Der Freitag ist unser liebster Freitag

Zehntausende Teilzeitangestellte machen am Freitag frei. Sie verlängern ihr Wochenende und stellen damit Betriebe vor Probleme. Das hat Folgen für Alltag und Gesellschaft.

Zeichnung: Felix Schaad

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Die Sache mit dem Freitag. Sie ist ein Dauerbrenner unter den Angestellten des mittelgrossen Zürcher Unternehmens. Wer darf diesmal freimachen, wer nicht? Weil viele Teilzeitangestellte besonders gern am Freitag freinehmen, um von einem verlängerten Wochenende zu profitieren, droht an diesem Tag immer mal wieder der Büroleerstand. Die verbliebenen «letzten Mohikaner» müssen dann selber schauen, wie sie die anfallende Arbeit mit reduzierter Belegschaft bewältigen.

Verwaiste Büros, keine Warteschlangen im Personalrestaurant, freie Sitze in Trams und S-Bahnen: Der «blaue Freitag» – andere sprechen bereits vom neuen Samstag – ist ein Phänomen der immer stärker verbreiteten Teilzeitarbeit. Der Anteil an Teilzeiterwerbstätigen ist in der Schweiz auf 36 Prozent gestiegen. Umgekehrt herrscht an Freitagen etwa in Szenecafés, aber auch auf Spielplätzen oder in Schwimmbädern auffallend reger Betrieb – weil viele Teilzeit arbeitende Väter dann mit ihren Kindern dort auftauchen.

Lockruf des Wochenendes

Eine Umfrage bei grossen Betrieben in Zürich zeigt: Drohende Personalengpässe wegen gehäufter Teilzeitabsenzen am Freitag sind in vielen Büros ein Thema und stellen Personalverantwortliche vor Herausforderungen. Bei der Zurich-Versicherung etwa arbeiten an Freitagen «durchschnittlich fast 20 Prozent weniger Mitarbeitende in den Büros», wie Sprecherin Nathalie Vidal sagt. Viele, die am Freitag nicht im Büro sind, beziehen dann entweder den freien Tag ihres Teilzeitpensums, oder sie arbeiten von zu Hause aus. Um Probleme zu vermeiden, brauche es zwingend Absprachen im Team, sagt Vidal.

Infografik: Wo die Schweizer Arbeitnehmer arbeiten

Bei der Krankenkasse Helsana arbeiten am Freitag rund 10 bis 15 Prozent weniger Mitarbeitende in den Büros als an anderen Wochentagen, wie Sprecher Stefan Heini sagt. Die Dienstleistungen seien aber auch am Freitag gewährleistet. Die Teams müssten dafür sorgen, dass Aufgaben trotz Absenzen erfüllt würden und Stellvertretungen gut gelöst seien.

Beim Migros Genossenschaftsbund haben sogar rund 40 Prozent der Teilzeitmitarbeitenden am Freitag frei, 25 Prozent sind es am Mittwoch. «Der Freitag ist beliebt, weil so vom verlängerten Wochenende profitiert werden kann», sagt Sprecherin Martina Bosshard. Ideal sei dieser Tag auch, wenn Mitarbeitende lange Arbeitswege haben.

270'000 Personen weniger

Auch bei Siemens Schweiz nehmen Teilzeitangestellte «sehr häufig am Montag oder Freitag frei, um von einem längeren Wochenende profitieren zu können», wie Sprecher Eray Müller sagt. Und Swisscom-Sprecherin Annina Merk erklärt: «Der Freitag ist für Teilzeitar­beitende interessant, da es ein Randtag ist und am Freitag oft auch weniger Sitzungen stattfinden.»

Dass Büros am Freitag teilweise leer sind, hängt nebst der Vorliebe vieler Teilzeitarbeiter für den Freitag auch mit dem immer stärker verbreiteten Home­office zusammen. Dies sagt Michael Grampp, Chefökonom beim Beratungsunternehmen Deloitte in der Schweiz. Gemäss einer repräsentativen Umfrage unter 1000 in der Schweiz wohnhaften Personen im erwerbsfähigen Alter arbeiten 28Prozent mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus, wobei der Freitag der bevorzugte Homeoffice-Tag ist.

Zwischen Montag und Mittwoch liegt der Anteil jener, die im Büro des Arbeitgebers arbeiten, bei 69 Prozent. Am Donnerstag sinkt er auf 67 Prozent, am Freitag gar auf 62 Prozent. Rechnet man diese Zahlen hoch auf die 3,8 Millionen Arbeitnehmer in der Schweiz, entspricht die Differenz von 7 Prozent zwischen Montag und Freitag rund 270'000 Personen. «Angesichts dieser beachtlichen Zahl verwundert es nicht, dass manche Züge und Büros an Freitagen merklich weniger voll sind», so Grampp.

Heute lässt man sich in Ruhe

Die Soziologin Katja Rost von der Universität Zürich bringt die vielen teilzeitbedingten Freitagsabsenzen mit dem «Casual Friday» in Verbindung. Der «lockere Freitag», an dem statt der sonst üblichen Geschäftskleidung legere Freizeitkleidung getragen wird, sei nicht nur bei grossen Beratungsfirmen wie McKinsey, sondern auch sonst in der Wirtschaftswelt weit verbreitet – «bis hinauf in die Chefetagen».

An Freitagen gilt eine «kleine Schonzeit», wie Rost sagt. «Leben und leben lassen», laute an diesem «geschützten Tag» die Devise in vielen Betrieben. Die stillschweigende Vereinbarung, dass man sich am Freitag eher in Ruhe lässt, halte sich in weiten Teilen der Wirtschaftswelt erstaunlich hartnäckig. Vielerorts laufe am Freitag zwar noch die Tagesroutine, aber es würden keine entscheidenden Neuerungen in Angriff genommen. «Der CEO lässt keine Strategiesitzung einberufen, und man erfrecht sich nicht, ein nicht wirklich unbedingt nötiges Mail am Freitag zu versenden.» Laut Rost gibt es eine «soziale Norm», dass man das nicht tut. Diese Norm halte sich – trotz steigenden Drucks in der Arbeitswelt und des Trends zur Dauererreichbarkeit.

Damit lebt an Freitagen die alte Tradition des blauen Montags weiter. Seit dem 14. Jahrhundert machten Handwerker in Europa häufig am Montag blau oder arbeiteten nur mit halber Kraft. Das sorgte immer wieder für heftige Auseinandersetzungen. Historiker deuteten den blauen Montag auch als eine Form des Widerstands gegen die industrielle Arbeitszeitdisziplinierung.

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der teilzeitbedingten Freitagsabsenzen hält Soziologin Katja Rost für verkraftbar. Es sei mit Blick auf die Koordination und Produktivität besser, wenn alle Unternehmen am gleichen Tag reduziert arbeiten, dafür aber jeweils von Montag bis Donnerstag voll präsent seien. So entstünden weniger Ausfälle.

Infrastruktur effizienter nutzen

Reto Föllmi, Wirtschaftsprofessor an der Uni St.Gallen, beurteilt die Auswirkungen des Freitagsphänomens etwas kritischer. «Es macht wenig Sinn, wenn die Büros an vier Tagen voll sind, am Freitag dagegen leerstehen.» Die möglichen Effizienzgewinne von Homeoffice und Teilzeitarbeit durch eine bessere Ausnützung der Büro- und Verkehrsinfrastruktur seien noch zu wenig genutzt. Laut Föllmi sollten Firmen aus eigenem Interesse schauen, dass die Angestellten ihre teilzeitbedingten Freitage gleichmässig über die Woche verteilen. Dazu könnten sie Anreize schaffen, etwa indem eine Stunde gutgeschrieben erhalte, wer am eher unpopulären Dienstag freinehme.

Übrigens: Im anfangs erwähnten mittelgrossen Unternehmen hat sich das Freitagsproblem inzwischen etwas entschärft. Nach einem deutlichen Fingerzeig des Teamleiters gilt für den Freitag nicht mehr einfach das Prinzip «Ich bin dann mal weg», sondern zwingend die Absprache im Team. Man wechselt sich ab und muss auch mal an einem andern Wochentag kompensieren.

Erstellt: 07.07.2016, 22:13 Uhr

Stadt und Kanton

In den Köpfen beginnt die Woche am Montag

In der Zürcher Stadtverwaltung arbeitet rund die Hälfte der Mitarbeitenden Teilzeit. Auch hier ist das Freitagsphänomen Thema. Genaue Zahlen fehlen allerdings: Die Stadt erfasst laut Patrick Pons, Sprecher von Finanzvorsteher Daniel Leupi, nicht zentral, an welchen Tagen Teilzeitmitarbeitende freihaben. Es sei davon auszugehen, dass viele ihren freien Tag auf einen Randtag der Woche legen. Man stelle zudem auch bei Vollzeitlern fest, dass diese Überzeit gerne am Freitag kompensieren.

Roger Keller, Sprecher der kantonalen Finanzdirektion, weist darauf hin, dass grundsätzlich jede Betriebseinheit nach Anweisung des betreffenden Chefs oder der Chefin selber verantwortlich ist, wie sie die vorhandenen Pensen so arrangiert, dass die anfallende Arbeit erledigt werden kann. Zustände wie in Deutschland gebe es beim Kanton nicht. Wegen der tieferen Wochenarbeitszeit in Deutschland ist dort in öffentlichen Verwaltungen, aber auch in Unternehmen nach Freitagmittag oft niemand mehr erreichbar. Dass der Freitag als Teilzeittag beliebter ist als der Montag, könnte laut Keller damit zusammenhängen, dass wir den Montag als Wochenbeginn geradezu verinnerlicht haben und dann wieder auf dem Posten präsent sein und nichts verpassen wollen, was Anfang Woche eingefädelt wird.

Kaum betroffen vom Freitagsproblem sind Betriebe mit Präsenz- und Schichtbetrieb wie Polizei, Spitäler oder Verkehrsbetriebe. Beim Stadtspital Triemli heisst es dazu: «Wir sind ein 24-Stunden-Betrieb, der seine Dienstleistungen rund um die Uhr sicherstellen muss.» Auch bei den SBB sind laut einem Sprecher am Freitag tendenziell weniger Mitarbeitende in den Büros präsent. Doch die meisten Mitarbeiter wie Lokführer, Zugverkehrsleiter und Gleisbauarbeiter sind an feste Arbeitszeiten und Schichten gebunden. (mth)

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