Der Flugplatz neben dem Naturidyll

Sie sind ein Auenschutzgebiet von nationaler Bedeutung: die Thurauen bei Flaach im Zürcher Weinland. Am gegenüberliegenden Rheinufer hätte es auch anders kommen können.

Wären die Pläne aus den 60er-Jahren umgesetzt worden, befände sich auf der Schaffhauser Seite des Rheins kein Schutzgebiet. Foto: René Ruis

Wären die Pläne aus den 60er-Jahren umgesetzt worden, befände sich auf der Schaffhauser Seite des Rheins kein Schutzgebiet. Foto: René Ruis

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Es ist ruhiger geworden im Naturzentrum Thurauen. Während in der Sommersaison zahlreiche Besucher im Gebiet zwischen Thurmündung und Rhein unterwegs sind, herrscht jetzt deutlich weniger Betrieb. Doch auch in der kalten Jahreszeit bietet die spezielle Landschaft für Wanderer und Naturliebhaber ihre Reize. So lassen sich viele Tierspuren erkennen oder Wasservögel beobachten.

Mit einer Fläche von fast 400 Hektaren sind die Thurauen zwischen Flaach, Ellikon am Rhein und Rüdlingen SH die grösste Auenlandschaft im Schweizer Mittelland, ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung und ein Vorzeigeprojekt des Zürcher Naturschutzes. Durch die Renaturierung der Thur entstand Lebensraum für viele seltene Tiere und Pflanzen.

Weniger bekannt ist, dass es in den 60er-Jahren unmittelbar neben dem Naturidyll Pläne gab, die der Entwicklung in dem Gebiet eine ganz andere Richtung hätten geben können. Aus heutiger Sicht mag es fast surreal anmuten, aber damals waren auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins bei Rüdlingen eine Ferienhaussiedlung und ein Flugplatz geplant.

«Verrückt geworden?»

«Zum Glück aus heutiger Sicht wurde dieses Projekt nicht realisiert», sagt Ruedi Wäffler aus Rüdlingen, der kürzlich in der «Andelfinger Zeitung» über die speziellen Pläne berichtete. Auch viele Bauern des Dorfes hätten sich damals gefragt: «Seid ihr verrückt geworden?»

Die Ferienhaussiedlung wäre neben dem alten Rheinlauf mit seinen Inseln zu stehen gekommen, der Flugplatz etwas weiter flussabwärts, in der Nähe des Schiessstandes Rüdlingen. Spuren der geplanten Ferienhaussiedlung sind laut Wäffler bis heute vorhanden: zwei Ferienhäuschen, die in einem Wäldchen nahe dem Rheinufer bereits gebaut wurden, als eine Art «Probestück».

Alfred Sieber, der ehemalige Rüdlinger Gemeindepräsident, erinnert sich ebenfalls an die kühnen Pläne am Rheinufer. «Die Ferienhauszone hatte aber nichts mit dem Kleinflugplatz zu tun», stellt er klar. Die Pläne für eine Ferienhaussiedlung seien bereits im Zusammenhang mit der Güterzusammenlegung in den Jahren 1962/63 aktuell geworden. Damals wurde in dem Gebiet eine Ferienhäuserzone ausgeschieden. Diese erstreckte sich über rund 10'000 Quadratmeter, was bei einer Parzellengrösse von 600 Quadratmetern rund 15 Ferienhäuser möglich gemacht hätte.

In der Nähe: Die Erb-Villa

Laut Sieber wurde jedoch weder ein Parzellierung noch eine Erschliessung vorgenommen. Mit der wenig später einsetzenden Verschärfung der Umweltvorschriften und der Aufnahme des Gebiets ins Bundesinventar für geschützte Naturlandschaften wurde die Rüdlinger Ferienhauszone wieder aufgehoben. Zur Auszonung beigetragen hätten auch die hohen Kosten für die Erschliessung mit Wasser, Abwasser und Strom.

Hinter den Plänen für den Kleinflugplatz stand in den 1960er-Jahren ein Arzt, der in Zürich eine gut gehende Praxis führte. Von seinen Eltern, die aus Rüdlingen stammten, hatte er nahe des Rheinufers ein Wohnhaus übernehmen können, das er als Feriendomizil nutzte. Ganz in der Nähe befindet sich heute übrigens die Villa von Christian Erb, dem Bruder des 2017 verstorbenen Unternehmers und Pleitiers Rolf Erb. Bekanntheit erlangte dieses Anwesen, als Christian Erb in den 1980er-Jahren jeweils Spitzenleichtathleten aus aller Welt dorthin einlud, die an den Werfer-Meetings «Weltklasse am Rhein» in Rüdlingen im Einsatz standen.

Leidenschaftlicher Flieger

Der Zürcher Arzt war ein leidenschaftlicher Flieger und besass ein eigenes Sportflugzeug, wie Sieber berichtet. «An seinen Freitagen flog er öfters über Rüdlingen und kreiste über seinem Haus am Rheinufer.» So sei dem Arzt offenbar die Idee gekommen, neben seiner Liegenschaft einen Flugplatz zu bauen. Vor­gesehen war eine Landebahn von rund 300 Meter Länge. Das gesamte Grundstück umfasste 340 Aren, was knapp fünf Fussballfeldern entspricht.

Um über genügend Land für sein Flugplatzvorhaben zu verfügen, kaufte der vermögende Privatmann vor der Güterzusammenlegung noch weitere Grundstücke in dem Gebiet am Rhein dazu. «Seine Rechnung ging zwar auf, aber sie hatte einen Haken», sagt Sieber. Durch das Land verlief eine EKZ-Stromleitung, die vom Kraftwerk Eglisau ins Flaachtal führte. «Diese Leitung hätte in den Boden verlegt werden müssen, was sehr hohe Kosten verursacht hätte. Daran ist das Projekt letztlich gescheitert», so Sieber.

Nach dem Tod des Arztes wollten seine Söhne das Grundstück Anfang der 1980er-Jahre verkaufen. «Da das Land nach der Güterzusammenlegung nicht zerstückelt werden durfte und es deshalb für einen einzelnen Landwirt eine zu grosse Investition gewesen wäre, beantragte ich dem Gemeinderat, das Areal für die Gemeinde zu erwerben, damit es der Landwirtschaft erhalten bleibt und nicht plötzlich gewerblich genutzt würde», erzählt Sieber.

Der Rüdlinger Gemeinderat war einverstanden, die Kaufverhandlungen verliefen erfolgreich, und im Juli 1981 genehmigte die Gemeindeversammlung den Landerwerb. Heute befindet sich das Gebiet in der Landwirtschaftszone, der Bau von Ferienhäusern ist nicht mehr möglich.

«Froh, dass es anders kam»

Doch war es richtig, dass das Ferienhaus- und Flugplatzprojekt nicht realisiert wurde? Oder hat das damalige Bauerndorf eine Chance zum Aufschwung verpasst? Wäre es zur bedeutenden Tourismusdestination am Rhein und zu einem Magnet für potente Steuerzahler geworden?

«Rüdlingen ist heute auch ohne Landebahn und Ferienhauszone eine Tourismusdestination», gibt Sieber zu bedenken. An schönen Frühlings-, Sommer- und Herbsttagen werde der Ort von Wanderern und Badegästen geradezu überschwemmt, die Parkplätze seien jeweils überfüllt.

Auch der jetzige Gemeindepräsident Martin Kern ist froh, dass keine Ferienhaussiedlung samt Flugplatz gebaut wurde und Rüdlingen heute mit seinen Schutzgebieten und dem intakten Rheinufer punkten kann. «Die vielen Wander- und Badegäste sind eine bessere Option als eine Ferienhaussiedlung mit vielen schlecht genutzten Wohneinheiten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 20:48 Uhr

Als Zürich ein Stück Schaffhausen kaufte

Die Thurauen gelten als Vorzeigeobjekt des Zürcher Naturschutzes. Dabei gehörte das Gebiet, auf dem heute das Naturzentrum steht, einst zum Kanton Schaffhausen. Erst vor rund 100 Jahren hat der Kanton Zürich die Stäubisallmend im Rahmen einer Grenzbereinigung dem Nachbarkanton abgekauft. Bis dahin war das rund 7,5 Hektaren grosse Gebiet ein Unikum auf der Landkarte: Es lag zwar auf der Zürcher Seite des Rheins, gehörte aber zu Rüdlingen SH. Dies hing damit zusammen, dass der Rhein vor der Flusskorrektion Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder auf der Rüdlinger Seite Land abschwemmte und auf der Zürcher Seite wieder anschwemmte. So kam es zur Übereinkunft, dass das auf der rechten Rheinseite weggeschwemmte Land auf der andern Flussseite kompensiert wurde, wie es in der Rüdlinger Lokalchronik heisst.

Hinzu kam ein uralter Grenzstreit zwischen Zürich und Schaffhausen. Zürich pochte darauf, dass ihm aufgrund alter Rechtstitel zwischen Rüdlingen und Eglisau die Hoheit über die ganze Flussbreite zustehe. Als es Ende des 19. Jahrhunderts um den Bau des Kraftwerks Eglisau ging, kochte der Uraltstreit wieder hoch. Schliesslich landete der Fall vor dem Bundesgericht. Dieses hielt 1907 fest, dass die Hoheitsgrenze in der Flussmitte verlaufe. Im Zuge dieses Urteils kam es zur Grenzbereinigung. 1909 schlossen der Kanton Zürich und Rüdlingen den Kaufvertrag ab. Die Stäubisallmend ging für 10 000 Franken an den Kanton Zürich. Heute erinnert bloss noch ein alter Grenzstein an den ehemaligen Schaffhauser Besitz auf der Zürcher Rheinseite. (mth)

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