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Der Geisterbahnhof an der Grenze

In Zürich ist die Neunutzung von SBB-Arealen umstritten – aber direkt hinter der Nordgrenze des Kantons liegt ein grosses Bahngelände seit Jahren brach.

An der Grenze zwischen Thurgau und Zürich liegt seit Jahrzehnten ein vor sich hinrostender Knotenpunkt des Bahnverkehrs. Video: Tamedia

Die Baupolitik der SBB ist ein Dauerbrenner der Stadtzürcher Politik. Dies zeigt sich aktuell bei der Kontroverse um das SBB-Areal an der Neugasse im Kreis 5. Vor den Sommerferien haben die SBB unter dem Druck einer linken Volksinitiative bekannt gegeben, dass ein Verkauf dieses Areals an die Stadt nicht infrage komme, dort aber mehr gemeinnützige Wohnungen entstehen sollen.

Immer wieder sehen sich die SBB in Zürich mit dem Vorwurf von Links-Grün konfrontiert, sie achten bei der Überbauung ihrer Grundstücke – etwa an der Europaallee – zu stark auf Profitmaxi­mierung. In auffälligem Kontrast zu den Diskussionen ums «Vergolden» von SBB-Arealen steht ein Stück Land rund 50 Kilometer von Zürich entfernt. Dort, in Etzwilen TG, unmittelbar hinter der Kantonsgrenze an der Bahnlinie Winterthur–Stein am Rhein, liegt seit Jahren ein weitläufiges Bahnareal mit Abstellgleisen und viel unbebautem Land praktisch brach. Auf den Gleisen vor den Prellböcken sind zwar hin und wieder ausrangierte Bahnwaggons zu sehen, sonst macht das Areal einen verlassenen Eindruck und erinnert an einen Geisterbahnhof.

Leere Güterwagen und demolierte Fanzüge

Das Bahnhofsgelände Etzwilen gehört den SBB, wie Sprecherin Franziska Frey sagt. Nur ein kleiner Teil des nördlichen Bahnhofgebiets ist im Besitz einer Stiftung, die auf der seit 2004 stillgelegten Bahnstrecke nach Singen einen Museumsbetrieb mit Dampflokomotiven betreibt.

Laut Frey sind die Abstellgleise in Etzwilen für die SBB-Baudienste und SBB Cargo reserviert. Diese würden bei grösseren Um- oder Neubauarbeiten wie etwa dem geplanten Doppelspurausbau bei Diessenhofen TG benötigt. Etzwilen sei in der Region der einzige Ort ausserhalb städtischer Gebiete, welcher dafür über ausreichend Gleiskapazitäten verfügt.

Parkiert werden vor allem leere Güterverkehrswagen, für die in städtischen Gebieten der Platz knapp ist oder die wegen Bauarbeiten temporär nach Etzwilen verschoben werden. Das Bahnareal dient laut Frey zudem als Abstellfläche für Bauwagen und zur Formation von Bauzügen. Diese Nutzungen stünden im Zusammenhang mit Unterhalts- und Bauarbeiten: «Da die Bauarbeiten Schwankungen unterworfen sind, werden die Gleise nur periodisch und in unterschiedlicher Intensität genutzt.»

Einst wichtiger Bahnknoten, heute verlassen: Gleisfeld in Etzwilen TG an der Linie Winterthur–Stein am Rhein. Ein Friedhof für ausrangierte Züge. Bild: Fabienne Andreoli
Einst wichtiger Bahnknoten, heute verlassen: Gleisfeld in Etzwilen TG an der Linie Winterthur–Stein am Rhein. Ein Friedhof für ausrangierte Züge. Bild: Fabienne Andreoli

Hin und wieder dient die Anlage auch als eine Art Friedhof für ausrangierte Bahnwagen, genauer: als Zwischenstation für Wagen auf dem Weg zur Verschrottung. Darunter finden sich nebst komplett vollgesprayten Wagen hin und wieder auch stark demolierte Wagen aus Fanzügen.

Aufstieg und Fall eines Bahnknotens in der Provinz

Die Abstellgleise sind ein Überbleibsel des einstigen Bahnknotens Etzwilen. Bis in die 1960er-Jahre war dieser von beträchtlicher Bedeutung für den Güterverkehr. «Die Anlage diente als Rangierbahnhof und stammt hauptsächlich aus der Zeit, als für den grenzüberschreitenden Güterverkehr nach Singen Lokwechsel an den Zügen nötig waren», sagt SBB-Sprecherin Frey.

Etzwilen hatte Ende des 19. Jahrhunderts einen erstaunlichen Aufstieg erlebt: 1873 war der kleine Ort per Staatsvertrag zwischen der Schweiz und dem Grossherzogtum Baden zu einem internationalen Bahnknoten aufgestiegen. «Beide Regierungen kommen überein, dass die schweizerischen und die badischen Eisenbahnen durch eine Eisenbahn von Winterthur über Etzwilen und Ramsen nach Singen und durch eine Abzweigung dieser Bahn von Etzwilen auf dem linken Rheinufer nach Konstanz in unmittelbare Verbindung gebracht werden», hiess es im Staatsvertrag.

Die SBB deponieren vor Ort ramponierte Waggons. Bild: Fabienne Andreoli
Die SBB deponieren vor Ort ramponierte Waggons. Bild: Fabienne Andreoli

Die Bahnstrecke Etzwilen–Singen wurde 1875 von der Schweizerischen Nationalbahn eröffnet, zeitgleich gingen auch die Bahnstrecken Etzwilen–Konstanz und Winterthur–Etzwilen in Betrieb. Doch der Boom war von kurzer Dauer. Die Nationalbahn ging 1878 in Konkurs. Darauf übernahm die Schweizerische Nordostbahn die Strecke, später gehörte sie zum Streckennetz der Schweizerischen Bundesbahnen. Als sich der Güterverkehr immer stärker auf die Strasse verlagerte, kam der schleichende Niedergang. 2004 wurde der Güterverkehr auf der nicht elektrifizierten Strecke ­Etzwilen–Singen definitiv eingestellt; Personenzüge fuhren bereits seit 1969 nicht mehr.

Planung für Geothermieprojekt sistiert

Seither liegt das Gelände weitgehend brach. Vor sechs Jahren gab es Pläne für ein Geothermieprojekt nördlich der Abstellgleise. Allerdings ist die Planung derzeit stillgelegt, wie Peter Meier, Chef der Geo-Energie Suisse AG, erklärt. Er würde das Projekt zwar gerne weiterverfolgen. Aber erstens wolle man das Bundesgerichtsurteil zum Geothermieprojekt im Kanton Jura abwarten, das Präzedenzcharakter aufweise (TA von gestern). Zweitens müsse zuerst geklärt werden, ob das Projekt in Etzwilen, das auf der Warteliste der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) steht, überhaupt noch eine Chance auf KEV-Förderung hat.

Während die SBB in Zürich ihre Gleisareale sukzessive überbauen, belassen sie die Brache in ­Etzwilen. Eine Überbauung mit Wohnungen, Gewerbe oder Industrie ist nicht geplant, wie Sprecherin Frey sagt. «Wir benötigen die Gleise weiterhin, sie sind langfristig als Abstellfläche vorgesehen.»

Ein Verkauf des Bahnareals sei ebenfalls nicht geplant. Nicht ausgeschlossen sei allenfalls ein Verkauf von Teilen, die nicht mehr bahnbetrieblich genutzt werden. Frey verweist auf die Unterschiede zu Zürich: In städtischen Gebieten sei der Platz äusserst knapp, deshalb herrschten ganz andere Verhältnisse.

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Gemäss dem aktuellen Zonenplan der Gemeinde Wagenhausen, zu der Etzwilen gehört, ist das SBB-Gelände teilweise der Industriezone mit Gleisanschlussmöglichkeit zugeteilt. Im Rahmen der geplanten Zonenplanrevision müsse diese Industriezone diskutiert werden, sagt Gemeindepräsident Harry Müller. Immerhin grenze das Areal direkt an ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung, das Etzwiler Ried. Ein Kauf des Geländes durch die Gemeinde sei kein Thema. Hingegen habe der Gemeinderat seinerzeit das Geothermieprojekt unterstützt.

Wilder Abenteuerspielplatz für Jugendliche

Laut Gemeindepräsident Müller haben die SBB in den vergangenen zwei Jahren deutlich weniger ausrangierte Wagen in Etzwilen abgestellt. Er führt dies auch auf den grossen Brand vom September 2013 zurück. Damals gingen 14 Personenwagen in Flammen auf. «Die Wagen waren nicht verschlossen und wurden von Jugendlichen als Versteck, Spiel- und Rückzugsort benutzt», sagt Müller. Der Brand sei durch glühende Kohle- und Tabakresten verursacht worden.

Die Übernahme der Lösch­kosten der Stützpunktfeuerwehr Stein am Rhein sei bis heute nicht geklärt. Die Gemeinde Wagenhausen hatte bereits in den Jahren davor die SBB schriftlich aufgefordert, auf dem Gelände für mehr Ordnung zu sorgen.

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