Der Efeu drang einen Meter tief ins Haus

Dieses Gebäude in Herrliberg war bis vor wenigen Jahren ein richtiges Dornröschenschloss. Es zu befreien, war schwieriger als gedacht.

Aufwändig renoviert: Das Haus zur «Gilge» in Herrliberg stammt aus dem 16. Jahrhundert. Bild: Sabina Bobst

Aufwändig renoviert: Das Haus zur «Gilge» in Herrliberg stammt aus dem 16. Jahrhundert. Bild: Sabina Bobst

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Die von Wurzeln durchdrungene Tempelanlage von Angkor Wat in Kambodscha kam Claudia Spalinger in den Sinn, als sie ihr neu erworbenes Haus in Herrliberg mit Freunden aus dem Blattwerk befreite. Eibe, Holunder, Schneeball, meterhoher Hartriegel verdeckten den Blick auf die Fassade. Efeu wucherte, Ranken dick wie Unterarme hatten sich durch die Mauerritzen ins Innere gezwängt.

Einen Meter tief, so weit wie Licht eindrang, wuchs das Grün im Haus. Spalinger konnte nicht glauben, was sie hier, an der reichen Goldküste antraf. Erst jetzt, mit drei Jahren Abstand, denkt Spalinger an ein Schloss, wenn sie sich ihr neues Heim ansieht, an ein Dornröschenschloss.

Ein Schandfleck mit Geschichte

Spalinger ist keine Prinzessin, auch nicht Spross eines altehrwürdigen Goldküsten-Geschlechts. Sie kam sozusagen als Magd ins Haus zur Lilie: Die Immobilienmaklerin aus dem Aargau sollte den «Schandfleck» im Auftrag der Nachbarin erwerben, diese war gerade dabei, die 1822 erbaute «Treu» zu restaurieren. Jetzt störte sie sich an der Ruine nebenan. Spalinger knüpfte Kontakte mit den Besitzern, meldete für ihre Aufttraggeberin Kaufinteressen an. Doch als die Zeit reif war, hatte diese genug vom Sanieren denkmalgeschützter Liegenschaften. Es hätte Spalinger eine Warnung sein können, doch nach einigem Zögern griff sie zu.

Der «Schandfleck», von Efeu überwachsen und von Büschen umstellt, war der Nachbarin ein Dorn im Auge. (Bild: PD)

Ein Schloss ist es nicht, das Haus zur Lilie oder «Gilge» wie man sagte, aber es war für die Herrliberger einst mindestens so wichtig: ein «mächtiges Gebäude», vermerkt die Ortschronik, mit hohem Kellergeschoss und drei Hauptgeschossen. Im 16. Jahrhundert erbaut, war die Gilge über Jahre der Herrliberger Amtssitz. Und eines von zwei konkurrierenden Wirtshäusern im Ort, beide an der Herrliberger Haab gelegen. An der Anlegestelle für Waidlinge, von wo aus im Mittelalter Menschen und Güter über den See verschifft wurden.

Nicht Gold, aber wertvolles Salz lagerte im Keller des Hauses. Dem Lilienwirt stand als Einzigem im Ort die Befugsame zu, es auszumessen – ein Recht, vom Zürcher Rat gewährt. Denn die Lilie lag am Handels- und Pilgerweg Richtung Einsiedeln. Von Süddeutschland kamen Salz und weitere Güter an den Zürichsee und die frommen Wanderer auf ihrer Reise.

Der Fluch der Eisenbahn

Auch ein König logierte einst hier, oder fast: 1676 kaufte für 4270 Gulden der Küsnachter Obervogt und Zürcher Zunftmeister zur Meisen, Hans Heinrich Denzler, die Liegenschaft. Dem Zürcher Goldschmied lag viel am Gasthaus und Landwirtschaftsbetrieb, er brachte beides in Schuss, legte Wege und einen Garten an.

Obwohl die Bedeutung der Haab als Umschlagplatz mit dem Bau der Seestrasse 1836 abnahm, erlebte das Haus zur Lilie während der Rebbauhochkonjunktur im 19. Jahrhundert eine weitere Blüte: Als Sitz der zweihundertjährigen Weinbauerndynastie der Hottinger.

Eine eifersüchtige Hexe war es, die das Dornröschenschloss im Märchen in einen hundertjährigen Schlaf zauberte. Als Fluch für das Haus zur Lilie stellte sich der Bau der Eisenbahnlinie heraus: Mitten durch die sanften Rebhügel, die das Gut damals umgaben, trieben die Bahningenieure den hohen Eisenbahndamm. Für die Weinbauern wurde der Weg in ihre zerteilten Weinberge plötzlich steil und beschwerlich. Die Hottinger konnten die Lilie bald nicht mehr halten. Bevor das stattliche Haus hinter rankendem Grün in Vergessenheit geriet, wurde es als Altersheim genutzt.

Es wurde viel teurer als gedacht

Eng begleitet von der Kantonalen Denkmalpflege haben Spalinger und ihr Partner die Lilie ans Licht zurückgeholt, ihre eigene und drei weitere Wohnungen im ehemaligen Wirtshaus untergebracht. Es hat sie Kraft gekostet, drei Jahre und dreimal so viel Geld wie gedacht: weil der Dachstock nicht hielt, weil der Efeu einen Teil zerstört hat, weil im Treppenhaus und in den Zimmern Decken- und Wandmalereien zum Vorschein kamen, an die man sich erst gewöhnen musste. Trotzdem: «Es hat sich gelohnt; mit dem Haus habe ich mir einen Traum erfüllt», sagt Spalinger. Andere in ihrem Alter hätten Kinder, sie dieses historische Haus. Und ehrlich gesagt: Wer kann schon als Gesellschaftspiel mit seinen Freunden im Wohnzimmer Sinnsprüche aus dem Mittelalter entziffern? Dieses Märchen hat ein Happy End.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Die weit über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 15.01.2019, 16:01 Uhr

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