block seine Macht ausspielt. Einer von denen, die das tun werden, steht am Sonntag etwas abseits vom Getümmel im Wahlzentrum und schaut auf die farbigen Balken, die ein Beamer an die Wand wirft. Der 33-jährige Baudirektor Martin Neukom schmunzelt, als die grün-grünliberalen Sitzgewinne aufploppen. Er weiss: Die neuen Köpfe werden ihm von Bern aus helfen. Neukom zählt auf, wo er auf Schub hofft: beim CO2-Gesetz. In der Verkehrspolitik, zum Beispiel bei einem möglichen Verbot für Autos mit mehr als vier Liter Hubraum. Bei Gebäudeheizungen, Isolationen, energiesparenden Bauten.

Es gebe viel zu tun, meint Neukom. Aber jetzt gehe er erstmal feiern.

Erstellt: 20.10.2019, 22:32 Uhr

Artikel zum Thema

So hat Zürich gewählt

Wo hat Roger Köppel gewonnen? Welche Nationalräte sind neu dabei, welche wurden abgewählt? War es eine Frauenwahl? Die Antworten. Mehr...

Zürich: Der grüne Doppelsieg ist Tatsache

Das Schlussresultat aus Zürich ist da. Grüne und Grünliberale gewinnen je drei Nationalratssitze hinzu. SP und SVP tauchen. Mehr...

Zweiter Wahlgang um Zürcher Ständeratssitz: Die Szenarien

Daniel Jositsch ist gewählt, Ruedi Noser muss am 17. November noch einmal ran – gegen Roger Köppel und wen noch? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Grosser Sammelspass für die ganze Familie

Perfekt für kalte Wintertage: Bei jedem Einkauf Marken sammeln und gegen exklusive «Disney Winterzauber»-Prämien von Coop eintauschen!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...